Die mögliche Verlängerung der Laufzeiten für Deutschlands Atomkraftwerke strahlt bereits jetzt negativ auf andere Energiequellen ab. Nach Darstellung des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) haben Stadtwerke ihre Vorhaben für den Neubau von Kohlekraftwerken und den Ausbau erneuerbarer Energien auf den Prüfstand gestellt.
"Viele Investitionen werden derzeit ausgesetzt", sagte ein VKU-Sprecher. "Die Kraftwerkspläne sind vor dem Hintergrund des Ausstiegsbeschlusses gefasst worden." Ob die Neubauprojekte im Falle des Ausstiegs vom Ausstieg noch wirtschaftlich sind, sei fraglich.
Matthias Hundt vom Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieverwendung an der Universität Stuttgart (IRE) bestätigt: "Die Laufzeitverlängerung kann die Rentabilität für Kohlekraftwerke maßgeblich gefährden." Denn der Atomstrom aus den abgeschriebenen Meilern ist deutlich günstiger als die Konkurrenzenergie aus neuen Kraftwerken, die ihre Kapitalkosten erst noch einspielen müssen.
Das IRE kommt in einer vom Düsseldorfer Stromkonzern Eon in Auftrag gegebenen Studie zu dem Schluss, dass der Weiterbetrieb der Atommeiler den Ausbau regenerativer Energien technisch nicht behindere. Kernkraftwerke, so die Autoren, könnten bei einem hohen Angebot von regenerativen Energien wie Wind und Sonne im Stromnetz innerhalb von Minuten auf 50 bis 60 Prozent ihrer Leistung gedrosselt werden.
Diese Regelbarkeit ist notwendig, da regenerative Energien bei der Einspeisung in das Stromnetz Vorrang vor atomar und fossil erzeugtem Strom haben. Für die Sicherung der Grundlast seien regenerative Energien aber nicht oder nur zu hohen Preisen einsetzbar.
Dem widerspricht Michael Sterner vom Fraunhofer-Institut für Windenergie- und Energiesystemtechnik (IWES) in Kassel. "Bei einem Ausbau regenerativer Energien auf 47 Prozent der Stromerzeugung bis 2020 sind im deutschen Kraftwerkspark nur noch die Hälfte der heutigen Grundlastkraftwerke notwendig."
Bei einem solch kräftigen Zuwachs werden die regenerativen Kraftwerke trotz ihrer vom Wetter abhängigen Produktion in der Summe zusammen mit dem Einsatz von Speichern einen Teil der Grundlast sichern können. "Es wird Tage geben, an denen überhaupt keine klassischen Grundlastkraftwerke mehr nötig sein werden."
Schwierige Bedarfssteuerung
Das beträfe neben den Atommeilern, die komplett abgeschaltet werden müssen, sobald weniger als 50 Prozent ihrer Leistung gebraucht wird, vor allem neue Kohlekraftwerke. Sie rechnen sich als Grundlastkraftwerk nur im ganzjährigen Vollbetrieb. Das Regeln der Leistung nach dem Bedarf ist zudem viel schwieriger als bei Kernkraftwerken.
Das zeigt auch das Beispiel negativer Preise an der Strombörse. Sie entstehen, wenn deutlich mehr Strom erzeugt als verbraucht wird. Dann ist es für die Betreiber von Grundlastkraftwerken günstiger, für den produzierten Strom noch Geld draufzulegen, als sie abzuschalten. Mit der Verlängerung der Laufzeiten werden die negativen Preise weiter zunehmen.