Was war bei der Suche nach einem atomaren Endlager wohl wichtiger, die geologische Qualität der Salzstöcke oder die Arbeitslosenquote in der Region? Neue Aktenfunde belegen die politische Fixierung auf den Atomstandort Gorleben. Von Joachim Wille
Atomkraftgegner ziehen in Gorleben vor dem Zwischenlager Gorleben bei einer Protestaktion einen Schlitten, auf dem symbolische Fässer mit dem Symbol für Radioaktivität und Aktivisten mit Schweinsmasken stehen (24.01.10).
Foto: Andreas Conradt/PubliXviewinG/ddp
Atomkraftgegner ziehen in Gorleben vor dem Zwischenlager Gorleben bei einer Protestaktion einen Schlitten, auf dem symbolische Fässer mit dem Symbol für Radioaktivität und Aktivisten mit Schweinsmasken stehen (24.01.10).
Foto: Andreas Conradt/PubliXviewinG/ddp
Neues Futter für den Gorleben-Untersuchungsausschuss, der demnächst im Bundestag starten soll: Aktenfunde aus dem Jahr 1981 zeigen, dass die damalige Bundesregierung von Helmut Schmidt (SPD) bei der Suche nach einem atomaren Endlager mehrere Standorte untersuchen lassen wollte. Sie lehnte die Fixierung des Landes Niedersachsen auf den Salzstock Gorleben ab, den der damalige Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) vornehmlich aus politischen Gründen und gegen den Rat von Geologen ausgesucht hatte. Vergeblich, wie man weiß. Die Albrecht-Position setzte sich nach dem Wechsel zur CDU/FDP-Regierung von Helmut Kohl im Jahr 1982 dann durch.
Eine Vorlage für das Bundeskabinett von 12. Juni 1981, die der FR vorliegt, macht die Auseinandersetzung um den richtigen Endlagerkurs deutlich. "Die Bundesregierung war immer der Auffassung, daß für die Entscheidung über die Errichtung eines Endlagers (
) die gleichzeitige Untersuchung mehrerer Standorte notwendig ist", heißt es darin. Der Grund: Man wollte "bei negativem Ausgang der Untersuchungen in Gorleben mit möglichst geringem Zeitverzug die Realisierung des Entsorgungskonzeptes an einem anderen Standort weitertreiben" können.
Atomkraftgegner ziehen in Gorleben vor dem Zwischenlager Gorleben bei einer Protestaktion einen Schlitten, auf dem symbolische Fässer mit dem Symbol für Radioaktivität und Aktivisten mit Schweinsmasken stehen (24.01.10).
Foto: Andreas Conradt/PubliXviewinG/ddp
Atomkraftgegner ziehen in Gorleben vor dem Zwischenlager Gorleben bei einer Protestaktion einen Schlitten, auf dem symbolische Fässer mit dem Symbol für Radioaktivität und Aktivisten mit Schweinsmasken stehen (24.01.10).
Foto: Andreas Conradt/PubliXviewinG/ddp
Kurze Rückblende: Den Startschuss für die Endlagersuche hatte 1977 das so genannte Nuklearkabinett gegeben, in dem der Bundeskanzler sowie vier Minister (Außen, Innen, Wirtschaft und Forschung) saßen. Niedersachsen wurde schnell das Bundesland, auf das sich alles konzentrierte. Denn der Bund sah Salzgestein als bestes Endlagermedium an, und Niedersachsen hatte eine ganze Reihe Salzstöcke vorzuweisen. Die Entscheidung, Gorleben zu untersuchen, fällte Albrecht dann trotz Einwänden, die unter anderem Kanzler Schmidt bei ihm persönlich vortrug, ziemlich einsam. 1979 begannen erste Probebebohrungen. Offenbar verstärkten aber die in den zwei Jahren bis 1981 gewonnenen ersten Ergebnisse die Bedenken der Bundesregierung gegen den Salzstock im östlichen Niedersachsen.
In der Kabinettsvorlage, die von dem damaligen Ministern Andreas von Bülow (Forschung, SPD) und Gerhart Baum (Inneres, FDP) unterzeichnet ist, wird auf das Problem hingewiesen, dass das "Einlagerungsfeld" für heiße Atomabfälle "relativ begrenzt sein kann". Folge: Die Investitionen für den Endlagerbau wären hoch, die Nutzungszeit bis zur Erschöpfung der Gorleben-Kapazität gering. In dem Papier heißt es dazu: "Die vorliegenden Erkenntnisse aus den Untersuchungen in Gorleben könnten in diese Richtung weisen. Deshalb scheint es zweckmäßig, nun auch andere Salzstöcke zusätzlich zu untersuchen."
Die Gorleben-Story
Bildergalerie ( 20 Bilder )
Im niedersächsischen Gorleben sollte nach den Plänen von Bundes- und Landesregierung von 1977 ein komplettes atomares Entsorgungszentrum entstehen. Geplant waren ein Zwischenlager für Castor-Behälter, eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) für abgebrannte Kernbrennstoffe sowie ein Endlager tief unten im Salzstock. Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) präsentierte den Standort bei einer Pressekonferenz im Februar 1977 in Hannover.
Foto: dpa
Der gewählte Standort für das atomare Entsorgungszentrum liegt rund zwei Kilometer südlich der Gemeinde im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Die Region befindet sich an der früheren Grenze zur DDR und ist dünn besiedelt.
Foto: dpa
Entgegen der Erwartung von Ministerpräsident Albrecht bildete sich schnell eine starke Protestbewegung. 1979 nahmen an einem "Treck nach Hannover" mehr als 100.000 Menschen teil. Albrecht sah ein, dass das große Entsorgungskonzept keine Chance hatte. Er erklärte, eine WAA-Atomfabrik sei "politisch nicht durchsetzbar".
Foto: ddp
Die Pläne für das Zwischenlager, in dem Castor-Behälter mit abgebrannten Brennelementen und verglaste hochradioaktive Abfälle untergebracht werden sollten, und für das Endlager wurden jedoch weiter verfolgt.
Foto: dpa
Das Zwischenlager wird seit 1984 betrieben. Die Lagerhalle für Behälter ist 4500 Quadratmeter groß und fünf Meter hoch.
Foto: dpa
Die regelmäßigen Castor-Transporte nach Gorleben aus der französischen WAA in La Hague, wo abgebrannte Brennstäbe bis zum Jahr 2005 angenommen wurden, sind stets von starken Protesten begleitet.
Foto: rtr
Spektakuläre Aktionen, wie hier von Robion Wood, konnten den Transport jedoch allenfalls verzögern.
Foto: dpa
Immer wieder blockierten Demonstranten - gut bewacht von der Polizei - den Schienenweg in Richtung Gorleben.
Foto: dpa
Die Kreativität der Demonstranten machte den Protest gegen die Transporte nach Gorleben zu regelmäßigen Medien-Aufregern.
Foto: dpp
Mit der Hartnäckigkeit der Demonstranten hatte die Polizei oft ihre liebe Mühe.
Foto: dpa
Auch Greenpeace gehörte immer wieder zu den wichtigen Impulsgebern der Demonstrationen.
Foto: ddp
Menschen aus ganz Europa demonstrieren regelmäßig gegen die Castor-Transporte.
Foto: ddp
1979 begann die Untersuchung des Salzstocks, die Aufschluss über die Eignung als Endlager geben sollte. Der Verdacht, dass Niedersachsen den Standort im Wendland nicht primär aus fachlichen, sondern aus politischen Gründen ausgesucht hatte, wurde jüngst bestätigt.
Foto: dpa
Als damaliges Mitglied der Auswahl-Kommission sagte der heute emeritierte Geologie-Professor Gerd Lüttig, Albrecht habe Kommissionsempfehlungen nicht abgewartet, sondern sei festgelegt gewesen.
Foto: dpa
Zitat: "Er wollte einen Standort in der Nähe der damaligen Zonengrenze haben, weil die Ostzonalen, wie er immer sagte, uns die Geschichte mit ihrem Endlager Morsleben eingebrockt hatten" (Lüttig).
Foto: ddp
Im sachsen-anhaltinischen Morsleben hatte Ost-Berlin ein Atom-Endlager nahe der Grenze eröffnet. Nach Aussagen von Experten waren andere norddeutsche Salzstöcke nach Aktenlage mindestens ebenso oder besser geeignet als Gorleben.
Foto: ddp
Bis 1983 lief die Voruntersuchung in Gorleben, die von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) bewertet wurde. Danach startete die untertägige Erkundung, die die Stromkonzerne - und damit die Stromkunden - bislang 1,5 Milliarden Euro gekostet hat. Sie wurde im Jahr 2000 gestoppt.
Foto: ddp
Sowohl Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) als auch sein Nachfolger Sigmar Gabriel (SPD) versuchten, eine neue Endlagersuche zu starten. Dabei sollten nicht nur Salzstöcke, sondern auch Granit-Standorte einbezogen werden, die sich in Baden-Württemberg und Bayern befinden. Das scheiterte aber am Widerstand von Union und FDP sowie der Atomwirtschaft, die die Erkundungsarbeiten in Gorleben möglichst schnell wieder aufnehmen lassen wollen.
Foto: dpa
Neue Zweifel an der Eignung Gorlebens bringt ein Gutachten des Ex-PTB-Mitarbeiters Ulrich Schneider, das die niedersächsischen Linken in Auftrag gegeben haben. "Es stellt sich die Frage, wann Gorleben absaufen wird", sagte der Geologe. Er verglich den Salzstock mit einem hohlen Zahn, in den Wasser wie Karies eindringe. Frühere Untersuchungen über Wasserläufe in dem Gestein kritisierte er als zu undifferenziert. Wasser dringe in das Steinsalz des geplanten Endlagers umgebenden Kalisalzschichten ein und weiche diese auf.
Foto: ddp
Der Salzstock bei Gorleben wird seit 1977 als möglicher Standort zur Endlagerung hoch radioaktiven Atommülls gehandelt. Einige Geologen bezweifeln die Tauglichkeit des Salzstocks in Gorleben als Endlager. Umweltschützer vermuten, dass der Salzstock unter dem Deckmantel der Erkundung bereits seit Jahrzehnten zum Endlager für hoch radioaktiven Atommüll ausgebaut wird. Die FR erzählt die Gorleben-Story und den Protest in Bildern
Foto:
dpa
Fotostrecken Wirtschaft
Fotostrecken Wirtschaft
Wirtschaft
Wirtschaft
Fotostrecken Wirtschaft
Fotostrecken Wirtschaft
Plaßmann karikiert die Energiepolitik
Bildergalerie ( 14 Bilder )
Plaßmann karikiert die Energiepolitik
Zensus "plus" (FR vom 11.5.2011)
Foto: Thomas Plaßmann
Dogmatiker - Pragmatiker (FR vom 19.4.2011)
Foto: Thomas Plaßmann
Energie der Zukunft (FR vom 18.4.2011)
Foto: Thomas Plaßmann
Energiewende ... Hardliner (FR vom 6.4.2011)
Foto: Thomas Plaßmann
Fukushima-Barsch (FR vom 5.4.2011)
Foto: Thomas Plaßmann
Witzbeutel (FR vom 2.4.2011)
Foto: Thomas Plaßmann
Hallo Nachbar (FR vom 15.3.2011)
Foto: Thomas Plaßmann
Sicherheit ... nicht, dass nichts geschähe. FR vom 10.09.2010
Foto: Thomas Plaßmann
Frankfurter Rundschau vom 16. Juli 2009.
Foto: Thomas Plaßmann
Nach Stresstest - letzte Sicherheitslücke geschlossen (FR vom 26.5.2011)
Foto:
Thomas Plaßmann
Fotostrecken Wirtschaft
Fotostrecken Wirtschaft
Wirtschaft
Wirtschaft
Fotostrecken Wirtschaft
Fotostrecken Wirtschaft
Expertenwarnungen in den Wind geschlagen
Das aber geschah bekanntlich nicht. Offenbar auch, weil der politische Wind im Bund sich gedreht hatte. Die zuständigen Fachbehörde, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB), musste 1983 negative Befunde zur Gorleben-Eignung auf Weisung der Kohl-Regierung schönen. Die PTB strich die Empfehlung, alternative Standorte zu untersuchen, aus ihrem Zwischenbericht. Dieser Bericht - dessen Text-Mutationen die FR im vergangenen Sommer aufdeckte (Auf Gorleben fixiert, 25.08.2009) - war die Grundlage für die Entscheidung der Bundesregierung von 1983, die untertägige Untersuchung von Gorleben zu starten. Die Arbeiten haben bisher rund 1,5 Milliarden Euro gekostet. Sie sind seit 2000 gestoppt, sollen nach dem Willen der heutigen schwarz-gelben Bundesregierung aber baldmöglichst wieder aufgenommen werden.
Als "Missing Link" bezeichnen die Atomgegner von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI) den Aktenfund. Damit liege "ein weiteres Beweisstück vor, das die Zweifel an der Eignung Gorlebens nährt". Sie fordern die schwarze-gelbe Bundesregierung auf, auf Gorleben zu verzichten und eine neue, vergleichende Endlagersuche zu starten. So vorzugehen, sei "keine Erfindung der Neuzeit, sondern ein wissenschaftliches und gesellschaftspolitisches Muss". Das Kohl-Kabinett habe unbedingt Gorleben "durchzocken" wollen und die Expertenwarnungen in den Wind geschlagen. Die neue Bundesregierung stehe offenbar in dieser Tradition. BI-Sprecher Wolfgang Ehmke warnte, angesichts des Dilemmas bei der Atommüll-Entsorgung verbiete es sich, die AKW-Laufzeiten zu verlängern.
Unterdessen steht die Einsetzung des Untersuchungsausschusses des Bundestages zu Gorleben kurz bevor. SPD, Grüne und Linkspartei haben sich laut FR-Informationen auf einen gemeinsamen Antrag geeinigt, der demnächst im Parlament eingebracht werden soll. Er soll unter anderem dem Verdacht nachgehen, dass der umstrittene Standort in Niedersachsen nicht allein aufgrund wissenschaftlicher Kriterien, sondern politisch bestimmt wurde.
Neue Hinweise dazu erbrachten die jüngst bekannt gewordenen niedersächsische Kabinettsunterlagen aus den 70er Jahren. Diese belegen, dass bei einem damals durchgeführten Standortvergleich die geologische Qualität der untersuchten Salzstöcke nur zu etwa einem Achtel in die erreichbare Gesamt-Punktzahl einging. Schwerer wogen Kriterien wie Verkehrsanbindung, geringe Besiedlung und Nutzung der Fläche, Wasserversorgung, geringes Einkommen und hohe Arbeitslosenquote sowie die Abwesenheit von Luftverkehr und Erdbebensicherheit.