Der Herbst kommt - und mit ihm eine Gasflut aus dem Osten: Pro Jahr können durch neue Leitungen 55 Milliarden Kubikmeter Gas fließen - mehr als die Hälfte des deutschen Verbrauchs derzeit.
Illustration von Schweißarbeiten unter Wasser
Foto: www.nord-stream.com
Illustration von Schweißarbeiten unter Wasser
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Helsinki –
Nord Stream wird ab diesem Herbst den europäischen Gasmarkt umwälzen. Pro Jahr können durch die beiden Nord-Stream-Leitungen in der vollen Ausbaustufe 55 Milliarden Kubikmeter Gas fließen. Das ist mehr als die Hälfte des deutschen Verbrauchs. Über die angeschlossenen Pipelines Opal (nach Süden) und NEL (nach Westen) soll das Gas über ganz Europa, ja sogar bis nach England verteilt werden.
Aber: Braucht Europa so viel Gas? Nord Stream beruft sich unter anderem auf eine Studie der Internationalen Energie-Agentur (IEA), die bis 2030 mit einem Anstieg der Gasimporte der EU von 188 Milliarden Kubikmetern rechnet. Das wäre Nord Stream mal drei. Auch die EU arbeitet mit ähnlichen Szenarien.
Christoph Burger, Energieexperte der European School of Management and Technology (ESMT) aus Berlin, hält das Nord-Stream-Projekt deshalb für einen „positiven Beitrag zur Energiesicherheit Deutschlands“. Die europäischen Gasfelder leerten sich, gleichzeitig steige der Bedarf. „Denn Gas ist im Vergleich zu anderen fossilen Brennstoffen relativ klimafreundlich. Wir brauchen mehr Gaskraftwerke, die sich mit den erneuerbaren Energien ideal ergänzen. Beschleunigt wird die Entwicklung noch durch den Atomausstieg in Deutschland“, erwartet Burger.
Nord Stream, das nach eigenen Angaben mehr als 100 Millionen Euro in die Untersuchung und den Schutz der Ostsee investiert, wird deshalb nach anfänglicher Skepsis auch von den meisten Umweltorganisationen nicht mehr attackiert.
Pipeline am Meeresboden
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Vor der Verlegung am Meeresboden werden die Rohre gereinigt und getestet auf ihre Funktionsfähigkeit - wie hier in Richmond, North Yorkshire
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Fertige Rohre lagern unter anderem auf der deutschen Insel Rügen und werden dort bei Bedarf auch von direkt von Schiff zu Schiff verladen bei Mukran.
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Auf dem Verlegeschiff Solitaire lagern 22 Tonnen Rohre für die neue Pipeline.
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Die Solitaire ist das weltgrößte Verlegeschiff - deshalb muss es beim Passieren der Brücke über den Großen Belt auf dem Weg zur Baustelle seinen Topmast entfernen - und selbst dann bleiben nur drei Meter Platz über dem Schiff unter der Brücke.
Hier werden Rohre auf die Solitaire verladen. Ihr großes Fassungsvermögen macht sie unabhängiger von Anschlußlieferungen.
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Vor Ort werden die Rohre montiert und unter Wasser verschweißt. Dabei helfen Tauchroboter und menschliche Taucher.
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Bis durch diesen Stahl das Gas für deutsche Heizungen fließen kann, vergeht viel Zeit. Europipe - eine deutsch-russische Firma - produzierte die ersten Röhren für die Nord Stream Pipeline von Greifswald nach Wyborg.
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Unkonventionelle Energiegewinnung
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Unkonventionelle Energiegewinnung
Erdwärme-Kraftwerke, wie dieses im mecklenburgischen Neustadt-Glewe im Kreis Ludwigslust, das 2003 offiziell ans Netz ging, arbeiten mit unterschiedlichen Methoden. Das Geothermie-Kraftwerk nutzt 97 Grad heißes Tiefenwasser aus der Erdkruste und erzeugt jährlich 1.400 Megawattstunden Strom für bis zu 500 Haushalte.
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Auch sogenannte Biogasanlagen ermöglichen es, alternative Energien zu gewinnen. Eines steht in Schwedt in der neuen Anlage des Betreibers Verbio. Die Biogasanlage nahm im März offiziell ihren Betrieb auf. Die Technik wird schon an vielen Stellen genutzt.
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Hier werden nur Reststoffe verwertet. Die Produktionsstätte ist mit einer bestehenden Anlage des Unternehmens zur Bioethanol-Herstellung gekoppelt. Die Biogasanlage kostete nach Unternehmensangaben rund 40 Millionen Euro. und erzeugt rund 30 Megawatt Strom.
Foto: dapd
Zu den unkonventionellen Methoden der Energiegewinnung zählen Aufwindkraftwerke. Ihre gigantischen Ausmaße machen sie für Europa wenig geeignet: Bis zu 1000 Meter hoch und 100 Meter breit müssen sie sein. An ihrem Fuß soll ein fast fünf Kilometer großes Glasfeld die von der Sonne im Boden erzeugte Hitze zum Turm in der Mitte leiten und die dort integrierten Turbinen antreiben.
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Mit dieser Technik können 200 Megawatt Strom pro Turm erzeugt werden. Allerdings wohl eher in unbewohnten Wüstenregionen. Eine Anlage kostet bis zu 800 Millionen Euro.
Foto: Schlaich Bergermann Solar GmbH
Eine der ältesten Formen der Energiegewinnung ist Wasserkraft. Das geht jedoch nicht nur durch Staustufen sondern auch mit Gezeitenkraftwerken wie hier in St. Malo (Archivbild). Ebbe und Flut lassen den Wasserstand um bis zu zehn Meter schwanken. Spitzenleistung liegt bei 240 Megawatt.
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Einen ganz anderen Weg beschreiten Druckluftkraftwerke. Weltweit gibt es erst zwei, eins davon in Huntdorf bei Bremen. Es verfügt über eine Leistung von 321 Megawatt.
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Bei Solnova 1 bündeln Spiegel in Form von Parabolrinnen das Sonnenlicht in einem Rohr und heizen das darin zirkulierende Spezialöl, das sogenannte Wärmeträgermedium, auf. Ein anderer Weg besteht darin, das Sonnenlicht von zahlreichen flachen Spiegeln auf einer kleinen Fläche an der Spitze eines oft mehr als 100 Meter hohen Turmes zu bündeln. Vermutlich werden unterschiedliche Technologien im Rahmen des visionären Projekts Desertec zum Einsatz kommen: Das Projekt sieht vor, Strom solarthermischer Kraftwerke aus Nordafrika nach Europa zu übertragen.
Foto: Siemens AG
Alternative Energien sind auf dem Vormarsch. Manche sind gerade erst in der Entwicklung, andere längst eingeführt. FR-online.de zeigt die Möglichkeiten der Technik und die Perspektiven auf. Pumpspeicher-Kraftwerke, wie das Hohenwarte II-Kraftwerk in Thüringen, arbeiten mit Wasser. Das seit 1966 laufende Spitzenlastkraftwerk hat eine Leistung von 320 Megawatt Elektroenergie. Zu Zeiten von geringem Elektroenergieverbrauch wird Wasser von einem Unterbecken in das Oberbecken gepumpt, zu Zeiten mit hohem Energiebedarf strömt das Wasser aus dem Oberbecken wieder in das Unterbecken und treibt dabei Turbinen zur Stromerzeugung an.
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dpa/dpaweb
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Windkraft vor deutschen Küsten
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Windkraft vor deutschen Küsten
Für den Windpark BARD gibt es ein Errichterschiff: Hier fährt es im Hafen von Emden auf vier Stelzen hoch. Mit spezieller Technik soll der Windpark vor der Insel Borkum gebaut werden.
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Im Sommer 2010 waren die drei ersten Windräder des einhundert Kilometer nordwestlich von Borkum (Kreis Leer) entstehenden Windenergieparks BARD Offshore 1 fertig.
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Zur Zeit wird am Rysumer Nacken an der Emsmündung gebaut - hier wird ein neuer Generatortyp in emden für den Transport vorbereitet. Dessen Windräder sollen einen Rotorkreisdurchmesser von 120 Metern haben und im April ihren Dienst zur Probe aufnehmen.
Foto: dpa
Dafür werden die alten Generatorgondeln per Kran demontiert.
Foto: dapd
...und die riesigen Rotoren (Februar 2011).
Foto: dapd
Auch riesige Rohre werden für die Windparks vor Borkum verladen, wie hier im Hafen Lubmin.
Foto: dapd
Um die Fundamente der Windräder zu bewegen sind Schwimmkräne nötig.
Foto: dapd
Die Fundament-Rohre sind rund 430 Tonnen schwer und 85 Meter lang.
Foto: dapd
Doch was Technikfans begeistert, hat auch viele Kritiker, sogar von beamteter Seite. Denn einige Windparks sollen in den Zuggebieten von Seevögeln entstehen - die dadurch vertrieben werden könnten.
Foto: Alpha Ventus
Zu den von Windkraftanlagen und Schiffahrt betroffenen Arten gehören der Prachttaucher...
Foto: wiki commons/ Robert Bergman / US Fish and Wildlife Service
...und der Sterntaucher - hier mit Küken (Archivbild)
Foto: wiki commons/David Karnå
Während die Vögel von den Rotoren der Windräder gestört werden, haben die etwa 1,80 groß werdenden Schweinswale (Phocoena phocoena) ein ganz anderes Problem mit den Windparks.
Foto: ddp
Sie ertragen den Baulärm nicht, wenn Maschinen die Fundamente in den Meeresboden rammen. Aus einigen Gebieten haben sie sich daher schon zurückgezogen.
Foto: ddp
Das Bundesamt für Naturschutz wirft den Betreibern vor, das Problem mit dem Baulärm nicht in den Griff zu bekommen. Das Problem: Viele Anlagen wurden genehmigt, bevor Erkenntnisse über Auswirkungen auf Vögel und Tiere vorlagen.
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Vor der deutschen Küste zur Nordsee entstehen immer mehr große Windkraftanlagen. Die erste Offshore-Anlage war Alpha Ventus, die im November 2010 ihren ersten Geburtstag feierte. Weil die Windparks auf spezialisierte Schiffe zur Versorgung angewiesen sind, hoffen die nahegelegenen Werften auf neue Aufträge.
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dpa
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Stromerzeugung in Deutschland
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Stromerzeugung in Deutschland
Der Ausstieg aus dem Atomstrom könnte schneller erfolgen als geplant. Die Grafik zeigt die Anteile des Atomstroms bis 2019 - die Folgegrafik geht weiter....
Foto: FR/Galanty
Bis 2030 könnte aller Strom aus erneuerbaren Energieformen stammen.
Foto: FR/Galanty/Kühl
Das Atommoratorium und Wartungsarbeiten führten im Mai 2011 zu der kuriosen Situation, dass nur sechs Atomkraftwerke am Netz waren. Dennoch brach nirgends die Stromversorgung zusammen. Die Fakten im Einzelnen....
Noch am 12. März 2011 halten sich Atomkraftwerke und Braunkohle die Waage...
Am 2. Mai sank die Stromerzeugung insgesamt und der Anteil der AKW erheblich.
Gehandelt wird der Strom an der Leipziger Börse EEX zum stündlichen Kauf. Die Grafik zeigt die Preisentwicklung.
Dabei ist die Herstellung unterschiedlich teuer - am günstigsten ist Braunkohle.
Windkraft zählt zu den teureren Energiegewinnungsformen ist aber viel umweltverträglicher. Geeignete Standorte dafür gibt es vor allem in Norddeutschland.
Der Strom für deutsche Steckdosen kommt aus verschiedenen Quellen: Braunkohle, Gas, Steinkohle und Uran (AKW). Damit der Strom alle Haushalte erreicht gibt es Stromtrassen - doch deren Kapazität reicht laut Experten nicht aus. Daher sind neue Stromtrassen vor allem für erneuerbare Energien geplant.
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FR/Galanty
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Oliver Geden, der das Projekt für die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) beobachtet, ist weniger überzeugt von dessen wirtschaftlicher Notwendigkeit: „Im Augenblick braucht der Markt das Gas aus Nord Stream nicht.“ Durch die Krise sei der Gasbedarf gesunken. Es könne sein, dass wie vorhergesagt mehr Gas benötigt werde, es könne aber auch das Gegenteil eintreffen. „Macht Deutschland zum Beispiel mit seinen Plänen ernst, den Energiebedarf von Gebäuden deutlich zu senken, könnte der Gasbedarf sogar sinken.“
Ein weiterer Unsicherheitsfaktor sei die Entdeckung großer Gasvorkommen in Polen, die in den nächsten Jahren auf den westeuropäischen Markt drängen könnten. Und schließlich werden derzeit in Europa zahlreiche Anlandeterminals für Gaslieferungen per Schiff, etwa aus dem Nahen Osten, gebaut. Aktuell deckt Russland ein Drittel der deutschen Gasimporte und rund ein Viertel des europäischen Bedarfs ab. „Dieser Anteil wird sich angesichts der unsicheren Aussichten auf dem Gasmarkt nicht zwangsläufig erhöhen“, sagt Geden.
Die Kapazität der ersten Nord-Stream-Leitung ist von Gazprom bereits auf viele Jahre hinaus verkauft – nach Informationen aus einem Käufer-Unternehmen größtenteils zu einem Preis, der ans Öl gekoppelt ist. Gazprom gab auf Anfrage jedoch keine Auskunft darüber, ob das Gas aus der zweiten Leitung schon verkauft ist. Doch Insidern zufolge ist es noch nicht auf dem Markt platziert. Christoph Burger von der ESMT erwartet, dass nun die Profite der Firmen sinken. „Die neuen Liefermengen aus Russland werden sich kaum noch zu den Konditionen verkaufen lassen, die vor ein paar Jahren üblich waren. Gas hat sich vom Ölpreis abgekoppelt und ist deutlich billiger.“
7,4 Milliarden Euro wird der Bau von Nord Stream voraussichtlich verschlingen. Das Risiko, die Pipeline könnte nicht ausgelastet sein, liegt allerdings voll bei den Nutzern. Eine einst geplante und umstrittene Bürgschaft durch die Bundesregierung kam nie zustande. Nord Stream gehört zu 51 Prozent dem russischen Monopolisten Gazprom, daneben sind die deutschen Energiekonzerne Wintershall und Eon sowie Gasunie aus den Niederlanden und GDF Suez aus Frankreich beteiligt.
In Polen, der Ukraine und anderen osteuropäischen Staaten traf Nord Stream von Anfang an auf massive Vorbehalte und wurde nicht nur als wirtschaftlicher, sondern auch politischer Affront gesehen. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, der das Projekt politisch anschob und jetzt Chef-Aufseher der im schweizerischen Zug angesiedelten Nord-Stream-Gesellschaft ist, wird bis heute vorgeworfen, damit deutsch-russische Politik auf Kosten Osteuropas betrieben zu haben.
Denn bislang fließt das russische Gas hauptsächlich durch Polen und die Ukraine nach Westeuropa. Die beiden Länder kassieren Transitgebühren. Nord Stream wird sie vermutlich bares Geld kosten. „Ich bin sehr gespannt, was passiert, wenn Nord Stream in Betrieb geht“, sagt Oliver Geden. „Die Mengen werden am ehesten im ukrainischen Korridor fehlen.“
Wichtiger noch als die Einnahmen durch den Transit ist die strategische Bedeutung: Russland kann den Ländern bislang nicht den Gashahn abdrehen, ohne damit Westeuropa ebenfalls zu schädigen.
Zuletzt hatte es Anfang 2009 einen massiven Gasstreit mit der Ukraine gegeben, die Preisnachlässe von Russland verlangte. Für einige Tage floss kein Gas mehr nach West- und Südeuropa. Geden sagt: „Das hat Westeuropa alarmiert. Hätte es Nord Stream schon gegeben, hätten wir in Deutschland vermutlich nur mit den Schultern gezuckt.“
Beruhigt haben sich die Gemüter in Osteuropa noch nicht, die Verärgerung wird gerade in Wahlkampfzeiten immer wieder hochgespielt. Doch daran, Nord Stream noch verhindern zu können, glaubt niemand mehr.