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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

12. November 2011

Interview mit Naturschutz-Papst Succow: „Öko-Energie kann auch ein Fluch sein“

Naturnahe Wälder sollten für Eingriffe tabu sein.  Foto: dpa

Die Energiewende in Deutschland bringt auch neue Belastungen für die Natur. Naturschutz-Papst Michael Succow spricht im FR-Interview über Windräder im Wald, Stromtrassen und den Maisanbau für Biogas.

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Zur Person

Michael Succow (70) ist einer der renommiertesten Naturschützer Deutschlands. Der Biologe und Agrarwissenschaftler, emeritierter Professor der Universität Greifswald, hat maßgeblich dafür gesorgt, dass von der letzten DDR-Regierung ein Nationalpark-Programm verabschiedet wurde, mit dem sieben Prozent der Landesfläche zum Nationalpark oder Biosphärenreservat deklariert wurde.

Nach der Wende wurde Succow Direktor des Botanischen Instituts der Uni Greifswald. Er ist Träger des Alternativen Nobelpreises.

Verspargelung der Landschaft, gigantische Hochspannungsleitungen quer durch die Natur, boomender Maisanbau für Biogas-Anlagen – ist das der Preis, der für Atomausstieg und Energiewende gezahlt werden muss? Naturschutz-Papst Michael Succow sagt: Wir müssen von der Natur retten, was zu retten ist. Das bedeutet, die Energiewende verträglich zu machen.

Herr Professor Succow, gefallen Ihnen Windräder?

Nein. Sie verschmutzen den Horizont. Sie erzeugen störende Rotorgeräusche. Sie verursachen bei Sonne unangenehme Licht- und Schatteneffekte. Das gefällt mir nicht. Wo sie stehen und sich drehen, wird man keine Erholung finden. Mir persönlich geben die weiten Landschaften mit hohem Himmel und großem Horizont Kraft, in denen der Kirchturm noch die höchste Erhebung ist. In unserem überhitzten, lauten Mitteleuropa haben immer mehr Menschen Sehnsucht nach Ruhe, Stille, Weite. Deswegen muss es von Windkraftanlagen unbelastete Regionen geben. Wir dürfen sie nicht unserem Strom- und Energiehunger opfern.

Wollen Sie die Energiewende stoppen?

Keineswegs. Wir brauchen die erneuerbaren Energien. Das ist ja wohl inzwischen dem Letzten klar. Deswegen, keine Frage: Die Windkraftanlagen werden Teile unserer Landschaften mitbestimmen. Aber es muss nun darum gehen, sie konzentriert in Windparks anzulegen und in Gebieten, die bereits in ihrer Naturausstattung entwertet sind. Also etwa in Industriegebieten, in Regionen, die durch Straßen- und Bahntrassen zerschnitten sind.

Wie soll der Ausgleich zwischen Energiewende und Naturschutz geschehen?

Wir haben in den Bundesländern Großschutzgebiete, die bis zu 25 Prozent der Fläche ausmachen – Nationalparks, Biosphärenreservate, Naturparks. Diese Gebiete müssen von Windkraftanlagen komplett frei bleiben. Daran darf nicht gerüttelt werden. Diese Naturräume sind nicht vermehrbar, und sie werden für Menschen in der zunehmend technisierten Welt an Bedeutung gewinnen.

Was schlagen Sie vor?

Der Staat muss Vorrangflächen ausweisen für Windkraft und die Anlagen dort konzentrieren. Zwei Prozent der Landesfläche reichen dafür aus. Es wäre so möglich, deutlich mehr Windstrom zu ernten als heute – auch, weil neue Anlagen inzwischen höher sind und mehr leisten. In Gebieten, wo wie in Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder Sachsen-Anhalt bereits viele Anlagen stehen, sollte dem sogenannten Repowering – dem Ersetzen alter Anlagen durch neue – der Vorzug vor der Neu-Errichtung von Anlagen gegeben werden. Und dort, wo Windräder in der Vergangenheit zu nahe an Siedlungen gebaut wurden, sollte man sich nicht scheuen, sie wieder abzubauen. Das ist immerhin ein Vorteil der Windkraftanlagen gegenüber den Atomkraftwerken. Man kann sie in einer Woche wieder beseitigen.

Was halten Sie von dem Konzept, Windanlagen mitten in Wälder zu platzieren? Dort benötigen sie wenig Platz, und Siedlungen sind meist weit entfernt. Länder wie Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz treiben das voran.

Windkraft im Wald muss in Schutzgebieten und in naturnahen Wäldern, die eine hohe ökologische Ausgleichs- und Stabilisierungsfunktion haben, generell tabu sein. Allerdings wird es zukünftig mehr Forst-Äcker geben, in denen Nutzholz für Bau, Industrie und Biomasse-Kraftwerke wächst. Und in diesen Holzplantagen kann man Windräder notfalls aufstellen.

Wie stehen Sie zur Offshore-Windkraft in Nord- und Ostsee? Von dort soll ja bald ein Viertel unseres Stroms kommen.

Das sehe ich eher positiv. Wenn die Offshore-Windparks einmal gebaut sind, entstehen damit auch Ruheräume für die Fische, wo sie vor der grassierenden Überfischung geschützt sind. Dort können sie ihre Kinder groß ziehen, ohne dass irgendjemand dort Fangnetze hineinwirft. Die Sorge, dass Vögel gefährdet werden, erscheint mir unbegründet.

Sie sehen keine Gefahr?

Ornithologen berichten, dass die Offshore-Windparks beim Vogelzug über die Ostsee von kleinen Vögeln als Rastplatz genutzt werden könnten, wenn Sturm oder Nebel herrschen. Dazu müssten die Windanlagen mit Rastvorrichtungen ausgerüstet sein, wo etwa die Rotkehlchen, Buchfinken und Braunellen einen Ruheplatz finden können. Das ist ein kleiner Nebeneffekt der Offshore-Parks, der mich versöhnlich stimmen könnte.

Große Offshore-Kapazitäten bedingen aber, dass viele Kilometer Stromtrassen gebaut werden müssen, um die Elektrizität zu den Ballungszentren, ins Ruhrgebiet und nach Süddeutschland zu bringen. Das bringt neue Konflikte mit dem Siedlungs- und Naturschutz.

Richtig. Allerdings gibt es Möglichkeiten, sie zu entschärfen. So hat Niedersachsen gesetzlich festgelegt, Stromtrassen in der Nähe von Wohngebieten und in Schutzgebieten als Erdkabel zu verlegen. Das ist zwar etwas teurer, aber durchaus tragbar. Ein Negativbeispiel ist demgegenüber die große oberirdische Stromtrasse, die in Brandenburg quer durch das Biosphären-Reservat Schorfheide-Chorin gebaut werden soll. Das muss verhindert werden. Das ist Raubbau an der Natur. Vorrang muss haben, den Ökostrom dezentral zu gewinnen, zu verbrauchen und zu speichern, etwa zukünftig in den Batterien von Elektroautos. Dann ist es nicht nötig, das ganze Land von Nord nach Süd mit immer mehr Stromtrassen zu durchziehen.

Hat sich Ihre Haltung zur Energiewende in den vergangenen Jahren geändert – etwa aufgrund von Fukushima?

Nicht erst durch Fukushima. Bis Mitte der 90er Jahre waren meine Maßstäbe in puncto Naturschutz deutlich strikter. Ich habe dann allerdings erkannt, dass eine Energiewende kommen muss und dass wir bestimmte Eingriffe in die Landschaft tolerieren müssen. Inzwischen haben fast alle Menschen verstanden, dass weder die Atomkraft noch die fossilen Energien eine Zukunft haben dürfen. Die Atomkraft ist zu gefährlich, das liegt auf der Hand. Und das Verfeuern des Kohlenstoffs, den die Natur in Form von Kohle, Erdöl und Erdgas mit gutem Grund in die Erdkruste entsorgt hat, befeuert einen schnellen Klimawandel, der die menschliche Zivilisation bedroht. Ich erlebe mit Freude, dass viele Menschen im Ausland, und da gerade die jüngere Generation, die deutsche Energiewende als Vorbild sehen.

Sie drücken also ein Auge zu?

Nein, man muss schon genau hinschauen, um Fehlentwicklungen zu vermeiden, nicht nur bei der Windkraft. Bei der Biomasse-Nutzung zum Beispiel gibt es eine gravierende Fehlentwicklung – den boomenden Mais-Anbau für die Biogas-Produktion. Diese sogenannte Vermaisung der Landschaft im Namen der Öko-Energie ist ein Fluch, sie muss dringend gestoppt werden, denn sie hat mit nachhaltiger Landwirtschaft nichts zu tun. Mais fördert die Erosion, zerstört die Bodenfruchtbarkeit und den Humus, erfordert viel Pestizide und Kunstdünger, zudem bietet er nur wenigen Organismen Lebensraum. Das ist subventionierte Unvernunft.

Darf Biomasse überhaupt in großem Stil für Öko-Energie genutzt werden?

Durchaus, aber anders. Am sinnvollsten ist es, Gartenschnitt und Lebensmittelabfälle für die Biogas-Gewinnung zu nutzen. Auch gut gemanagte Holzäcker sind in Ordnung, wenn sie auf Böden angelegt werden, die zur Lebensmittelerzeugung nicht taugen. Es sind, anders als beim Mais, immerhin Dauerkulturen, in denen Lebensgemeinschaften von Pflanzen und Tieren entstehen und der Boden durch neu entstehenden Humus verbessert wird. Ein riesiges Potenzial liegt aber auch in der Revitalisierung der Niedermoore, die heute generell entwässert, trockengelegt sind. Wenn man sie wieder vernässt, entsteht dort viel Biomasse – und zwar zweifach: unterirdisch in der Wurzelmasse, die das Treibhausgas CO2 bindet, oberirdisch in den schnell wachsenden Schildröhrichten und Erlenbruchwäldern, die ohne Schädigung des Ökosystems geerntet und genutzt werden können. Pilotprojekte für diese „Paludikultur“ gibt es in der Ukraine, in Weißrussland, aber auch in China. Auch bei uns gibt es Regionen, wo diese Renaturierung sehr sinnvoll wäre, etwa in Norddeutschland.

Wo zum Beispiel?

Etwa in Niedersachsen, wo Dauer-Maisanbau ausgerechnet in Niedermooren stattfindet, die dadurch sukzessive zerstört werden. Auf den entwässerten Flächen wird Gülle aus den unzähligen Tierproduktionsanlagen ausgebracht. Das bewirkt einen Torfabbau von drei bis vier Zentimetern jährlich, was riesige Mengen des darin gespeicherten Kohlendioxids freisetzt. Zudem wird das Grundwasser stark belastet. Diese Art der Landwirtschaft ist nicht mehr zu akzeptieren, und die nachfolgenden Generationen werden es bitter bezahlen müssen.

Das Gespräch führte Joachim Wille

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