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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

14. April 2014

Fracking: Proteste gegen Fracking in Deutschland

 Von 
Klare Worte gegen Fracking: Protestbanner an einem Zaun.  Foto: Imago

An der Ostsee beginnt ein Test-Fracking. Bürgerinitiativen machen dagegen mobil. Dutzende Bürgerinitiativen haben sich bundesweit zusammengeschlossen. Dass Öl und Gas allenfalls aus sehr tiefen Gesteinsschichten gepresst werden soll beruhigt die Gegner der Methode nicht.

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Die Kanzlerin tat das, was sie am liebsten tut: Sie blieb im Ungefähren. „Es wird eine neue Betrachtung der gesamten Energiepolitik geben“, sagte Angela Merkel unlängst mit Blick auf die politische Krise in der Ukraine. Die Europäische Union sei zu sehr auf Öl und Gas aus Russland angewiesen. Das müsse sich ändern.

Eine neue Betrachtung der Energiepolitik: Die Formulierung lässt viel Raum für Spekulationen. Wer will, kann ihr entnehmen, dass sich Deutschland unter dem Eindruck der russischen Expansion in der Ukraine nun womöglich doch für die umstrittene Fracking-Technologie öffnen wird. Es war US-Präsident Barack Obama, der den EU-Staaten bei einem Besuch in Brüssel Ende März genau dies nahegelegt hatte. Er sagte: „Ich denke, es ist nützlich für Europa, seine eigenen Energievorkommen anzuschauen.“

Beim Fracking wird ein Cocktail aus Wasser, Chemikalien und Sand in tiefe Gesteinsschichten gepresst, um dort eingeschlossenes Gas oder Erdöl freizusetzen. Seit einigen Jahren erlebt die Technologie in den USA einen Boom. Und das hat weit reichende Folgen: Die Vereinigten Staaten sind zum größten Öl- und Gasproduzenten des Planeten aufgestiegen. Sie sind auf dem Weg zur Autarkie. Damit schwindet der außenpolitische Einfluss von Energie-Lieferanten wie Russland oder Saudi-Arabien. Die Gaspreise sind in den USA kräftig gesunken. Industrie und die Verbraucher jubeln – im Gegensatz zu Umweltschützern, die sich vor allem Sorgen um die Qualität des Grundwassers machen.

Enorme Energie-Reserven in Europa

Auch in Europa schlummern enorme Energie-Reserven im Boden. Fachleute der US-Energiebehörde EIA gehen allein von 13 Billionen Kubikmetern Schiefergas aus. Theoretisch könnte sich die Europäische Union damit fast 30 Jahre selbst versorgen.

Doch es ist nicht allein die Ukraine-Krise, die auch hier zu Lande die Debatte über Nutzen und Gefahren des Frackings neu belebt hat. Im vorpommerschen Küstenort Saal bei Barth hat das Unternehmen CEP Central European Petroleum gerade unter großem öffentlichen Interesse eine erste Testförderung gestartet. In einer Tiefe von 2700 Meter liegen ölführende Gesteinsschichten. Das Bohrloch stammt aus dem Jahr 2011. CEP spricht davon, dass die Lagerstätte daran „angeschlossen“ werde. Nach weiteren Testbohrungen und Genehmigungen könne die Erdölförderung 2017 beginnen.

Das Wort „Fracking“ wird bei CEP tunlichst vermieden. Vielmehr heißt es: „Die durch Bohrarbeiten verschlossenen Poren und Fugen im Speichergestein werden einmalig geöffnet, indem eine nichtwassergefährdende Flüssigkeit mit keramischem Stützmittel in das Bohrloch gepumpt wird.“ Dieses Verfahren sei in Deutschland seit Ende der 1960er Jahre viele hundert Male sicher eingesetzt worden – unter anderem in der direkten Nachbarschaft der Ostsee-Gemeinde

Im Kuss politisch vereint.  Foto: rtr/Neil Hall

Es sind Projekte wie jenes am Saaler Bodden, die Bewohner und Umwelt-Aktivisten auf die Straße treiben. Unter dem Namen „Gegen Gasbohren“ haben sich bundesweit Dutzende Bürgerinitiativen und Interessengemeinschaften zusammengeschlossen. Sie stemmen sich gegen Fracking zur Gas- und Ölgewinnung in ihrer Heimat. Den Schwerpunkt bilden Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Doch auch die Initiative „Lebensraum Vorpommern“ gehört dazu. Sie ruft für Ostermontag gemeinsam mit Linken und Grünen zu einer Demonstration in Zinnowitz gegen Fracking auf und hat dabei auch das Projekt in Saal im Blick.

Bevölkerung macht sich Sorgen

In den USA kommt die Fracking-Technologie häufig in geringer Tiefe zum Einsatz, relativ nah am Grundwasser. Darauf weisen Industrie-Vertreter und Befürworter der Technologie hin. In Saal und anderswo in Deutschland geht es um Bohrungen in mehreren Tausend Metern Tiefe. Die Sorgen der Bevölkerung bleiben aber groß.

In Niedersachsen, wo 95 Prozent des deutschen Erdgases gefördert werden und rund 25 000 Beschäftigte in der Branche arbeiten, haben sich Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) und Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) gerade nach langem Ringen auf einen neuen Erlass zum Fracking geeinigt. Sie weisen darauf hin, dass man mehrere Jahrzehnte Erfahrung damit habe, mehr als 300 Fracs seien ohne Probleme in Sandsteinschichten erfolgt. Fracking soll erlaubt bleiben, um konventionelle Lagerstätten zu erschließen. Diese würden ansonsten in etwa zehn Jahren versiegen.

Mit der Technologie lässt sich der Förderzeitraum wahrscheinlich verdoppeln. Allerdings muss künftig bei jeder einzelnen Tiefbohrung eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorgenommen werden. Die Förderung von Gas aus Schiefer oder Kohleflözen will die Landesregierung grundsätzlich verbieten.

Auch die schwarz-rote Bundesregierung in Berlin ist in dieser Hinsicht skeptisch: Die Schiefergasförderung durch Fracking sei „eine Technologie mit erheblichem Risikopotenzial“, heißt es im Koalitionsvertrag. Die vorangegangene Regierung aus Union und FDP war wegen interner Querelen mit dem Versuch gescheitert, die Schiefergas-Förderung gesetzlich zu regeln. Damit unterliegt Fracking weiter dem Bergrecht der Bundesländer. Es nimmt wenig Rücksicht auf Anwohner und Umwelt.

Andere europäische Staaten gehen das Thema offensiver an: Großbritannien und Polen etwa sind entschlossen, mit Fracking  ihre Abhängigkeit von Energie-Importen zu mindern.

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