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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

06. März 2012

Leitartikel: Wende ohne Energie

 Von 
 Foto: dapd

Wieso stockt der Umstieg auf eine neue Energie-Versorgung? Ganz einfach: Auch bei dieser Wende heißt das Erfolgsrezept „Wir sind das Volk“ – und das passt den Konzernen nicht.

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Manchmal ändert sich die Welt über Nacht so sehr, dass man  die Welt, wie sie vorher war, nicht mehr versteht. Japan  war zum Beispiel fest überzeugt, ohne Kernkraft nicht leben zu können – bis vor einem Jahr die Reaktoren in Fukushima explodierten. Heute stehen 52 der 54 AKW in Japan still.  Deutschland hat  sich damals im Wortsinn ohne Not entschieden, vom Jahr 2022 an ohne Atomkraft auszukommen. Doch mit dem Verblassen der Trümmerbilder verblasst auch die Überzeugung, dass der Umstieg auf Wind, Solar und andere erneuerbare Energiequellen  in den nächsten zehn Jahren gelingt.

 

Steven Geyer
Steven Geyer

Am Wochenende hat die Regierung einen Plan für die Energiewende beschlossen. Das kann man  ein Jahr nach Fukushima niedlich oder lächerlich finden. Fakt ist: Seit dem Einstieg in den Ausstieg wurden zu wenige Stromtrassen gebaut, zu wenige Windparks projektiert, zu wenig Anreize für Ersatzkraftwerke für den Fall von  Wind- und Sonnenschwankungen gebaut, zu wenige Stromspeicher und Energiespargesetze geschaffen. Die Energiewende stockt. Aber warum? Nur wegen Eitelkeiten der letzten FDP-Politiker und des Wirtschaftsflügels der Union? Dahinter steckt mehr: Die Energiefrage war stets eine Machtfrage – und die mächtigen Stromproduzenten befürchten aus guten Gründen, dass der Kampf um die Energiewende ihre letzte Schlacht sein könnte.

Energiekonzerne und Politik eng verflochten

Es ist kein Zufall, dass gerade in Japan, aber auch in Europas Atom-Musterland Frankreich, Kernkraft stets als unverzichtbar galt.  Energiekonzerne und Politik sind eng verflochten; Wissenschaftsbetrieb und Medien stecken mit im Atomfilz. Auch in der Bundesrepublik startete die Karriere der Kernenergie so. Erst die Anti-Atom-Bürgerbewegung begann, den Filz aufzulösen; der Tschernobyl-Schock wendete dann die  gesellschaftliche Mehrheit gegen das Atom. Nach Fukushima bekam Deutschland als erstes Industrieland die Chance, diesen Vorsprung zu nutzen: Vorreiter in der neuen Technologie zu sein; Konzepte für den Umbau einer ganzen Gesellschaft zu erarbeiten, die nicht mehr auf eine Handvoll Energieriesen und deren Preisgestaltung angewiesen ist. Es hätte die Chance, sich aus einem Netz kleiner Stromproduzenten zu versorgen, die in der ganzen Republik ihre jeweilige Umgebung mit Energie aus Sonne, Wind und Biomasse beliefern. Schon heute trägt erneuerbare Energie  mehr zu unserer Versorgung bei als die verbliebenen AKW. Allein der Photovoltaik verdankt Deutschland 100 000 Arbeitsplätze. Und jedes neue Solardach, jedes Blockheizkraftwerk im Keller entmachtet die Energiekonzerne ein Stück mehr.

 

Widerstand ist normal

Es wäre naiv, in einer solchen historischen Situation nicht mit deren Widerstand zu rechnen. Mit Lobby-Druck, politischen Deals und Flüsterparolen halten die Riesen gegen: warnen vor Preisexplosionen und Blackouts, obwohl das die Zocker an der Strombörse bewirken; kassieren Windkraftsubventionen für Mega-Projekte im Meer, die in der Fläche fehlen; schimpfen auf Bürgerproteste gegen Netzausbau, obwohl die bei Straßen- und Stromtrassenbau nach der Wiedervereinigung keinen scherten; schwafeln von Atom-Importen, obwohl Deutschland Nettoexporteur bleibt – vor allem nach Frankreich, wo die AKW im Winter nicht für die Stromheizungen ausreichen und im Sommer vom Netz gehen, weil Flüsse sie nicht genug kühlen. Verzweifelt  stürzen sich die fossilen Dinos – weil Brennstoffe immer knapper werden – auf riskante Quellen wie Teersand und Tiefengestein oder auf Technik-Träume wie die CO2-Verpressung.

 

Regierung muss Anreize für den Umstieg schaffen

Eine Regierung, die diese Wende will, muss derlei Begehrlichkeiten abblocken. Sie  muss Anreize für Umstieg und Effizienz schaffen – und, wo nötig, Zwang ausüben. Der Stromverbrauch muss sich der Produktion anpassen. Das ist machbar, auch wenn wir es wegen der Rund-um-die-Uhr-Kraftwerke bisher nur umgekehrt kennen. Die Regierung muss Ungerechtigkeit ausgleichen, damit nicht der Geringverdiener über die Ökostrom-Umlage in den Mietnebenkosten die Solaranlagen der Hausbesitzer mitfinanziert. Der Staat könnte  aufhören, armen Familien nur plump die Stromkosten zu stützen und lieber bei der Umrüstung auf einen Energiespar-Haushalt helfen. Der Mittelstand braucht Hilfe dabei, effizientere Maschinen  zu finanzieren, die sich schnell rentieren.

 

Und doch ist es damit nicht genug.  Erfolgreich wird die Wende nur, wenn sie ein Bürgerprojekt wird.  Es müsste ein Ruck durch Deutschland gehen: Die Leute gründen Bürgerwindparks, die Firmen steigen mit Imagegewinn auf Ökostrom um, die Verbraucher schalten die Geräte ab statt auf Stand-by und fahren Bahn statt Auto. Die Japaner müssen derzeit  mit weniger Energie auskommen. Wir können, wenn wir wollen. Durch Fukushima hat sich die Machtfrage gestellt. Wir Bürger müssen jetzt entschlossen zupacken.

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