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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

18. Februar 2012

Nach Beinahe-Blackout: Stromzocker an die Leine

 Von Jakob Schlandt
Händler sorgten beinahe für einen Kollaps im Netz.  Foto: dapd/Jens-Ulrich Koch

Während der jüngsten Kältewelle bringen Stromhändler das Energiesystem beinahe zum Kollaps. Nun machen Experten Vorschläge, wie der Beinahe-Blackout in Zukunft verhindert wird.

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Während der jüngsten Kältewelle bringen Stromhändler das Energiesystem beinahe zum Kollaps. Nun machen Experten Vorschläge, wie der Beinahe-Blackout in Zukunft verhindert wird.

Spekulieren, bis das Licht ausgeht: Während der jüngsten Kältewelle brachten Stromhändler das Energiesystem beinahe zum Kollaps, wie die Frankfurter Rundschau am Donnerstag berichtet hatte. Sie hatten den Bedarf ihrer Kunden – entgegen der Vorschriften – systematisch zu niedrig angesetzt und auf Sicherheitsreserven zurückgegriffen, statt den Strom teuer an der Börse zu kaufen. Im Wirtschaftsministerium und der Aufsichtsbehörde Bundesnetzagentur herrscht deshalb Alarmstimmung. Doch will man dort erst einmal abwarten, was eine genaue Untersuchung ergibt. Denn die Stromflüsse werden erst im Nachhinein genau zugeordnet und abgerechnet. Erst dann können mögliche Strafen ausgesprochen werden.

"Hart durchgreifen"

Die zentrale Schwachstelle des Systems ist für Branchenexperten allerdings schon klar zutage getreten: dass es gerade in angespannten Momenten günstiger sein kann, sich auf das Sicherheitsnetz Regelenergie zu verlassen, statt den Strom teuer zu kaufen. Tobias Federico, Chef des Beratungshauses Energy Brainpool, plädiert deshalb als ersten Schritt dafür, den Rückgriff auf die Sicherheitsreserven teurer zu machen. „Es wäre leicht möglich, es so einzurichten, dass die Regelenergie immer mindestens so teuer abgerechnet wird wie die Spotmarktpreise. So gäbe es keinen Anreiz mehr zum Optimieren.“ Die Gewinne aus den im Nachhinein teurer abgerechneten Regelenergiepreisen könnten dann den Stromkunden zugutekommen, die die Regelenergie über die Netzentgelte bezahlen.

Beim Bundesverband Neuer Energieanbieter (BNE) will man, dass auf jeden Fall „hart durchgegriffen wird“, sagte eine Sprecherin. Händler, die absichtlich falsche Prognosen über den Verbrauch ihrer Kunden stellten, müssten zur Rechenschaft gezogen werden. Doch danach müsse man das System grundlegend neu organisieren. Der BNE schlägt vor, dass ein Teil der Regelenergie – die Minutenreserve – nicht wie bislang eine Woche im Voraus versteigert, sondern ebenfalls über die Börse gehandelt wird. So gäbe es keine Preisdifferenzen mehr.

Doch es ergeben sich noch weitergehende, grundsätzliche Fragen, so Federico. Denn der immer größere Anteil an stark schwankenden erneuerbaren Energien hat zur Folge, dass schon kleine Fehler in der Prognose, etwa über den Windertrag, für große Ausfälle sorgen. Um die Schwankungen besser einzubeziehen, solle die Regelenergie deshalb kurzfristiger versteigert werden. Eine weitere Überlegung in der Branche: Es könnte nötig sein, den Sicherheitspuffer aufzustocken.

Staat soll Strom bestellen

Laut Federico muss zudem das Grundprinzip der Regelenergie noch ausgeweitet werden. Schon viele Jahre im Voraus sollten Kapazitäten ausgeschrieben werden, die bezahlt werden, auch wenn der Strom gar nicht sicher gebraucht wird. „Das muss zwar von den Stromkunden bezahlt werden, aber angesichts der stark schwankenden erneuerbaren Energien kommen wir gar nicht darum herum. Wir brauchen fossile Kraftwerke, die im Notfall einspringen“, sagt Federico.

Das sieht der BNE genauso: „Eigentlich sind wir dort, wo es geht, für mehr Markt“, so die Sprecherin. „Aber darum, dass der Staat über die Ausschreibung von Reserve-Kapazitäten für Versorgungssicherheit sorgt, kommen wir wohl nicht herum.“ Für die Reservekraftwerke zahlen müssen allerdings die Stromkunden.

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