Ein Besuch auf Europas größter Energie-Baustelle: Im finnischen Meerbusen erledigt die Solitaire den schwierigsten Bauteil der Gas-Pipeline Nord Stream
Treffen der Giganten: Die Solitaire, das weltgrößte Pipeline-Verlegeschiff. Foto: Nord Stream AG
Helsinki –
Keine Pausen? „Gar keine Pausen“, sagt Alfred Regtop, 56, der holländische Kapitän der Solitaire. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, wenn nötig und wenn das Wetter mitspielt für Monate ohne Unterbrechung, schiebt das 300 Meter lange Schiff aus dem stählernen Bauch eine stählerne Röhre.
Dieser Tage arbeitet sich die Solitaire aus dem Finnischen Meerbusen hinaus in die offene Ostsee und beendet ihre Arbeit. Sie verlegt den nordöstlichen Teil der umstrittenen und politisch brisanten Pipeline Nord Stream, die Deutschland und Westeuropa zum ersten Mal direkt mit russischen Gasfeldern verbindet. Hinter Nord Stream steht mehrheitlich der russische Monopolist Gazprom und damit die russische Regierung.
Schon diesen Herbst soll der erste Strang von Nord Stream in Betrieb gehen, Ende kommenden Jahres wird dann die zweite Leitung mit Gas geflutet. Das größte Energie-Infrastruktur-Projekt mit deutscher Beteiligung steht also kurz vor seiner Fertigstellung.
Das Wetter an diesem Hochsommertag ist mild, die Ostsee liegt flach in der Sonne und auch die Solitaire macht auf Deck einen friedlichen Eindruck. Alle paar Minuten setzt sie sie sich – kaum das man die leichte Erschütterung registriert – in Bewegung. Dann sind wieder 24 Meter der 1224 Kilometer zwischen Wyborg in Russland und Lubmin an der deutschen Ostseeküste geschafft.
12 Meter lang sind die mit Beton ummantelten Stahlrohre, die fünf Zulieferschiffe im ständigen Wechsel von der Küste zur Solitaire bringen. Nachdem ein Kran sie auf Förderrollen gehievt hat, verschwinden sie unter Deck. Steigt man ihnen hinterher in den großen Bauch des Schiffes, ist es vorbei mit der Ruhe und der frischen Seeluft. Hier quietscht das Gummi, kreischt der Stahl und zischen die Schweißgeräte. Es riecht nach Öl und verbranntem Metall.
In der dunklen, bei schlechtem Wetter schwankenden Fabrik auf hoher See, arbeitet der Großteil der 405 Mann starken Besatzung . Die meisten stammen aus Spanien und von den Philippinen. In Zwölf-Stunden-Schichten bauen sie die einzelnen Rohre unter ständigem Zeitdruck zu einer – wenn alles nach Plan geht – völlig dichten Energiearterie zusammen, die Belastungen von mehreren Hundert Bar aushalten muss und einen Innendurchmesser von etwas mehr als einem Meter hat.
Unkonventionelle Energiegewinnung
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Unkonventionelle Energiegewinnung
Erdwärme-Kraftwerke, wie dieses im mecklenburgischen Neustadt-Glewe im Kreis Ludwigslust, das 2003 offiziell ans Netz ging, arbeiten mit unterschiedlichen Methoden. Das Geothermie-Kraftwerk nutzt 97 Grad heißes Tiefenwasser aus der Erdkruste und erzeugt jährlich 1.400 Megawattstunden Strom für bis zu 500 Haushalte.
Foto: dpa/dpaweb
Auch sogenannte Biogasanlagen ermöglichen es, alternative Energien zu gewinnen. Eines steht in Schwedt in der neuen Anlage des Betreibers Verbio. Die Biogasanlage nahm im März offiziell ihren Betrieb auf. Die Technik wird schon an vielen Stellen genutzt.
Foto: dpa
Hier werden nur Reststoffe verwertet. Die Produktionsstätte ist mit einer bestehenden Anlage des Unternehmens zur Bioethanol-Herstellung gekoppelt. Die Biogasanlage kostete nach Unternehmensangaben rund 40 Millionen Euro. und erzeugt rund 30 Megawatt Strom.
Foto: dapd
Zu den unkonventionellen Methoden der Energiegewinnung zählen Aufwindkraftwerke. Ihre gigantischen Ausmaße machen sie für Europa wenig geeignet: Bis zu 1000 Meter hoch und 100 Meter breit müssen sie sein. An ihrem Fuß soll ein fast fünf Kilometer großes Glasfeld die von der Sonne im Boden erzeugte Hitze zum Turm in der Mitte leiten und die dort integrierten Turbinen antreiben.
Foto: Schlaich Bergermann Solar GmbH
Mit dieser Technik können 200 Megawatt Strom pro Turm erzeugt werden. Allerdings wohl eher in unbewohnten Wüstenregionen. Eine Anlage kostet bis zu 800 Millionen Euro.
Foto: Schlaich Bergermann Solar GmbH
Eine der ältesten Formen der Energiegewinnung ist Wasserkraft. Das geht jedoch nicht nur durch Staustufen sondern auch mit Gezeitenkraftwerken wie hier in St. Malo (Archivbild). Ebbe und Flut lassen den Wasserstand um bis zu zehn Meter schwanken. Spitzenleistung liegt bei 240 Megawatt.
Foto: dpa
Einen ganz anderen Weg beschreiten Druckluftkraftwerke. Weltweit gibt es erst zwei, eins davon in Huntdorf bei Bremen. Es verfügt über eine Leistung von 321 Megawatt.
Foto: eon
Bei Solnova 1 bündeln Spiegel in Form von Parabolrinnen das Sonnenlicht in einem Rohr und heizen das darin zirkulierende Spezialöl, das sogenannte Wärmeträgermedium, auf. Ein anderer Weg besteht darin, das Sonnenlicht von zahlreichen flachen Spiegeln auf einer kleinen Fläche an der Spitze eines oft mehr als 100 Meter hohen Turmes zu bündeln. Vermutlich werden unterschiedliche Technologien im Rahmen des visionären Projekts Desertec zum Einsatz kommen: Das Projekt sieht vor, Strom solarthermischer Kraftwerke aus Nordafrika nach Europa zu übertragen.
Foto: Siemens AG
Alternative Energien sind auf dem Vormarsch. Manche sind gerade erst in der Entwicklung, andere längst eingeführt. FR-online.de zeigt die Möglichkeiten der Technik und die Perspektiven auf. Pumpspeicher-Kraftwerke, wie das Hohenwarte II-Kraftwerk in Thüringen, arbeiten mit Wasser. Das seit 1966 laufende Spitzenlastkraftwerk hat eine Leistung von 320 Megawatt Elektroenergie. Zu Zeiten von geringem Elektroenergieverbrauch wird Wasser von einem Unterbecken in das Oberbecken gepumpt, zu Zeiten mit hohem Energiebedarf strömt das Wasser aus dem Oberbecken wieder in das Unterbecken und treibt dabei Turbinen zur Stromerzeugung an.
Foto:
dpa/dpaweb
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Windkraft vor deutschen Küsten
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Windkraft vor deutschen Küsten
Für den Windpark BARD gibt es ein Errichterschiff: Hier fährt es im Hafen von Emden auf vier Stelzen hoch. Mit spezieller Technik soll der Windpark vor der Insel Borkum gebaut werden.
Foto: dpa
Im Sommer 2010 waren die drei ersten Windräder des einhundert Kilometer nordwestlich von Borkum (Kreis Leer) entstehenden Windenergieparks BARD Offshore 1 fertig.
Foto: dpa
Zur Zeit wird am Rysumer Nacken an der Emsmündung gebaut - hier wird ein neuer Generatortyp in emden für den Transport vorbereitet. Dessen Windräder sollen einen Rotorkreisdurchmesser von 120 Metern haben und im April ihren Dienst zur Probe aufnehmen.
Foto: dpa
Dafür werden die alten Generatorgondeln per Kran demontiert.
Foto: dapd
...und die riesigen Rotoren (Februar 2011).
Foto: dapd
Auch riesige Rohre werden für die Windparks vor Borkum verladen, wie hier im Hafen Lubmin.
Foto: dapd
Um die Fundamente der Windräder zu bewegen sind Schwimmkräne nötig.
Foto: dapd
Die Fundament-Rohre sind rund 430 Tonnen schwer und 85 Meter lang.
Foto: dapd
Doch was Technikfans begeistert, hat auch viele Kritiker, sogar von beamteter Seite. Denn einige Windparks sollen in den Zuggebieten von Seevögeln entstehen - die dadurch vertrieben werden könnten.
Foto: Alpha Ventus
Zu den von Windkraftanlagen und Schiffahrt betroffenen Arten gehören der Prachttaucher...
Foto: wiki commons/ Robert Bergman / US Fish and Wildlife Service
...und der Sterntaucher - hier mit Küken (Archivbild)
Foto: wiki commons/David Karnå
Während die Vögel von den Rotoren der Windräder gestört werden, haben die etwa 1,80 groß werdenden Schweinswale (Phocoena phocoena) ein ganz anderes Problem mit den Windparks.
Foto: ddp
Sie ertragen den Baulärm nicht, wenn Maschinen die Fundamente in den Meeresboden rammen. Aus einigen Gebieten haben sie sich daher schon zurückgezogen.
Foto: ddp
Das Bundesamt für Naturschutz wirft den Betreibern vor, das Problem mit dem Baulärm nicht in den Griff zu bekommen. Das Problem: Viele Anlagen wurden genehmigt, bevor Erkenntnisse über Auswirkungen auf Vögel und Tiere vorlagen.
Foto: dapd
Vor der deutschen Küste zur Nordsee entstehen immer mehr große Windkraftanlagen. Die erste Offshore-Anlage war Alpha Ventus, die im November 2010 ihren ersten Geburtstag feierte. Weil die Windparks auf spezialisierte Schiffe zur Versorgung angewiesen sind, hoffen die nahegelegenen Werften auf neue Aufträge.
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dpa
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Stromerzeugung in Deutschland
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Stromerzeugung in Deutschland
Der Ausstieg aus dem Atomstrom könnte schneller erfolgen als geplant. Die Grafik zeigt die Anteile des Atomstroms bis 2019 - die Folgegrafik geht weiter....
Foto: FR/Galanty
Bis 2030 könnte aller Strom aus erneuerbaren Energieformen stammen.
Foto: FR/Galanty/Kühl
Das Atommoratorium und Wartungsarbeiten führten im Mai 2011 zu der kuriosen Situation, dass nur sechs Atomkraftwerke am Netz waren. Dennoch brach nirgends die Stromversorgung zusammen. Die Fakten im Einzelnen....
Noch am 12. März 2011 halten sich Atomkraftwerke und Braunkohle die Waage...
Am 2. Mai sank die Stromerzeugung insgesamt und der Anteil der AKW erheblich.
Gehandelt wird der Strom an der Leipziger Börse EEX zum stündlichen Kauf. Die Grafik zeigt die Preisentwicklung.
Dabei ist die Herstellung unterschiedlich teuer - am günstigsten ist Braunkohle.
Windkraft zählt zu den teureren Energiegewinnungsformen ist aber viel umweltverträglicher. Geeignete Standorte dafür gibt es vor allem in Norddeutschland.
Der Strom für deutsche Steckdosen kommt aus verschiedenen Quellen: Braunkohle, Gas, Steinkohle und Uran (AKW). Damit der Strom alle Haushalte erreicht gibt es Stromtrassen - doch deren Kapazität reicht laut Experten nicht aus. Daher sind neue Stromtrassen vor allem für erneuerbare Energien geplant.
Foto:
FR/Galanty
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Versenkung im Minutentakt
Zunächst werden zwei Rohre zu einem Doppelstück zusammengeschweißt. Wenn hier etwas schiefgeht, wird das Stück mit der defekten Schweißnaht aussortiert – Verzögerung gibt es nicht. Ein Stockwerk tiefer bleibt weder Raum noch Zeit für Fehler. Hier werden die 24-Meter-Stücke an die ins Meer reichende Pipeline geschweißt. 290 Kilometer liegen schon zwischen der Solitaire und dem Startpunkt nahe Wyborg. 3800 Meter Pipeline schafft die Solitaire derzeit am Tag. Das heißt: Alle neun Minuten wird ein neues Doppelstück im Meer versenkt.
Das ist ein harter Takt. Damit er geschafft werden kann, ist das Verschweißen der Pipeline auf mehrere Stationen aufgeteilt. An der ersten wird von mehreren Männern gemeinsam der Schweißbrenner aufgesetzt, zwei bis drei Nähte sind nötig. Hektische Kommandos werden gebrüllt, die weiß flackernde Schweißflamme arbeitet sich in wenigen Sekunden um das Rohr. Eine zu heiße Flamme, eine Abweichung um Millimeter und der Schaden ist groß. „Hier arbeiten meine besten Männer“, sagt Regtop. Zeit, von ihrem Job zu berichten, haben sie nicht. Aber ihre Helme zeigen, worauf sie stolz sind. Darauf prangen wie Trophäen die Aufkleber der Unternehmen, für die sie schon Pipelines verlegt haben: BP, die brasilianische Petrobras, die norwegische Statoil.
Nach dem Schweißen wird mit Ultraschall die Qualität der Naht überprüft. Bei jeder Hundertsten muss nachgearbeitet werden. Schließlich wird eine Plastikdecke, die wie schwarzes Leder glänzt, um die Nähte gespannt. Zuletzt versiegelt eine PU-Schaum-Manschette die Übergänge zwischen den einzelnen Rohren. So präpariert soll die Pipeline mindestens 50 Jahre ohne Wartung von außen auf dem Meeresgrund liegen. Ein Hupton hallt durch die Fabrik auf hoher See. Langsam lösen sich die drei gewaltigen Zwingbacken, die die Pipeline am Schiff festhalten – oder vielmehr das Schiff an der Pipeline. Denn die Pipeline bleibt stehen, während die Solitaire sich genau 24 Meter rasselnd nach vorne schiebt. Die Super-Röhre verschwindet über einen möwenumschwärmten Ausleger in den blaugrünen Fluten der Ostsee. 700 Meter hinter dem Schiff, in 80 Meter Tiefe, trifft die Gasröhre auf den Grund.
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Die Solitaire, das größte und leistungsfähigste Verlegeschiff der Welt, kommt hier zum Einsatz, weil sie ohne Anker die Position halten kann, mit Hilfe von zehn Schiffsschrauben, die ständig die Strömung ausgleichen. Das ist praktisch und spart Geld, hätte doch sonst ein viel größerer Korridor um die Pipeline herum von Weltkriegsminen geräumt werden müssen.
Der erste Pipelinestrang, den die Solitaire bis in die offene Ostsee verlegt hat, ruht in einigen Metern Entfernung bereits auf dem Grund. Zwei weitere Pipelineschiffe erledigen den Rest der Strecke, im kommenden Frühjahr sind dann insgesamt 202 000 Rohre auf dem Meeresboden zusammengeschlossen.
Das Team von Regtop liegt derzeit weit über dem Soll von knapp drei Kilometern pro Tag. Wie schafft es die Mannschaft, diese Fleißarbeit konzentriert durchzuhalten? Wichtig sei, dass die Crew zufrieden ist, sagt Regtop. „Wir sind eine Fabrik, aber auch ein schwimmendes Hotel.“ Es gibt mindestens 700 Gramm Fleisch pro Tag und Person, einen Swimming-Pool, ein Basketball-Feld und vor allem ein Drittel der Zeit in der Heimat.
Vorwärts getrieben werden die Arbeiter auf der Solitaire aber auch vom eigenen Ehrgeiz, erzählt Regtop: „Hier läuft ein endloses Match zwischen der Früh- und der Spätschicht. Hat die erste Schicht 100 Rohre geschafft, will die nächste 101 Rohre schaffen.“