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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

01. Mai 2014

Kohlekraftwerke: Nervengift aus dem Schornstein

 Von 
Trügerisches Industrieidyll: Auch das Eon-Kraftwerk Staudinger bei Hanau setzt eine Menge Quecksilber frei.  Foto: Sascha Rheker

Kohlekraftwerke blasen im großen Stil gesundheitsschädliches Quecksilber in die Luft. Laut einer aktuellen Studie müssten hier zu Lande sofort 50 Kraftwerke abgeschaltet werden, wenn in Deutschland die gleichen strengen Grenzwerte gälten wie in den USA.

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Kohlekraftwerke gelten als Rückgrat der Stromversorgung in Deutschland – zum Ärger von Umwelt- und Klimaschützern. Trotz des Booms der Erneuerbaren Energien entfällt auf Braun- und Steinkohleanlagen fast die Hälfte der erzeugten Elektrizität. Etliche Kraftwerke laufen auf vollen Touren, der Ausstoß des Klimakillers Kohlendioxid steigt seit Jahren. Die Bundesregierung steht trotzdem fest zur Kohle: Als Teil des Energiemixes sei sie „auf absehbare Zeit unverzichtbar“, heißt es im schwarz-roten Koalitionsvertrag.

Jetzt allerdings erhalten die Kohle-Gegner neue Munition: Laut einer aktuellen Studie tragen die Kraftwerke weiterhin im großen Stil zum Ausstoß des gesundheitsschädlichen Quecksilbers in Deutschland bei. Rund 70 Prozent der Emissionen stammten zuletzt aus dem Energiesektor – „vor allem von den mit Braun- oder Steinkohle befeuerten Kraftwerken“, schreibt die renommierte Umweltwissenschaftlerin Barbara Zeschmar-Lahl.

Rund 50 Kohlekraftwerke müssten vom Netz gehen

Zwei Fünftel der Gesamtemission ließen sich auf acht Braunkohlekraftwerke zurückführen, die jeweils mehrere hundert Kilogramm Quecksilber pro Jahr in die Luft bliesen, heißt es in der Studie, die im Auftrag der Grünen entstand und der Frankfurter Rundschau vorliegt. Würde die Bundesrepublik die deutlich strengeren Grenzwerte der USA übernehmen, müssten hierzulande umgehend rund 50 Kohlekraftwerke vom Netz gehen, ihre Abgasreinigung anpassen oder Kohle mit einem geringeren Quecksilber-Gehalt verfeuern.

Quecksilber gilt als extrem schädlich für Mensch und Umwelt. Besonders betroffen sind schwangere Frauen und ihre Kinder. Das giftige Schwermetall kann das Nervensystem schädigen, auch Herz-Kreislauferkrankungen und Schäden des Immunsystems werden darauf zurückgeführt. Quecksilber wird in Industrie, Technik und Medizin angewendet und freigesetzt, es gelangt in die Umwelt und reichert sich weltweit zunehmend in der Nahrungskette an. An deren Ende stehen Fische, Meeressäuger und der Mensch. Die Vereinten Nationen und die Europäische Union bemühen sich seit vielen Jahren, die Produktion und den Ausstoß von Quecksilber einzudämmen.

Die US-Regierung hatte wegen der Gesundheitsrisiken im Jahr 2012 die Quecksilber-Emissionsgrenzwerte für Kohlekraftwerke drastisch gesenkt. Steinkohlekraftwerke dürfen dort jetzt höchstens noch 1,4 Mikrogramm Quecksilber pro Kubikmeter Abgas in die Atmosphäre blasen, Braunkohlekraftwerke 4,1 Mikrogramm. In Deutschland liegen die Grenzwerte mit 30 Mikrogramm im Tagesmittel deutlich höher.

Würde man die strengen US-Grenzwerte zugrunde legen, dürften fast alle untersuchten deutschen Kohlekraftwerke nicht mehr laufen. Durch Einführung und Einhaltung der US-Grenzwerte jedoch würden die Quecksilber-Emissionen aus diesen Quellen um die Hälfte sinken. Lediglich eine einzige Anlage blieb zuletzt sicher unter den US-Werten, das war das Eon-Steinkohlekraftwerk im nordrhein-westfälischen Datteln.

Vernebelte Sicht auf das Kraftwerk Staudinger.  Foto: Rolf Oeser

Zeschmar-Lahl nahm für ihre Studie für die Jahre 2011 und 2012 jeweils sämtliche Kohlekraftwerke unter die Lupe, die mehr als zehn Kilogramm Quecksilber pro Jahr emittierten und damit laut Gesetz meldepflichtig waren. Das waren jeweils um die 50 Kraftwerke. Die größten Quecksilber-Mengen stießen den Angaben zufolge zuletzt das Vattenfall-Braunkohlekraftwerk im brandenburgischen Jänschwalde mit 505 Kilogramm aus sowie die beiden RWE-Anlagen Neurath und Niederaußem in Nordrhein-Westfalen mit jeweils 497 Kilogramm.

Grüne fordern strengere Grenzwerte

Das Eon-Kraftwerk Staudinger bei Großkrotzenburg (Main-Kinzig-Kreis), das mit Steinkohle betrieben wird, emittierte laut Studie zuletzt 35,1 Kilogramm Quecksilber. Das Frankfurter Heizkraftwerk West, ebenfalls mit Steinkohle befeuert, setzte 28 Kilogramm Quecksilber frei.

Mehr dazu

Die Grünen-Fraktion im Bundestag forderte die schwarz-rote Koalition am Donnerstag auf, deutlich strengere Grenzwerte für den Quecksilber-Ausstoß einzuführen und sich dabei an den Amerikanern zu orientieren. Es sei ein Armutszeugnis für die Bundesregierung, ausgerechnet in diesem Punkt hinter den USA hinterherzuhinken, sagten die beiden Umwelt-Experten Oliver Krischer und Peter Meiwald. „Die Bundesregierung muss endlich handeln: Neben Klimaschutz sind Gesundheit und volkswirtschaftliche Folgekosten weitere Punkte, weshalb Deutschland noch stärker auf den Ausbau der Erneuerbaren und mehr Energieeffizienz setzen muss.“

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