3,7 Milliarden Euro könnte es kosten, die radioaktiven Abfälle aus dem maroden Atomlager Asse zu bergen. Umweltminister Röttgen bricht dennoch eine Lanze für die Rückholung der 126.000 Fässer mit Nuklearmüll. Von Joachim Wille
Die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, im Atomlager Asse.
Foto: ddp
Die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, im Atomlager Asse.
Foto: ddp
Die Sanierung des maroden Atomlagers Asse könnte deutlich teurer werden als bisher erwartet. Die geplante Rückholung der radioaktiven Abfälle werde voraussichtlich 3,7 Milliarden Euro kosten, sagte Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) jetzt im Umweltausschuss des Bundestages. Bisher waren die Kosten für diese Sanierungsvariante auf 2,5 Milliarden geschätzt worden - so stand es in einem Gutachten, dass das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Auftrag gegeben hatte.
Röttgen brach eine Lanze für die Rückholung der 126.000 Fässer mit Nuklearmüll, die zwischen 1967 und 1978 in dem ehemaligen Salz- und Kali-Bergwerk bei Wolfenbüttel abgekippt worden waren. Aufgrund der Bewertung der Langzeitsicherheit werde sie momentan als "beste Lösung" eingestuft. Eine endgültige Entscheidung gebe es aber noch nicht.
Fässer sind wohl verrostet
Das BfS hatte drei Möglichkeiten der Asse-Schließung untersucht - neben der Rückholung auch eine Umlagerung der Fässer innerhalb des Salzstocks und eine Verfüllung der Hohlräume mit Beton und gesättigter Salzlauge. Auch bei der Rückholung gibt es Röttgen zufolge aber noch "offene Problempunkte". So sollen zunächst der Zustand der vermutlich verbeulten und durchgerosteten Fässer und ihr genauer Inhalt untersucht werden, indem drei der Atommüll-Kammern geöffnet werden. Experten schließen nicht aus, dass eine Bergung der Fässer sich als zu zeitaufwendig und gefährlich entpuppen könnte.
Atommüll-Lager Asse - Probleme ohne Ende
Bildergalerie ( 27 Bilder )
Atommüll-Lager Asse - Probleme ohne Ende
Es war das erste unterirdische Atommüll-Endlager weltweit - und ist seit Jahrzehnten marode: Im ehemaligen Salzbergwerk Asse in der Nähe des niedersächsischen Wolfenbüttel lagert radioaktiver Abfall.
Foto: dpa
In der Asse haben sie, wie es offiziell heißt, einen Laugen-Notstand. Durch die Decken sickert Flüssigkeit ein. Mit Schläuchen, Folien und 1000-Liter-Fässern wird die Lauge aufgesammelt und nach draußen geschafft. Sümpfe wie dieser in 750 Metern Tiefe enthalten Magnesiumchloridlauge. 2009 hat sich die Menge verdreifacht.
Foto: bilderberg
Aktivisten machen immer wieder auf das ungelöste Entsorgungsproblem aufmerksam - auch und vor allem das marode Endlager bietet ihnen dafür eine Kulisse.
Foto: ddp
Die interne Bewertung, die Grube sei als Atom-Grab "nur beschränkt" geeignet, fiel unter den Tisch. Unbeachtet blieben auch Warnungen der Praktiker vor Ort. Verbürgt ist die Aussage eines erfahrenen Obersteigers: "Wir kämpfen doch schon seit Jahren gegen das Wasser." Das marode Bergwerk löst immer wieder Proteste aus.
Foto: bilderberg
Für rund 600.000 Mark wechselte die Grube 1965 den Besitzer. Die Rechner im für die Finanzen zuständigen Forschungsministerium hielten das für ein Schnäppchen. Das Kernforschungszentrum Karlsruhe, ebenfalls in Staatsbesitz, wollte damals Atommüll los werden. Eine Halle für das strahlende Zeug hätte 1,6 Millionen Mark gekostet.
Foto: bilderberg
Rund 126.000 Fässer wurden hier zwischen 1967 und 1978 deponiert. Was genau in den Gewölben lagert, ist bis heute unklar.
Foto: ddp
Umweltminister Sigmar Gabriel hat das Bergwerk Asse als "löcherig wie einen Schweizer Käse" bezeichnet. Die Löcher erklären sich aus der Geschichte der Grube. 13 Abbau-Etagen in Tiefen von 490 bis 750 Metern, aus denen seit 1899 Kali-Dünger und feines Steinsalz - der Hausfrau damals als Asse Sonnensalz bekannt - heraus geholt wurden.
Foto: bilderberg
Im Salzbergwerk Asse 2 (der Schacht Asse 1 anderthalb Kilometer entfernt war zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgegeben worden) wurde von 1906 bis 1964 Steinsalz abgebaut.
Foto: dpa
Decken und Wände werden in Salzbergwerken nicht abgestützt - das salzhaltige Gestein, das das Grubengewölbe bildet, kann sich selbst tragen.
Foto: rtr
Mit der Zeit gibt es allerdings nach - im Lager Asse um bis zu 15 Zentimeter jedes Jahr.
Foto: dpa
Das Einlagern in Salzstöcken schien Politik und Wissenschaft seit den 60er Jahren eine gangbare Möglichkeit, sich des radioaktiven Mülls aus deutschen Kernkraftwerken zu entledigen.
Foto: ddp
Ende der 70er Jahre wurde die Asse zum Forschungsbergwerk erklärt.
Foto: rtr
Geologen und Ingenieure untersuchten, ob sich die Salzstöcke als Endlagerstandort für Atommüll eignen, der stark Wärme ausstrahlt.
Foto: ddp
Das Salz, so war der Plan, sollte den radioaktiven Müll dauerhaft einschließen. Die Behälter, die mit der Zeit durchrosten, dienten nur dem Transport.
Foto: dpa
In rund 750 Metern Tiefe lagert kontaminierte Natriumchlorid-Lauge.
Foto: ddp
Auch eine halbe Tonne hochgiftiges Arsen, das wie Quecksilber und Blei üblicherweise in radioaktiven Abfällen enthalten ist, findet sich im Bergwerk.
Foto: ddp
Ein Mitarbeiter misst die Radioaktivität vor einer zugemauerten Kammer. Die Einsturzgefahr des Lagers beschäftigte auch einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss.
Foto: dpa
Immer neue Pannen werden in Asse bekannt.
Foto: dpa
Der langjährige Betreiber, das Helmholtz-Zentrum München, wurde vom Umweltminister Sigmar Gabriel - hier bei einer Asse-Besichtigung - entmachtet. Jetzt verwaltet die Atommüll-Ruine das Bundesamt für Strahlenschutz.
Seit 2009 informiert das Bundesamt für Strahlenschutz auch Bürger in einem Infozentrum an der Asse. Neben dem Müll aus Karlsruhe wurde auch Nuklear-Abfall aus Medizin und Industrie in Asse eingelagert.
Foto: ddp
Anfang des Jahres 2009 rechnete man noch mit einer Einsturzgefahr der Decken in Asse im Jahr 2014 - inzwischen ist die Decke bereits auf 500 Metern eingestürzt.
Foto: ddp
Abgesperrter Stollenbereich des Bergwerks (Archivfoto vom Januar 2009). Die endgültige Schließung des Lagers wurde mehrfach verschoben. Derzeit ist 2020 im Gespräch.
Foto: dpa
Längst ist klar: Atommüll kann in der Asse nicht dauerhaft trocken gelagert werden. Seit 1978 dringen in über 600 Meter Tiefe täglich rund zwölf Kubikmeter Wasser ein. Überlegt wird, das Bergwerk zu fluten - dies allerdings birgt die Gefahr, dass radioaktives Material gelöst wird und mit der Zeit durch das Gestein nach außen tritt.
Foto: dpa
Schutz von oben: Die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, wacht in den Tiefen der Asse über die gefährlichen Hinterlassenschaften.
Foto: ddp
1993 zog die Politik die Notbremse: Die Forschungsarbeiten wurden abgebrochen. Um die Frage, ob der gelagerte Atommüll aus dem Bergwerk geholt oder dort sicher abgeschlossen wird, entbrannte politischer Streit.
Foto: ddp
Inzwischen kämpfen Bürger, Umweltschützer und Kommunalpolitiker gegen den strahlenden Müll in Asse. Jetzt wird nach neuen Wegen aus dem Debakel gesucht. Sicher ist derweil, dass die Asse den Steuerzahler viel Geld kosten wird.
Foto: getty
Asse - das ist ein altes Bergwerk, in dem Salz abgebaut wurde. Inzwischen ist es Lagerstätte für Atommüll und nebenbei noch Produktionsstätte für Lauge. Denn immer mehr Wasser sickert in die Anlage.
Foto:
ddp
Fotostrecken Wirtschaft
Schuldenkrise
Schuldenkrise
Schuldenkrise
Fotostrecken Wirtschaft
Fotostrecken Wirtschaft
Auf Nachfrage der Grünen sagte Röttgen, die Stromkonzerne sollten möglichst an den explodierenden Kosten der Asse-Sanierung beteiligt werden - nach dem "Verursacherprinzip". Tatsächlich stammt der größte Teil des Asse-Mülls ursprünglich aus Atomreaktoren. Eine Rechtsgrundlage dafür gebe es nicht, aber eine "politische Dimension" dieser Frage. Schwarz-Gelb will das Thema bei den anstehenden Gesprächen mit den Konzernen über die Laufzeitverlängerungen der AKW aufs Tapet bringen. Ein Teil der dabei entstehenden Zusatzgewinne soll in erneuerbare Energien und in die Asse-Sanierung fließen. CDU-Vertreter im Ausschuss betonten, es müsse über die Asse-Sanierung hinaus einen nationalen Konsens für die Atom-Endlagerung geben.
Wie weit entfernt dieser ist, machte am Donnerstag die Deutsche Umwelthilfe (DUH) klar, die auf die ungelöste Entsorgungsfrage hinwies. Die Organisation argumentierte, die von der schwarz-gelben Koalition geplanten längere AKW-Laufzeiten seien deswegen verfassungswidrig. Es dürfe "nicht mehr Atommüll erzeugt werden, als im Rahmen des Atomausstiegs festgelegt wurde", sagte DUH-Geschäftsführer Rainer Baake in Berlin. Längere Reaktor-Laufzeiten verletzten die Schutzpflichten des Staates. Eine rechtliche Chance dafür gebe es allenfalls, wenn es "überragende gemeinnützige Gründe" gebe, etwa die Energieversorgung nicht mehr sichergestellt sei. Das werde zwar gelegentlich behauptet, "aber das halte ich für abwegig."
"Eindimensionale Debatte"
Baake sagte: "Wir erleben in diesen Wochen eine merkwürdig eindimensionale Debatte über die angebliche Notwendigkeit längerer Reaktorlaufzeiten, während gleichzeitig das grandiose Scheitern des Versuchs, schwach- und mittelaktive Atomabfälle im Salzbergwerk Asse II dauerhaft zu entsorgen, eingestanden werden muss." Für die Entsorgung des weit brisanteren hochradioaktiven Abfalls gebe es über 30 Jahre nach dem Start der Erkundung des Salzstocks Gorleben keine belastbare Perspektive. Er erinnerte daran, dass im Bundestag ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss dazu eingesetzt wird. Er soll die Frage klären, ob in den 1970er Jahren nicht sachfremde Erwägungen für die Gorleben-Auswahl entscheidend waren.