Hannover. "Die erneuerbaren Energien haben mit der Aschewolke nichts zu tun", witzelt Klaus Töpfer (CDU) auf der Industriemesse in Hannover. Und im Grunde doch wieder. Zeige das Aufbäumen der Natur dem Menschen doch seine Grenzen auf. Umso wichtiger sei es, im Umgang mit der Umwelt umzudenken.
"Wir müssen die erneuerbaren Energien weiterentwickeln", plädiert der frühere Bundesumweltminister und leidenschaftliche Verfechter des Klimaschutzes mit internationalem Renommee. Vieles habe sich getan.
Eine Windkraftanlage mit einem 50 Meter langen Rotor, wie er auf der Messe zu sehen ist, wäre vor zehn Jahren nicht vorstellbar gewesen, so Töpfer. Und er schmunzelt bei dem Gedanken an den letztlich gescheiterten Growian aus den 80er Jahren, der im Vergleich dazu eine kleine Anlage gewesen sei.
Ein rapides Wachstum der Weltbevölkerung auf demnächst neun Milliarden Menschen erzwinge gerade in punkto Energieverbrauch und Ressourcennutzung alternative Konzepte, mahnt Töpfer. Vor allem in den großen Städten. Auf der Messe sind viele von ihnen zu sehen.
Zum Beispiel Moma, die Modellstadt Mannheim. In der etwa 320.000 Einwohner zählenden Quadratestadt speisen bereits heute mehr als 500 Produzenten Strom aus Sonne, Wind und Biomasse ein. Der Energieanbieter MVV, zu mehr als 50 Prozent in mehrheitlichem Besitz, aber an der Börse notiert, gehört zu einem der sechs Leuchtturmprojekte in Deutschland, die aus dem E-Energy-Wettbewerb der Bundesregierung hervorgegangen sind. Ein Ziel ist es, bis zum Jahr 2020 den Anteil der erneuerbaren Energien an der Strom- und Wärmeversorgung auf 30 Prozent zu steigern.
"Wir sind auf dem weg dorthin schon recht vorangekommen", sagt Frieder Schmitt, bei MVV verantwortlich für Innovationen und Moma. Heute betrage der Anteil bereits 18 Prozent. Ziel sei es aber auch, Energie effizient zu erzeugen und zu nutzen sowie den aktuell noch enormen Wärmeverlust einzudämmen. Und dazu dienen auch intelligente Stromnetze mit Energiebutlern. Ende vorigen Jahres wurde dieses Projekt in Zusammenarbeit mit anderen Firmen und Instituten (Drewag, IBM, Ifeu, Fraunhofer, Izes, Papendorf, Powerplus und der Uni Duisburg-Essen) mit zunächst 20 Haushalten in Mannheim gestartet.
In diesen wird Strom vor allem dann verbraucht wird, wenn viel davon da ist, etwa weil die Sonne kräftig scheint oder Wind weht. Der Butler, ein kleiner im Haus angebrachter Kasten, weiß, welches Gerät wie viel verbraucht. Er gibt damit auch laut, wann es am günstigsten ist, die Waschmaschine, den Trockner anzuwerfen oder das Geschirr zu spülen.
Der Strompreis wird variabel, da der Butler die Energie je nach Marktlage "einkauft". Im gesamten Energieversorgungssystem gedacht, ermöglicht dies am Ende eine ausgefeiltere Nutzung von Spitzenlasten und letztlich eine Senkung des Verbrauchs - wenn die Verbraucher in ihrem Verhalten mitziehen. Moma wurde inzwischen auf 200 MVV-Kunden ausgeweitet. Eine Bilanz über Kosten Nutzen ist aus Sicht von Schmitt erst seriös, wenn das Ziel von 3000 Kunden im Rahmen dieses Modellversuchs erreicht ist.
Auf innovative Kommunen wie Mannheim stoßen die Mitarbeiter der Firma Ecostream aus Köln nicht immer, wie Frank Diehl sagt. Dabei sei das Potenzial für Photovoltaik-Anlagen, deren Verbreitung die Firma betreibt, dort sehr groß. Allein auf den Dächern öffentlicher Bauten, etwa wenn eine Schule saniert werde, ließen sich Solarzellen problemlos etablieren, was die Energiekosten enorm senke. "Die Akzeptanz steigt aber", sagt Diehl. Denn mittlerweile dämmere es manchen Gemeinden, dass der Einsatz von Erneuerbaren das Image fördere.
Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) ist auf der Messe ebenfalls als Anwalt ökologischer Alternativen unterwegs. Nachdem er den batteriebetriebenen Sportflitzer von Tesla an einem Stand symbolisch aufgetankt hat, stellt er eines klar: "Ohne erneuerbare Energien macht die Elektromobilität keinen Sinn". Schließlich wäre es doch kontraproduktiv, wenn für den reibungslosen Einsatz der angepeilten eine Million E-Autos auf deutschen Straßen mehr Strom aus Atom- und Kohlekraft nötig würde.
Ein anderes Problem für die Verbreitung von E-Autos ist immer noch nicht gelöst: Eine möglichst einheitliche Norm für die Strom-Stecker, um die Fahrzeuge zu betanken beziehungsweise generierte Energie an Versorger abzugeben. Ein ähnlicher Salat wie bei Stromanschlüssen etwa für den Fön soll zumindest in Europa vermieden werden.
Die deutsche Firma Mennekes könnte mit ihrem System zumindest auf dem Alten Kontinent, aber vielleicht auch auf dem nordamerikanischen Markt, obsiegen. Der Normentwurf ist eingereicht, wie Marketing-Chef Burkhard Rarbach sagt.
In den zuständigen internationalen Gremien geht es aber vor allem um Industriepolitik. So pocht Japan auf einen eigenem Stecker, aus Italien liegt ein anderer Vorschlag vor, die USA sind unentschlossen. Mit einer Entscheidung der Norm-Ausschüsse rechnet Rarbach nicht vor Frühjahr 2011. "Aber da steckt man nicht drin."