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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

03. Juni 2015

Ökostrom aus Deutschland: Tschechien bremst deutschen Wind-Strom

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Der Strom aus deutschen Windkraftwerken belastet das Höchstspannungsnetz in Tschechien. (Symbolbild)  Foto: Imago/Manngold

Tschechien klagt bereits seit Jahren darüber, dass der im Norden Deutschlands produzierte Ökostrom das eigene Stromnetz immer wieder überlastet. Nun ergreift Tschechien Gegenmaßnahmen und errichtet an der Grenze einen riesigen Schutztransformator.

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Prag –  

Wenn an Deutschlands Küsten der Wind bläst, bricht in der Leitzentrale des tschechischen Stromnetzbetreibers ČEPS Hektik aus. Denn wegen fehlender Nord-Süd-Verbindungen im eigenen Land nimmt ein großer Teil des deutschen Ökostroms auf dem Weg zu den Verbrauchern im Süden des Landes und zu den Pumpspeicherkraftwerken in Österreich den Umweg über Tschechien.

Besonders kritisch sind Tage, an denen die Windkraftwerke zwar viel Energie produzieren, aber nur wenige Verbraucher den Strom abnehmen. Dann müssen die Disponenten in der ČEPS-Steuerzentrale in Prag durch Umschaltungen versuchen, den Strom möglichst gleichmäßig auf das Netz zu verteilen, um ein Blackout zu verhindern.

Um die Belastung des tschechischen Stromnetzes durch Windenergie aus Deutschland zu reduzieren, errichtet der staatliche Netzbetreiber ČEPS nun an der tschechisch-deutschen Grenze im Erzgebirge einen gigantischen Transformator. Die aus acht je 400 Tonnen schweren Blöcken bestehende Trafostation soll in Abhängigkeit von der momentanen Belastung des tschechischen Stromnetzes ähnlich wie eine Schleuse den Zufluss von Strom aus Deutschland regulieren.

Ist im ČEPS-Netz gerade viel Strom unterwegs, erhöht dieser sogenannte Phasenschiebertransformator an der Grenze den Widerstand für neu zufließende elektrische Energie, und der Strom, der stets den Weg des geringsten Widerstandes geht, sucht sich andere Wege. Polen hat in Zusammenarbeit mit dem deutschen Netzbetreiber 50 Hertz bereits ähnliche Maßnahmen ergriffen.

Auch bei der Errichtung der Phasenschiebertransformatoren (PST) an der böhmisch-sächsischen Grenze arbeiten die Stromnetzbetreiber aus Tschechien und Deutschland zusammen, versichert ein Sprecher von 50 Hertz gegenüber der Frankfurter Rundschau: "Beide Unternehmen haben die Errichtung von PST – teils auf tschechischer Seite, teils auf deutscher Seite - vereinbart und daneben auch eine Vereinbarung zum künftigen koordinierten Betrieb der PST geschlossen."

Die Transformatoren auf der tschechischen Seite sollen nach Angaben von 50 Hertz vor allem das ČEPS-Netz vor unzulässigen Überlastungen schützen, während die PST auf deutscher Seite, die 2017 in Betrieb gehen sollen, "eine optimale Nutzung der innerdeutschen Stromtransportkapazitäten befördern" sollen, wie der 50-Hertz-Sprecher erläutert.

Übertragungsnetz
Verteilnetze
Europäische Stromflüsse

Für das Höchstspannungs-Übertragungsnetz ist in Tschechien der staatliche Monopolbetrieb ČEPS zuständig. Das mit 400, 220 und auf kurzen Strecken mit 110 Kilovolt betriebene Höchstspannungsnetz misst rund 4400 Kilometer. Gemeinsam mit 41 Umspannwerken stellt es die Fernübertragung von elektrischer Energie in Tschechien sicher und sorgt für den Lastausgleich zwischen den einzelnen Teilnetzen. ČEPS ist Mitglied im Verband Europäischer Übertragungsnetzbetreiber ENTSO-E und arbeitet besonders intensiv mit Partnern aus der Region Ost- und Mitteleuropa zusammen, vor allem mit der Slowakei, Österreich, Polen, Ungarn, Slowenien und Deutschland. Mit dem deutschen Stromnetz ist das ČEPS-Höchstspannungsnetz in Röhrsdorf im sächsischen Erzgebirge und in Etzenricht in der Oberpfalz verbunden.

Die regionalen Strom-Verteilnetze sind in Tschechien in der Hand von drei Unternehmen: Der Großteil des Landes wird vom mehrheitlich staatlichen Stromkonzern ČEZ versorgt. In den vier südlichen Landkreisen ist die Tschechien-Tochter des deutschen Energiekonzerns Eon zuständig. In der Hauptstadt Prag betreibt das Stromnetz das Unternehmen PRE, dessen Anteile die Stadt Prag und der baden-württembergische Konzern EnBw halten. Diese regionale Aufteilung betrifft allerdings nur die Stromnetze. Wie in jedem anderen EU-Land auch, können die tschechische Stromkunden ihren Energielieferanten frei wählen.

Wegen seiner hohen Produktionskapazitäten vor allem in Kohle- und Kernkraftwerken ist Tschechien einer der größten Energieexporteure in Europa. Dadurch ist das tschechische Höchstspannungsnetz stark ausgelastet. Außerdem fließt ein Teil des zwischen Deutschland und Österreich gehandelten Stroms durch Tschechien, weil die direkte Netzverbindung zwischen den beiden Nachbarländern unzureichend ausgebaut ist. Eine neue Höchstspannungsleitung zwischen Salzburg und Bayern, die ab 2017 errichtet werden soll, wird dieses Problem entschärfen.

Eine besondere Belastung für das tschechische Übertragungsnetz stellt der starke Stromzufluss aus Windkraftanlagen an der deutschen Küste dar. Wegen der mangelhaften Netzinfrastruktur in Deutschland fließt dieser Ökostrom in die Nachbarländer Tschechien und Polen ab, die über zu Zeiten des Kalten Krieges errichtete leistungsfähige Netzanbindungen verfügen. Im Gegensatz zu den vorab geplanten Stromdurchleitungen im Rahmen des europäischen Netzverbundes treten die Windkraft-Spitzen oft plötzlich auf und bringen dadurch die Stromnetze in Tschechien und Polen aus dem Takt.

Steigt die Belastung über gewisse Schwellenwerte an, schalten Teile des Netzes aus Sicherheitsgründen ab. Großflächige Stromausfälle, sogenannte Blackouts, sind die Folge. Um diese Überlastungen zu vermeiden, hat der ostdeutsche Netzbetreiber 50 Hertz im März 2014 mit dem staatlichen polnischen Netzbetreiber PSE eine Vereinbarung zum Bau von sogenannten Phasenschiebertransformatoren an der Grenze vereinbart. Dadurch soll der unkontrollierte Zufluss von deutschem Ökostrom ins polnische Netz gebremst werden. Nun errichtet auch der tschechische Netzbetreiber ČEPS gemeinsam mit 50 Hertz eine derartige Anlage an der Grenze zu Deutschland. (dak)

Rund 73 Millionen Euro lässt sich ČEPS die Investition kosten, Ende 2016 sollen die tschechischen Phasenschiebertransformatoren ans Netz gehen. "Die Transformatoren sind zwar teuer, aber ihre Lebensdauer beträgt mehr als 40 Jahre. Und wenn es zu einem Blackout käme, dann wären die finanziellen Verluste viel höher als die Kosten für den Bau dieser Anlage", erläutert der Leiter des Netzbetreibers ČEPS, Josef Tošovský.

Die Investition lohne sich auf jeden Fall, ist Tošovský überzeugt. Im Januar dieses Jahres etwa sei es an vier und im Februar an sechs Tagen zu einer Überlastung des tschechischen Netzes durch überschüssigen Windstrom aus Deutschland gekommen. Bis zu 7000 Megawatt zusätzliche Energie seien dadurch in das tschechische Stromnetz geflossen.

Eine Herausforderung für ČEPS: "Die uns vom Energie-Regulierungsamt zugewiesenen Kapazitäten zur Weiterverteilung in andere Netze waren erschöpft. Deshalb mussten wir den Strom durch eine Art Kettenreaktion im Rahmen von bilateralen Abkommen weiter umverteilen", so Tošovský. Vereinfacht ausgedrückt floss der überschüssige Strom vom Höchstspannungs-Übertragungsnetz zunächst in die untergeordneten Verteilnetze. Weil dort die zum Lastausgleich vorgehaltenen Kapazitäten ausgeschöpft waren, strömte die elektrische Energie dann von Tschechien in ein benachbartes Netz und wurde von dort wieder an das nächste Land weitergereicht.

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Durch diese Maßnahme können die Kapazitätsreserven mehrerer Netze die Lastspitzen besser abfangen. Ein aufwändiges Verfahren, das viel Geld kostet, wie man bei ČEPS betont: In diesem Jahr seien dadurch schon Kosten in Höhe von einigen Millionen Euro angefallen, erklärt ČEPS-Chef Tošovský. Geld, das am Ende wie bei der Errichtung der Trenntransformatoren die tschechischen Stromkunden über die Bezahlung der Netzkosten als Anteil der Stromrechnung aufbringen müssen.

Wohin der überschüssige Strom aus den Windkraftanlagen an der Küste in Zukunft fließen wird, wenn das deutsche Netz wieder einmal nicht genügend Kapazitäten bietet, bleibt unklar. Das bestätigt auch der Sprecher des ostdeutschen Stromnetzbetreibers 50 Hertz gegenüber der Frankfurter Rundschau: "Inwieweit mehr Kapazität für den Stromhandel bereitgestellt werden kann oder ob es zu einer Überlastung anderer Teile des deutschen Netzes und damit zur Notwendigkeit der Drosselung von Windkraftanlagen kommt, hängt hauptsächlich vom innerdeutschen Netzausbau und der Schaffung von mehr Stromtransportkapazitäten in Nord-Süd-Richtung ab."

Dass die geplanten Stromautobahnen von Nord- nach Süddeutschland in absehbarer Zeit zur Verfügung stehen, gilt angesichts der politischen Querelen rund um den Netzausbau allerdings als ausgeschlossen. An der umstrittenen Südlink-Trasse etwa sollen 2016 gerade erst die Bauarbeiten beginnen, mit einer Fertigstellung ist nicht vor 2022 zu rechnen - sechs Jahre nach Inbetriebnahme der Zufluss-Begrenzung ins tschechische Stromnetz.

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