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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

06. September 2010

Michael Sailer im Interview: "Das Risiko erhöht sich mit jedem Jahr"

Endlager für schwach und mittelradioaktiven Atommüll in Morsleben.  Foto: dpa

Wenn Nachrüstungen sich nicht mehr lohnen: Reaktor-Experte Michael Sailer vom Öko-Institut hält es für möglich, dass die Stromkonzerne die ältesten Meiler doch früher abschalten als die AKW-Laufzeitverlängerung es vorsieht.

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Zur Person
Michael Sailer

Michael Sailer ist Geschäftsführer des Öko-Instituts und Reaktorexperte.

Er leitet die Entsorgungskommission des Bundes und ist Mitglied der Reaktorsicherheitskommission.

Halten Sie die AKW-Laufzeitverlängerung von im Schnitt zwölf Jahren für vertretbar?

Ganz klar: Das Störfallrisiko erhöht sich durch die Laufzeitverlängerungen mit jedem Jahr. Techniker wissen: Je älter die Anlegen werden, desto anfälliger werden sie. Das liegt in der Natur der Sache. Die Verantwortung dafür, ob das Sicherheitsniveau vertretbar ist oder nicht, muss aber die Politik tragen. Das kann ihr niemand abnehmen.

Sind die geplanten Sicherheitsnachrüstungen ausreichend?

Im Detail liegen sie noch gar nicht fest. Aber man muss wissen: Die älteren der 17 Reaktoren wie Neckarwestheim 1 oder Biblis A können damit nicht auf den Stand der neueren Anlagen gebracht werden. Das ist schon wegen der Anlagenkonzeption nicht möglich. Außerdem: Auch die neueren Reaktoren entsprechend nicht dem heute bei AKW-Neubauten üblichen Sicherheitsstand. Der neueste Reaktor, Neckarwestheim 2, ist auch schon 21 Jahre im Betrieb. Alle 17 Anlagen wären als Neubau heute nicht mehr genehmigungsfähig.

Gemäß dem rot-grünen Atomkonsens wären Altmeiler wie Biblis A schon abgeschaltet. Die hier nun erlaubten acht Jahre Laufzeitplus sind unproblematisch?

Hier steigt das Risiko überproportional. Das zeigt schon die nun geltende Staffelung der Laufzeiten. Mit dem kürzeren Laufzeitplus hat Schwarz-Gelb erstmals offiziell anerkannt, dass die alten Kernkraftwerke mehr sicherheitstechnische Schwächen haben als die neueren.

Erwarten Sie, dass die Stromkonzerne die ältesten Reaktoren eventuell doch früher abschalten?

Durchaus denkbar. Auch bei den bisher stillgelegten Reaktoren Stade und Obrigheim spielten Wirtschaftlichkeitsüberlegungen eine wichtige Rolle. Die Betreiber haben deren Restlaufzeiten gar nicht voll ausgereizt, sondern die übrig gebliebenen Strommengen auf neuere AKW übertragen. Wenn Nachrüstungen zu teuer kommen, könnte das das Aus für die eine oder andere Anlage bedeuten.

Durch die Verlängerung entstehen 5000 Kubikmeter abgebrannte Brennstäbe zusätzlich. Reichen die Zwischenlager, die an den Kraftwerken stehen, dafür aus?

Bei den meisten Anlagen gibt es noch Platz. In Einzelfällen kann es eng werden, wenn zum Beispiel Strommengen von älteren auf neuere AKW übertragen werden und diese dann länger laufen. Aber ein grundsätzliches Hindernis für den Betrieb wäre das nicht. Die Lager könnten erweitert werden.

Verschärft der zusätzliche Müll die Endlager-Problematik?

Man muss kein Prophet sein, um zu sagen: Die Debatte über das Endlager wird deutlich schwieriger – unabhängig von den Mengen, um die es geht. In Gorleben erleben wir bereits eine starke Renaissance des Widerstands.

Der rot-grüne Atomkonsens hat den Konflikt in der Gesellschaft weitgehend befriedet. Ihre Prognose bitte: Wird die Anti-AKW-Bewegung nun wieder so stark, wie sie in den 80er Jahren war?

Ob es ganz so heftig wird, ist noch offen. Aber die bereits erfolgte Mobilisierung hat viele überrascht. Es waren nicht nur die alten Anti-Atom-Grauköpfe, sondern auch viele junge Leute dabei. Dass die Regierung nur von einer „Brückentechnologie“ spricht, also selbst Skepsis durchblicken lässt, wird den Protest kaum abmildern.

Interview: Joachim Wille

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