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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

04. Oktober 2012

Leitartikel zum Atomausstieg: Blaupause für den Ausstieg

 Von Joachim Wille
Ein Auffangbehälter für radioaktive Flüssigkeit im Atommüllendlager Asse.  Foto: dapd

Nachrüstung, aber nicht sukzessive Stilllegung ist die Strategie, mit der die EU-Kommission den großen atomaren Kraftwerksplan in der Union erhalten will. Es fehlt an Mut zum Atomausstieg.

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Nachrüstung, aber nicht sukzessive Stilllegung ist die Strategie, mit der die EU-Kommission den großen atomaren Kraftwerksplan in der Union erhalten will. Es fehlt an Mut zum Atomausstieg.

Es fehlen: die Airbags, das ESP, der Katalysator, das Halogen-Fernlicht, die Einparkhilfe, die elektrischen Fensterheber. Niemand käme auf die Idee, einen 40 Jahre alten VW Käfer so nachzurüsten, dass er für den modernen Verkehr taugt, der doppelt so dicht und viel schneller ist als am Tag von dessen Erstzulassung. Nur wenige Zeitgenossen würden sich gerne in die alte Kiste setzen, um damit täglich zur Arbeit oder zum Einkaufen zu fahren. Und selbst als Oldtimer für kleine Ausflüge am Sonntag taugt der Käfer von Anfang der 70er-Jahre nur bedingt; dafür ist er nun wieder nicht alt und speziell genug.

Natürlich ist ein Atomkraftwerk kein Auto. Es ist viel komplexer, es ist auf 40 Jahre Laufzeit ausgelegt, und es wird, soweit möglich und wenn ein Betreiber mit hohem Sicherheitsbewusstsein am Werke ist, kontinuierlich nachgerüstet. Trotzdem hat ein AKW, das wie die Anlagen der ersten Reaktorgeneration in der EU in den 60er-Jahren entwickelt und in den 70er-Jahren ans Netz ging, auch etwas von einem VW Käfer. Es kann nicht mit vertretbarem Aufwand so modernisiert werden, dass es modernem Standard genügte und heute genehmigungsfähig wäre. Die Alt-Meiler gehören stillgelegt, so wie der Käfer längst auf dem Schrottplatz gelandet ist.

Eine Probebohrung in der Asse, in der sich radioaktiv belastetes Wasser gesammelt hat.
Eine Probebohrung in der Asse, in der sich radioaktiv belastetes Wasser gesammelt hat.
 Foto: dpa

Nachrüstung aber, nicht sukzessive Stilllegung

Nachrüstung aber, nicht sukzessive Stilllegung, ist offenbar die Strategie, mit der die EU-Kommission den großen atomaren Kraftwerkspark in der Union erhalten will. Die erstaunliche Quintessenz, die Kommissar Günther Oettinger aus dem AKW-Stresstest zieht, der nach Fukushima durchgeführt wurde, lautet: Die Sicherheitslage sei „im Allgemeinen hoch“, und mit 30 bis 200 Millionen Euro pro Reaktor ließen sich die festgestellten Defizite beheben. Das entspricht der sattsam bekannten Linie der EU, die sich seit ihrer Gründung als vehemente Fördererin der Atomkraft versteht und nicht einmal durch (Fast-)Katastrophen wie Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima vom Glauben abfiel. Ganz zu schweigen von gefährlichen Situationen, die es immer wieder auch in westeuropäischen AKW gab.

Oettingers Lesart des Stresstests für die 132 Reaktoren, den seine Fachleute durchführten, ist dadurch erklärbar, aber nicht nachvollziehbar. Praktisch in jeder Anlage fanden sie Sicherheitsmängel – und das, obwohl neue Gefahren wie terroristische Angriffe oder Cyber-Attacken noch gar nicht untersucht wurden und einige EU-Mitgliedsstaaten den von Brüssel geschickten Nuklearfachleuten überhaupt nur zögerlich Zugang zu den Reaktoren und den Daten gewährten. Es war nur ein „Stresstest light“ – und selbst dabei traten schon viele Mängel zutage. Eine Prüfung mit strikteren Kriterien hätte viele der Alt-AKW komplett durchfallen lassen.

Schon der aktuelle Stresstest zeigt: Mit der so hoch gelobten Sicherheitskultur der AKW-Betreiber kann es so weit her nicht sein. Ungewöhnlich deutlich prangern die Experten an, dass in einigen Ländern nicht einmal die Leitlinien komplett umgesetzt sind, die nach Harrisburg 1979 und Tschernobyl 1986 aufgestellt wurden – dies gilt übrigens auch für Deutschland. Zudem wird klar: Viele Stromkonzerne zögern Nachrüstungen, die ins Geld gehen, möglichst lange hinaus. Die EU-Experten taxieren den nötigen Aufwand auf bis zu 25 Milliarden Euro. Die Konzerne müssten also noch tiefer in die Kasse greifen, um die heute maximal erreichbare Sicherheit für die Bürger zu erreichen. Nicht umsonst verweist der Stresstest-Report darauf, dass 111 der 132 Reaktoren in Ballungsräumen stehen, wo in einem 30-Kilometer-Radius mehr als 100.000 Menschen wohnen.

Die Alt-AKW wurden abgeschaltet, sie bleiben es

Deutschland hat nach Fukushima die richtigen Schlussfolgerungen aus der Nicht-Nachrüstbarkeit der Alt-AKW gezogen. Sie wurden abgeschaltet, und sie bleiben es. Für die neueren Anlagen gilt ein fester Ausstiegsfahrplan. Das hat nichts mit „German Angst“ zu tun, es ist schlicht vorausschauend. Und in Europa auch gar kein Sonderweg. Belgien und die Schweiz wollen bis 2025 weg vom Atom, die Italiener kippten den Wiedereinstieg, der Einstiegsplan der polnischen Regierung trifft auf große Widerstände, ja, Atomskepsis macht sich sogar in Frankreich breit. Die beschworene AKW-Renaissance verläuft schleppend. Bei den zwei im Bau befindlichen neuen Reaktoren in Finnland und Frankreich gibt es Probleme in Serie, und sie werden doppelt so teuer wie geplant.

Brüssel hat zwar nicht die Kompetenz, eine Ausstiegsblaupause für die Union vorzuschreiben; Atompolitik wird immer noch national gemacht. Aber den Mut, in diese Richtung vorauszudenken, sollte gerade ein deutscher EU-Kommissar haben. Den Stromkonzernen endlich eine angemessene Haftpflicht für Atomunfälle vorzuschreiben, wie Oettinger offenbar plant, ist gut. Das Risiko von Unfälle so schnell wie möglich zu senken, ist noch besser.

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