Die CDU/CSU-Regierungen der südlichen Bundesländer mit AKW-Standorten können sich nicht gegen Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) durchsetzen. Die Bundesregierung will die Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke um höchstens acht bis zehn Jahre verlängern. Von Steven Geyer
Sie demonstrieren wieder: Atomkraftgegner rufen für heute zu Kundgebungen gegen längere AKW-Laufzeiten auf.
Foto: Jakob Studnar/ddp
Sie demonstrieren wieder: Atomkraftgegner rufen für heute zu Kundgebungen gegen längere AKW-Laufzeiten auf.
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Berlin. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) hatte für "moderate Verlängerungen" der AKW-Laufzeiten plädiert. Damit kann er sich nun gegen die Südländer durchsetzen. Grund sind nach FR-Informationen verfassungsrechtliche Bedenken dagegen, Laufzeiten von mehr als zehn Jahren ohne Zustimmung des Bundesrates zu beschließen.
Bei einem Gespräch im Bundeskanzleramt einigten sich am Freitag Regierungschefin Angela Merkel, Umweltminister Röttgen, Kanzleramtsminister Ronald Pofalla sowie die CDU/CSU-Ministerpräsidenten der Atom-Länder darauf, die Laufzeitverlängerungen ohne den Bundesrat durchzusetzen.
Gleichzeitig bestand aber laut Regierungskreisen Konsens darin, dass das verfassungsrechtlich heikel ist. Bundesinnen- und Justizministerium halten allenfalls "moderate Laufzeitverlängerungen" für verfassungskonform, wenn die Länderkammer nicht mit entscheidet.
Die endgültige Entscheidung über längere Laufzeiten für Atomkraftwerke fällt frühestens Mitte Juli - und nicht losgelöst vom neuen Energiekonzept der Bundesregierung. Um den Dauerkonflikt innerhalb der Union und der Koalition zu befrieden, soll dieses Konzept nicht wie geplant im Herbst, sondern "möglichst bis Ende Juli" erarbeitet werden.
Die Gorleben-Story
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Im niedersächsischen Gorleben sollte nach den Plänen von Bundes- und Landesregierung von 1977 ein komplettes atomares Entsorgungszentrum entstehen. Geplant waren ein Zwischenlager für Castor-Behälter, eine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) für abgebrannte Kernbrennstoffe sowie ein Endlager tief unten im Salzstock. Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) präsentierte den Standort bei einer Pressekonferenz im Februar 1977 in Hannover.
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Der gewählte Standort für das atomare Entsorgungszentrum liegt rund zwei Kilometer südlich der Gemeinde im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Die Region befindet sich an der früheren Grenze zur DDR und ist dünn besiedelt.
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Entgegen der Erwartung von Ministerpräsident Albrecht bildete sich schnell eine starke Protestbewegung. 1979 nahmen an einem "Treck nach Hannover" mehr als 100.000 Menschen teil. Albrecht sah ein, dass das große Entsorgungskonzept keine Chance hatte. Er erklärte, eine WAA-Atomfabrik sei "politisch nicht durchsetzbar".
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Die Pläne für das Zwischenlager, in dem Castor-Behälter mit abgebrannten Brennelementen und verglaste hochradioaktive Abfälle untergebracht werden sollten, und für das Endlager wurden jedoch weiter verfolgt.
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Das Zwischenlager wird seit 1984 betrieben. Die Lagerhalle für Behälter ist 4500 Quadratmeter groß und fünf Meter hoch.
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Die regelmäßigen Castor-Transporte nach Gorleben aus der französischen WAA in La Hague, wo abgebrannte Brennstäbe bis zum Jahr 2005 angenommen wurden, sind stets von starken Protesten begleitet.
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Spektakuläre Aktionen, wie hier von Robion Wood, konnten den Transport jedoch allenfalls verzögern.
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Immer wieder blockierten Demonstranten - gut bewacht von der Polizei - den Schienenweg in Richtung Gorleben.
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Die Kreativität der Demonstranten machte den Protest gegen die Transporte nach Gorleben zu regelmäßigen Medien-Aufregern.
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Mit der Hartnäckigkeit der Demonstranten hatte die Polizei oft ihre liebe Mühe.
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Auch Greenpeace gehörte immer wieder zu den wichtigen Impulsgebern der Demonstrationen.
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Menschen aus ganz Europa demonstrieren regelmäßig gegen die Castor-Transporte.
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1979 begann die Untersuchung des Salzstocks, die Aufschluss über die Eignung als Endlager geben sollte. Der Verdacht, dass Niedersachsen den Standort im Wendland nicht primär aus fachlichen, sondern aus politischen Gründen ausgesucht hatte, wurde jüngst bestätigt.
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Als damaliges Mitglied der Auswahl-Kommission sagte der heute emeritierte Geologie-Professor Gerd Lüttig, Albrecht habe Kommissionsempfehlungen nicht abgewartet, sondern sei festgelegt gewesen.
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Zitat: "Er wollte einen Standort in der Nähe der damaligen Zonengrenze haben, weil die Ostzonalen, wie er immer sagte, uns die Geschichte mit ihrem Endlager Morsleben eingebrockt hatten" (Lüttig).
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Im sachsen-anhaltinischen Morsleben hatte Ost-Berlin ein Atom-Endlager nahe der Grenze eröffnet. Nach Aussagen von Experten waren andere norddeutsche Salzstöcke nach Aktenlage mindestens ebenso oder besser geeignet als Gorleben.
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Bis 1983 lief die Voruntersuchung in Gorleben, die von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) bewertet wurde. Danach startete die untertägige Erkundung, die die Stromkonzerne - und damit die Stromkunden - bislang 1,5 Milliarden Euro gekostet hat. Sie wurde im Jahr 2000 gestoppt.
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Sowohl Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) als auch sein Nachfolger Sigmar Gabriel (SPD) versuchten, eine neue Endlagersuche zu starten. Dabei sollten nicht nur Salzstöcke, sondern auch Granit-Standorte einbezogen werden, die sich in Baden-Württemberg und Bayern befinden. Das scheiterte aber am Widerstand von Union und FDP sowie der Atomwirtschaft, die die Erkundungsarbeiten in Gorleben möglichst schnell wieder aufnehmen lassen wollen.
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Neue Zweifel an der Eignung Gorlebens bringt ein Gutachten des Ex-PTB-Mitarbeiters Ulrich Schneider, das die niedersächsischen Linken in Auftrag gegeben haben. "Es stellt sich die Frage, wann Gorleben absaufen wird", sagte der Geologe. Er verglich den Salzstock mit einem hohlen Zahn, in den Wasser wie Karies eindringe. Frühere Untersuchungen über Wasserläufe in dem Gestein kritisierte er als zu undifferenziert. Wasser dringe in das Steinsalz des geplanten Endlagers umgebenden Kalisalzschichten ein und weiche diese auf.
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Der Salzstock bei Gorleben wird seit 1977 als möglicher Standort zur Endlagerung hoch radioaktiven Atommülls gehandelt. Einige Geologen bezweifeln die Tauglichkeit des Salzstocks in Gorleben als Endlager. Umweltschützer vermuten, dass der Salzstock unter dem Deckmantel der Erkundung bereits seit Jahrzehnten zum Endlager für hoch radioaktiven Atommüll ausgebaut wird. Die FR erzählt die Gorleben-Story und den Protest in Bildern
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Mehr wollte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm nicht verkünden, als er am Freitag die Ergebnisse des morgendlichen Besuchs der Länder-Umweltminister im Kanzleramt zusammenfasste. Und das, obwohl Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel zuvor gesagt hatte, bei dem partei-internen Gespräch würden sich zumindest die unionsgeführten Ministerien und Länder mit AKW auf ihre künftige Atompolitik einigen.
Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hatte bereits eine Steuer auf Brennelemente ins Gespräch gebracht, mit der man Zusatzgewinne der Konzerne dank längerer Laufzeiten abschöpfen könne. Darauf muss Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) bei der Sparklausur am Wochenende nun wohl verzichten.
Die Unterlegenen schweigen
Die angeblich versöhnten Unions-Streithähne hielten sich zwar offiziell an die dürre Sprachregelung - im Ton unterschieden sie sich aber gewaltig: Man habe "Stillschweigen vereinbart", hieß es frostig aus der Staatskanzlei des Baden-Württemberger Ministerpräsidenten Stefan Mappus. Sein Kontrahent, Bundesumweltminister Norbert Röttgen, wirkte dagegen so gelassen wie zuletzt im Februar, als er FDP und CDU-Wirtschaftsflügel damit schockierte, den rot-grünen Atomausstieg nur um etwa acht Jahre verschieben zu wollen.
Zur Freude hat er guten Grund. Faktisch hat Röttgen sich mit seinem Atomkurs vorerst durchgesetzt. Er hatte stets dafür plädiert, über AKW-Laufzeiten nur im Gesamtkonzept zu entscheiden. Dieses soll auf erneuerbare Energien zugeschnitten sein und Atomkraft nur als "Brücke" bis zu dem Punkt einplanen, an dem Erneuerbare den Atom-Anteil übernehmen können. Wann es soweit sei, lässt Röttgen derzeit von externen Forschern berechnen. Ihre "Szenarien" sollen laut Umweltministerium bis Mitte Juli vorliegen. Bayern, Hessen und Baden-Württemberg hatten gegen Röttgen durchgesetzt, dass Verlängerungen um bis zu 28 Jahre kalkuliert werden.
Derlei Pläne können nun als gescheitert gelten. Denn das errechnete "Brücken"-Ende, wie entfernt es auch sei, wird eingeschränkt durch eine Vorgabe, auf die sich die Runde im Kanzleramt einigte: Teilnehmern zufolge wollen Bund und Unions-Länder die Verlängerung ohne den Bundesrat regeln, wo Schwarz-Gelb die Mehrheit fehlt. Ob so ein Gesetz verfassungskonform gelingt, bezweifeln interne Rechtsgutachten. In jedem Fall steige mit jedem zusätzlichen Jahr die Chance für SPD und Grüne, die Verlängerung vor dem Verfassungsgericht stoppen zu können. Die Union strebe daher nur "moderate Verlängerungen" an. Innen- und Justizministerium halten mehr als zehn zusätzliche Jahre ohne Bundesrat für nicht machbar.
Daran hatte sich ein CDU-Streit entzündet, der darin gipfelte, dass Mappus Röttgen den Rücktritt empfahl. Auch die Umweltminister aus Bayern, Baden-Württemberg und Hessen hatten erklärt, der Bundesrat stelle kein Problem für Verlängerungen dar. Gestern lehnten sie jede Stellungnahme zum Scheitern ihres Vorstoßes ab.
Rückenwind für die Vertreter einer allenfalls moderaten Verlängerung kommt aus der offiziellen Störfall-Statistik. Einer Auswertung der Organisation Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW) zufolge gab es bei den alten Atomkraftwerken in Deutschland in drei Jahren mehr als doppelt so viel gemeldete Störfälle wie bei den Meilern neueren Baujahrs. Die Veteranen Biblis, Unterweser und Neckarwestheim-1 meldeten zwischen 2007 und 2009 insgesamt 35 Mal Zwischenfälle.
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