Es ist ein gefährlicher Rückschritt beim klimafreundlichen Umbau des Energiesystems. Dennoch: Die Strombosse werden längere Laufzeiten für ihre Atomkraftwerke bekommen. Eine Hoffnung bleibt. Von Joachim Wille
Es ist ein gefährlicher Rückschritt beim klimafreundlichen Umbau des Energiesystems. Dennoch: Die Strombosse werden längere Laufzeiten für ihre Atomkraftwerke bekommen.
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Es ist nur ein Routinetreffen. Eigentlich. Turnusmäßig setzen sich die Kernenergie-Chefs der vier Stromkonzerne heute mit der Regierung zusammen, um den "Erfahrungsaustausch" über Atomausstieg und Energiestrategie weiter zu pflegen. Diese nuklearen Tete-à-tetes sind im "Atomkonsens" festgelegt, den Wirtschaft und Politik im Jahr 2000 geschlossen haben.
Natürlich: Es ist nicht nur ein Routinetreffen. Es geht im Jahr eins nach Bildung der Wunschkoalition der Stromriesen darum, jene historische Entscheidung zu revidieren, die erstens den Atomkonflikt im Land weitgehend befriedet hat und zweitens die Voraussetzung für den beschleunigten Umstieg auf erneuerbare Energien ist. Es werden heute keine Entscheidungen dazu fallen. Dazu ist die Materie viel zu komplex.
Es ist ein gefährlicher Rückschritt beim klimafreundlichen Umbau des Energiesystems. Dennoch: Die Strombosse werden längere Laufzeiten für ihre Atomkraftwerke bekommen.
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Doch die Strombosse werden mit aller Macht darauf drängen, dass die Merkel-Regierung den bald drohenden Exitus ihrer Handvoll Altmeiler wie Neckarwestheim 1 und Biblis abwendet. Das verbirgt sich hinter dem nüchternen Tagesordnungspunkt "Situation der Kernkraftwerke mit weitgehend verbrauchten Strommengen".
Die Sache brennt den AKW-Betreibern, die sich mit runtergedimmten Reaktoren bis über die Bundestagswahl tricksten, gewaltig unter den Nägeln.
Die Gorleben-Story
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Im niedersächsischen Gorleben sollte nach den Plänen von Bundes- und Landesregierung von 1977 ein komplettes atomares Entsorgungszentrum entstehen. Geplant waren ein Zwischenlager für Castor-Behälter, eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) für abgebrannte Kernbrennstoffe sowie ein Endlager tief unten im Salzstock. Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) präsentierte den Standort bei einer Pressekonferenz im Februar 1977 in Hannover.
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Der gewählte Standort für das atomare Entsorgungszentrum liegt rund zwei Kilometer südlich der Gemeinde im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Die Region befindet sich an der früheren Grenze zur DDR und ist dünn besiedelt.
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Entgegen der Erwartung von Ministerpräsident Albrecht bildete sich schnell eine starke Protestbewegung. 1979 nahmen an einem "Treck nach Hannover" mehr als 100.000 Menschen teil. Albrecht sah ein, dass das große Entsorgungskonzept keine Chance hatte. Er erklärte, eine WAA-Atomfabrik sei "politisch nicht durchsetzbar".
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Die Pläne für das Zwischenlager, in dem Castor-Behälter mit abgebrannten Brennelementen und verglaste hochradioaktive Abfälle untergebracht werden sollten, und für das Endlager wurden jedoch weiter verfolgt.
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Das Zwischenlager wird seit 1984 betrieben. Die Lagerhalle für Behälter ist 4500 Quadratmeter groß und fünf Meter hoch.
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Die regelmäßigen Castor-Transporte nach Gorleben aus der französischen WAA in La Hague, wo abgebrannte Brennstäbe bis zum Jahr 2005 angenommen wurden, sind stets von starken Protesten begleitet.
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Spektakuläre Aktionen, wie hier von Robion Wood, konnten den Transport jedoch allenfalls verzögern.
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Immer wieder blockierten Demonstranten - gut bewacht von der Polizei - den Schienenweg in Richtung Gorleben.
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Die Kreativität der Demonstranten machte den Protest gegen die Transporte nach Gorleben zu regelmäßigen Medien-Aufregern.
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Mit der Hartnäckigkeit der Demonstranten hatte die Polizei oft ihre liebe Mühe.
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Auch Greenpeace gehörte immer wieder zu den wichtigen Impulsgebern der Demonstrationen.
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Menschen aus ganz Europa demonstrieren regelmäßig gegen die Castor-Transporte.
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1979 begann die Untersuchung des Salzstocks, die Aufschluss über die Eignung als Endlager geben sollte. Der Verdacht, dass Niedersachsen den Standort im Wendland nicht primär aus fachlichen, sondern aus politischen Gründen ausgesucht hatte, wurde jüngst bestätigt.
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Als damaliges Mitglied der Auswahl-Kommission sagte der heute emeritierte Geologie-Professor Gerd Lüttig, Albrecht habe Kommissionsempfehlungen nicht abgewartet, sondern sei festgelegt gewesen.
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Zitat: "Er wollte einen Standort in der Nähe der damaligen Zonengrenze haben, weil die Ostzonalen, wie er immer sagte, uns die Geschichte mit ihrem Endlager Morsleben eingebrockt hatten" (Lüttig).
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Im sachsen-anhaltinischen Morsleben hatte Ost-Berlin ein Atom-Endlager nahe der Grenze eröffnet. Nach Aussagen von Experten waren andere norddeutsche Salzstöcke nach Aktenlage mindestens ebenso oder besser geeignet als Gorleben.
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Bis 1983 lief die Voruntersuchung in Gorleben, die von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) bewertet wurde. Danach startete die untertägige Erkundung, die die Stromkonzerne - und damit die Stromkunden - bislang 1,5 Milliarden Euro gekostet hat. Sie wurde im Jahr 2000 gestoppt.
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Sowohl Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) als auch sein Nachfolger Sigmar Gabriel (SPD) versuchten, eine neue Endlagersuche zu starten. Dabei sollten nicht nur Salzstöcke, sondern auch Granit-Standorte einbezogen werden, die sich in Baden-Württemberg und Bayern befinden. Das scheiterte aber am Widerstand von Union und FDP sowie der Atomwirtschaft, die die Erkundungsarbeiten in Gorleben möglichst schnell wieder aufnehmen lassen wollen.
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Neue Zweifel an der Eignung Gorlebens bringt ein Gutachten des Ex-PTB-Mitarbeiters Ulrich Schneider, das die niedersächsischen Linken in Auftrag gegeben haben. "Es stellt sich die Frage, wann Gorleben absaufen wird", sagte der Geologe. Er verglich den Salzstock mit einem hohlen Zahn, in den Wasser wie Karies eindringe. Frühere Untersuchungen über Wasserläufe in dem Gestein kritisierte er als zu undifferenziert. Wasser dringe in das Steinsalz des geplanten Endlagers umgebenden Kalisalzschichten ein und weiche diese auf.
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Der Salzstock bei Gorleben wird seit 1977 als möglicher Standort zur Endlagerung hoch radioaktiven Atommülls gehandelt. Einige Geologen bezweifeln die Tauglichkeit des Salzstocks in Gorleben als Endlager. Umweltschützer vermuten, dass der Salzstock unter dem Deckmantel der Erkundung bereits seit Jahrzehnten zum Endlager für hoch radioaktiven Atommüll ausgebaut wird. Die FR erzählt die Gorleben-Story und den Protest in Bildern
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Joachim Wille ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.
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Joachim Wille ist Politikredakteur der Frankfurter Rundschau.
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Dass es überhaupt so weit kommen konnte, ist einerseits ein gutes Zeichen. Es zeigt: Nicht einmal die "Wunschkoalition" traut sich, den Ausstieg aus dem Ausstieg gegen die geballten Warnungen von Energie-, Umwelt -und Kartell-Experten durchzuwinken. In den Koalitionsverhandlungen schaffte Schwarz-Gelb es nicht, konkrete Festlegungen zur AKW-Laufzeitverlängerung zu treffen.
Offensive für die AKW-Reanimation
Erstaunt nahm die Öffentlichkeit zur Kenntnis: Die beiden Parteien hatten jenseits ihres Schlachtrufs "Atom soll bleiben" kein klares Konzept für die Energiezukunft des Landes. Doch diese Konzeptionslosigkeit ist auch hoch gefährlich. Denn es drohen Entscheidungen zu fallen, die nur deswegen fallen, weil mächtige Konzerne mächtig Druck machen.
Wie das läuft, kann man bei FDP-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle sehen. Der selbsternannte Kämpfer gegen die Über-macht der Konzerne macht regierungsintern Druck. Er plädiert offensiv für die AKW-Reanimation und macht regierungsintern Druck, den Stromkonzernen schnell Klarheit über den Laufzeit-Zuschlag zu verschaffen.
Der mangelhafte Wettbewerb im Strommarkt, in dem die "Großen Vier" mehr als 80 Prozent des Stroms liefern, wird damit zementiert. Das weiß Brüderle natürlich, Kartellamtschef Andreas Mundt hat es ihm gerade erst wieder gesagt. Folgen hat es nicht. Das ist das Problem.
Doch mit Schwarz-Gelb droht nicht nur die Konservierung von Konzernmacht, sondern auch ein gefährlicher Rückschritt beim klimafreundlichen Umbau des Energiesystems. Wer Atomkraftwerke länger am Netz lassen will, verstopft, bildlich gesprochen, die Netze für mehr Ökostrom. Letzterer braucht nämlich zur Ergänzung keine Mega-Stromzentralen, sondern einen neu zu bauenden Kraftwerkspark, der flexibel ist, hocheffizient und dezentral.
Eine "Verhinderungstechnologie"
Die Kernkraft wird, wenn die Atomfans der FDP und vom Wirtschaftsflügel der Union sich durchsetzen, keine "Brückentechnologie". Sie wird, wie es der Umwelt-Sachverständigenrat der Bundesregierung formulierte, eine "Verhinderungstechnologie".
Union und FDP werden, der breiten Kritik zum Trotz, ihr Wahlversprechen einhalten und die Atome länger strahlen lassen. Mit ihrer Entscheidung, auch den AKW-Export in Schwellenländer trotz aller Bedenken wieder kräftig zu fördern, haben sie das Signal gesetzt. Als letzte Hoffnung bleibt also nur, dass sich beim Thema Laufzeit-Verlängerung die besonneneren Kräfte in der Union durchsetzen, die diese an strenge Kriterien koppeln wollen.
"Safety first" muss das erste davon sein. Also: Kein Persilschein für alle Reaktoren, sondern Einzelprüfung und mehr Lebensjahre nur für solche Anlagen, die modernen Sicherheitskriterien entsprechen. AKW, die wie die Abschaltkandidaten Neckarwestheim 1 und Biblis A nicht gegen Abstürze größerer Flugzeuge ausgelegt sind, gehören nicht dazu.
Weitere Bedingung: Die dann entstehenden Extragewinne der Konzerne müssen nicht nur zur Hälfte, sondern komplett zur Förderung und Weiterentwicklung der erneuerbare Energien eingesetzt werden. Damit könnten Eon, RWE und Co. zeigen, dass sie ihre Bekenntnisse zur Klimawende im Energiesytem wirklich ernst meinen.