Punkt 15 Uhr bricht Jubel aus auf der B431 bei Elmshorn, und zu einem guten Teil besteht er aus Erleichterung. Immerhin sind es die Spitzen von SPD und Grünen, die hier fast zwei Stunden an einem Straßenrand bei Hamburg herumstehen. Und als die Mittagssonne brannte und es nach Kuhmist roch, war längst nicht klar, ob es eine gute Idee war, die beiden Ex-Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) und Sigmar Gabriel (SPD) ihr Gipfeltreffen auf dem flachen Land abhalten zu lassen: In einer Menschenkette gegen Atomkraft, die über 120 Kilometer die AKW Brunsbüttel und Krümmel verbinden sollte.
50000 Menschen seien dafür nötig, hieß es vorab. Aber gehen noch so viele gegen den "Atomtod" auf die Straße, ein Gespenst aus den 80ern? Bei einem Flop wäre die Häme von Medien und Regierung gratis, die Einreihung von Trittin und Gabriel eine peinliche Wahlkampfnummer auf einem norddeutschen Acker.
Doch dann die erlösende SMS: "Die Kette steht", liest jemand vor. "Laut Polizei mehr als 100000 Teilnehmer! Dazu 5000 in Ahaus und 20000 in Biblis!" Die Kernkraftgegner klatschen, und natürlich findet Jürgen Trittin als erster die passende Parole: "Das ist die größte Anti-Atomkraft-Demo der letzten 20 Jahre!" Der Satz arbeitet sich die Kette entlang, der Superlativ wächst, bis er in Hamburg ankommt, ist das sicher das größte Protest-Event aller Zeiten. Was aber stimmt: Die Massendemo am Samstag übertraf die Erwartungen aller Beteiligten und Gegner. Die Bilder zeigen alte und junge Gesichter; keine militanten Castorgegner, sondern Familien, Studenten, Kirchenleute.
"Das ist ein Signal, das die Regierung nicht ignorieren kann", sagt Trittin in eine Kamera. Es klingt wie: "Ich hatte euch gewarnt!" Anfang des Jahres, als klar wurde, dass Schwarzgelb ernst macht mit dem Ausstieg aus dem Ausstieg, war der grüne Fraktionschef der Erste, der Widerstand androhte: "parlamentarisch, juristisch - und auf der Straße!" Es war sein erster Schritt zurück in den Schoß der Bewegung, aus der er vor 30 Jahren in die Politik kam - und die ihn fallen ließ, als er ihre Ziele im Ministeramt umsetzen sollte.
Das Zerwürfnis ist das erste, wonach Trittin gefragt wird, als er den Streckenposten erreicht. Wie fühlt es sich an, wieder auf einer Demo zu sein, nachdem er von den Bürgerinitiativen als Verräter beschimpft wurden? Trittin bleibt gelassen. "Ich höre heute kaum Klagen über das Gesetz, nach dem dieses und nächstes Jahr die ersten Reaktoren stillgeleget werden müssen", sagt er, in Tonfall und Lautstärke wie bei einer Bundestagsrede. Wäre es nach der SPD gegangen, wäre der Konsens eine Absichtserklärung der Energieunternehmen geblieben. "Dann wäre der Ausstieg schon aufgehoben, weil der Bundesrat nicht hätte zustimmen müssen. Aber anders als Schröder anfangs wollte, habe ich den Ausstieg ja auch ins Atomgesetz schreiben lassen!"
Spätestens da ist klar: Für Trittin mag der Protest auch ein Wahlkampftermin für Nordrhein-Westfalen sein - vor allem ist er eine persönliche Angelegenheit. Die Bewegung muss einsehen, dass Trittin sie nie verlassen hat. Dass man Maximalforderungen nie durchbekommt. Gewerkschaften wissen das, sagt Trittin, aus Tarifverhandlungen. Umweltschützer verhandeln nicht, sie fordern. 1998, als Trittin erster grüner Umweltminister wurde, forderten sie den AKW-Sofortausstieg. Heute sehen sie ein, dass der Konsens den Atomkonflikt sehr wohl befriedet hatte - auch wenn viele Aktivisten der ersten Generation sich von den Grünen abwendeten.
Hinter einem großen grünen Banner schreitet Trittin nun mit der Fraktion in einer Mini-Latschdemo zum Treff mit den Sozis. Am Streckenrand wehen gelbe Fahnen mit roten Sonnen, wie in den 80ern. Doch man versucht neue Slogans: "Atomkraft? Nicht schon wieder", steht auf dem Sticker von Anke und Gerd Rüsch, 56 und 55. Damals in Brokdorf hat die Polizei ihren Käfer auf Baumstämmen von der Straße gerollt. Heute grüßt die Polizei freundlich. "Gemeinsam für ein gutes Leben", steht auf dem IG-Metall-Banner - auch das neu: Gewerkschafter fürchten um Tausende Jobs bei Erneuerbaren Energien. Überhaupt protestieren viele nicht mehr nur gegen Atom, sondern für Alternativen, die sie bedroht sehen. Seit Wochen vernetzen sich all diese Szenen übers Internet, auf Foren, per Mails und Facebook. Anders wäre der Kraftakt - allein 200 Busse und drei Sonderzüge! - nie gelungen, sagen die Veranstalter.
Einer von ihnen, Christoph Bautz von Campact, begrüßt Trittin zwei Stunden später zur Abschlussveranstaltung in Glücksstadt. Bautz, 37, gehört zur zweiten Generation Atomgegner: Ihnen hatte Trittin 2001 als Minister geraten, nicht mehr gegen den Castor zu demonstrieren. Der Ausstieg komme doch. "Heute laufen immer noch 17 der 19 deutschen AKW", sagt Bautz.
Dann betritt Trittin die Bühne. In schwarzem Polohemd und schwarzer Jeans unterscheidet er sich nicht von den Zuhörern, und er weiß auch, was sie hören wollen. "Uraltmeiler! Jeder für sich mehr als 400 Störfälle! In der Region werden schon Windparks abgestellt, weil Atomstrom das Netz verstopft!" Es donnert Applaus. Sie haben ihm verziehen. "Wenn es beim Atomkonsens bleibt, geht das erste AKW schon dieses Jahr vom Netz", sagt er, "das letzte 2022!" Wenn. Werden die Laufzeitenaber verlängert, ist sein Projekt dahin. Als hätte es seinen historischen Sieg nie gegeben. Trittin freut sich auf den NRW-Wahlkampf. Sagt er.
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