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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

20. Mai 2010

Gorleben-Erkundung: Daten manipuliert

 Von Joachim Wille
Gorleben unter Tage: Bergleute stehen vor einem sogenannten Sprenglochbild.  Foto: ddp

Geologe und früherer Gorleben-Mitarbeiter Thomas Diettrich betreute die ersten Probebohrungen in der Salzstock-Region. Für den Experten ist es der wohl ungeeignetste aller Standorte für ein Endlager. Für FR-online berichtet er über die umstrittenen Untersuchungen, bei denen sieben Arbeiter verletzt wurden. Von Joachim Wille

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Ein früherer Gorleben-Mitarbeiter hat das Verfahren bei der ersten Erkundung des Salzstock-Gebiets, in dem möglicherweise ein Atom-Endlager gebaut werden soll, heftig kritisiert. "Die Untersuchungsergebnisse wurden damals eindeutig manipuliert", sagte der Geologe und Ingenieur Thomas Diettrich der FR. Er sei kein Gegner der Endlagerung, betont der heute 67-jährige Experte. Gorleben sei jedoch "der wohl ungeeignetste aller Standorte für ein Endlager, die ich in 30 Jahren in zahlreichen Ländern der Welt gesehen habe", urteilt er.

Der Ingenieurgeologe war in den 1970er und 80er Jahren unter anderem Angestellter des Frankfurter Ingenieur-Unternehmens Lahmeyer. Er betreute erste Probebohrungen in der 1977 von der niedersächsischen Landesregierung für ein "nationales Entsorgungszentrum" bestimmten Salzstock-Region und wertete sie aus.

Thomas Diettrich, 67, arbeitete in den 70er Jahren als Geologe  bei Bohrungen in Gorleben mit.
Thomas Diettrich, 67, arbeitete in den 70er Jahren als Geologe bei Bohrungen in Gorleben mit.
 Foto: privat

"Mein Job war damals, die Daten etwa aus Geotechnik, Hydrologie und menschlichen Verhaltensmustern in mathematischen Modellen zu erfassen, um die dauerhafte Sicherheit eines möglichen Endlagers bewerten zu können", erläutert Diettrich. Der Geologe hat mehrere Projekte zur Lagerung und Endlagerung von Atommüll bearbeitet - so in Südafrika und Schweden.

In Deutschland war Diettrich in Gorleben und für das damals geplante Zwischenlager im nordrhein-westfälischen Ahaus tätig; bei Letzterem berechnete er die Gefahren, die beim Absturz eines Jumbo-Jets auf die Lagerhallen entstehen würden. Danach arbeitete Diettrich als Geologie-Experte für das Bundesentwicklungsministeriums und die GTZ.

Die Probebohrungen erbrachten Diettrichs Darstellung zufolge Ergebnisse, die gegen ein Endlager in diesem Gebiet sprachen: "Die geologische Struktur im Deckgebirge über dem Salzstock war sehr zerklüftet und die Gefahr groß, dass Oberflächenwasser vergleichsweise schnell in Kontakt mit dem Salzstock kommt." Auch viele Daten zur "Fließgeschwindigkeit" des Salzes - wichtig für den Bau der Stollen und Lagerräume im Salzstock - seien ungünstig gewesen.

Beim damaligen Auftraggeber der Untersuchung, der Deutschen Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK), seien diese Ergebnisse alles andere als willkommen gewesen. DWK-Verantwortliche hätten ihn und Kollegen angewiesen, "aus der Vielzahl der Daten jene auszuwählen, die das Projekt in günstigem Licht erscheinen ließen", so der Geologe. "In die Anträge, die die DWK etwa bei der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) stellte, kamen nur die besten Zahlen hinein."

Einmal habe ein Sicherheitsbeauftragter, der die Experten an ihrem temporären Wohnort in Lüchow-Dannenberg "betreute", sogar wissenschaftliche Diskussionen im Fachkollegenkreis zu den Messergebnissen untersagt, sagt Diettrich. Vorschläge, andere Endlager-Gesteine - etwa Granit - zu untersuchen, seien von der DWK zurückgewiesen worden. Die Tiefbohrungen in den Salzstock hinein, die 1983 zur Entscheidung für die unterirdische Gorleben-Erkundung führten, liefen erst 1979 unter Federführung der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) an.

Sieben Arbeiter verletzt

Zum Fall Gorleben berichtet Diettrich weiter, die Vorgesetzten hätten auch Warnungen vor Gefahren durch Tongesteine im Deckgebirge "unterdrückt". Diettrich hatte nach eigenen Angaben festgestellt, dass dort auch extrem trockener "Quellton" lagerte, der bei Kontakt mit Wasser sein Volumen vervielfacht, wodurch sehr hoher Druck auf die Umgebung entsteht. Tatsächlich kam es im Jahr 1987 beim Abteufen des Schachts für das "Erkundungsbergwerk" im Salzstock zu einem Unfall. Ein 1,5 Tonnen schwerer stählerner "Ausbauring" rutschte - auch aufgrund hohen Drucks - aus der Verankerung. Beim Herabstürzen wurden sieben Arbeiter verletzt, einer davon tödlich.

Diettrichs damaliger Chef bei Lahmeyer, der spätere Aachener Geologie-Professor Kurt Schetelig, bestätigt der FR, dass das Unternehmen geologische Untersuchungen des Gorleben-Deckgebirges und möglicherweise auch oberer Salzschichten im Auftrag der DWK gemacht hat. Das Deckgebirge sei nicht homogen gewesen, sondern zum Teil von tiefen Rinnen durchzogen. Auch sei man auf Salzkonzentrationen in Bachläufen der Region gestoßen, ein Hinweis darauf, dass der Salzstock "in geringem Maß von Süßwasser abgelaugt wird". Solche Erscheinungen gebe es aber in fast allen Gegenden Deutschlands, in denen sich Salz im Untergrund befindet. Diettrichs negative Gorleben-Bewertung könne er "nicht bestätigen", sagte er der FR.

Schetelig, der emeritiert ist, verweist darauf, dass die letzte fachliche Bewertung der Untersuchungen beim Niedersächsischen Landesamt für Bodenforschung (NLfB) gelegen habe. Gorleben habe ein "riesiges Salzvolumen", sagt er. Es sei trotz der Zerklüftungen im "Gipshut" des Salzstocks sehr wahrscheinlich, dass dort genügend homogenes Salzgestein für ein sicheres Unterbringen des Atommülls vorhanden sei. Dies sei durch eine weitere Erkundung zu überprüfen.

Die DWK, die zuletzt die wegen Protesten gestoppte Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf plante, ging Ende der 90er Jahre in der Essener Gesellschaft für Nuklearservice (GNS) auf. Akten über die von ihr durchgeführten Gorleben-Untersuchungen existieren nicht mehr, wie die GNS auf FR-Anfrage mitteilte. Dafür gebe es keine Aufbewahrungspflicht. Die Akten seien vermutlich vernichtet worden.

Der frühere federführende Gorleben-Experte, Professor Helmut Röthemeyer, betont im Gespräch mit der FR, die vom ihm ab 1979 überwachten Tiefbohrungen im Salzstock hätten keine Ergebnisse erbracht, die eine Gorleben-Eignung infrage stellten. Der Ex-Abteilungsleiter der PTB sowie später des Bundesamtes für Strahlenschutz hatte 1983 den Start der unterirdischen Erkundung in einem Gutachten befürwortet. Er räumt allerdings gegenüber der FR ein, dass sein Amt und die ausführenden Fachfirmen von dem Schachtbau-Unfall 1987 "überrascht" worden seien.

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