Sassnitz. Jetzt müssen sie nur noch auf den Hering warten. Nichts sonst kann den Bau der Ostsee-Gasleitung vom russischen Wyborg bis nach Greifswald noch aufhalten. Keine Seeminen, keine Bomben auf dem Meeresgrund, keine chemischen Kampfstoffe und was sonst noch in zwei Weltkriegen in der Ostsee versenkt wurde. "Wir haben alles gründlich untersucht und alle Gefahren beseitigt", sagt Steffen Ebert, Sprecher des Pipeline-Betreibers Nord Stream.
Vor wenigen Tagen trafen die letzten Baugenehmigungen aus Russland und Deutschland ein. Zuvor hatten die Regierungen Schwedens, Finnlands und Dänemarks grünes Licht für die Erdgasleitung gegeben. Damit könnte der Bau mit gut einem Jahr Verspätung eigentlich sofort beginnen.
Wenn der Hering nicht wäre. Der laicht gerade. "Doch wenn die Laichzeit Ende April vorüber ist, werden wir die ersten Rohre verlegen", sagt Ebert.
Der Zug aus Mühlheim an der Ruhr bringt Nachschub. 100 neue Rohre kommen im Sassnitzer Hafen Mukran auf Rügen an. Mukran ist einer von fünf Umschlagplätzen. Auf dem Gelände lagern bereits 40.000 Röhren. Der Eisenbahnfährhafen Mukran ist mit seiner Schienenanbindung, dem Tiefseehafen und seiner Größe ein idealer Platz. Dort werden die Rohre gelagert, bearbeitet und später zu den Verlegestationen gebracht. Je 100.000 Röhren werden für die beiden 1223 Kilometer langen Gastrassen benötigt.
Die erste Trasse der Pipeline soll Ende 2011 mit einer Transportkapazität von 27,5 Milliarden Kubikmetern Gas pro Jahr in Betrieb gehen. Mit Fertigstellung der zweiten Trasse ein Jahr später soll sich die Gasmenge auf 55 Milliarden Kubikmeter verdoppeln. Die Kosten für die gigantische Leitung: 7,4 Milliarden Euro!
Das Projekt ist von strategischer Bedeutung. Die europäischen Gasvorkommen in der Nordsee gehen rapide zurück. Im Jahr 2030 wird nach Schätzungen eine Bedarfslücke von rund 200 Milliarden Kubikmetern Gas entstehen. Rund 25 Prozent dieses zusätzlichen Importbedarfs soll künftig über die Ostseepipeline mit Gas aus Sibirien gedeckt werden. Kritiker des Projekts befürchten, dass Europa künftig bei den Gaslieferungen zu stark von den Lieferungen aus Russland abhängig sein wird.
Das sieht man indes bei Nord Stream anders. Trotz der neuen Pipeline werde der Anteil russischer Gaslieferungen in die EU relativ dezent von derzeit 24 Prozent auf 28 Prozent steigen.
Den Milliardenauftrag zur Fertigung der Rohre hatte Nord Stream vor einem Jahr an Europipe vergeben. Das Gemeinschaftsunternehmen der Salzgitter Mannesmann und der Dillinger Hütte gilt als weltweit führender Hersteller von geschweißten Großrohren. Europipe liefert rund 75 Prozent der Rohre für den ersten Pipelinestrang, 25 Prozent kommen aus Russland.
Tag für Tag kommen in Mukran drei mit Stahlrohren beladene Spezialzüge der Bahntochter Schenker aus dem Ruhrgebiet an. Den Umschlag im Hafen managt ein 29-Jähriger Berliner: Daniel Langendorf, Wirtschaftsingenieur und Logistikspezialist. Er sorgt mit seinen 60 Mitarbeitern dafür, dass jedes Rohr im Hafen an seinen richtigen Platz kommt.
Das ist nicht so einfach. Denn jede der etwa vier Zentimeter dicken Stahlröhren ist zwölf Meter lang und wiegt elf Tonnen. Sie muss mit Kränen, Spezialgerät und per Lkw gleich mehrmals umgeschlagen und dabei möglichst vorsichtig behandelt werden. "An Spitzentagen haben wir hier 1000 Rohre in Bewegung", sagt Langendorf. Wehe, wenn da einmal die Technik versagt.
Mit dabei ist auch die französische Spezialfirma Europec. Sie hat in Mukran einzig für den Pipelinebau ein völlig neues Werk zur Ummantelung der Rohre aufgebaut. "Wir haben dafür 40 Millionen Euro investiert und 150 Mitarbeiter, meist aus der Region, eingestellt", sagt Bauleiter Gérard Vogel.
Die Rohre sind von innen mit einer Epoxidharzschicht überzogen, die den Reibungswiderstand des Gasdurchlaufes um ein Drittel verringert. Von außen soll eine dreilagige Polyethylenschicht den Stahl vor Rost schützen. In der Europec-Anlage erhalten die Rohre noch eine weitere Außenhülle: einen sechs bis elf Zentimeter dicken Betonmantel.
"Die Betonschicht macht die Rohre so schwer, dass die Pipeline keinen Auftrieb bekommt und sicher auf dem Meeresboden verlegt werden kann", erklärt Vogel. Damit die Rohre auch wirklich nicht mehr auftauchen können, mischen Vogels Leute Eisenerz unter den Beton - damit er ordentlich Gewicht bekommt. Dadurch verdoppelt sich das Gewicht eines Rohres auf gut 23 Tonnen.
Das Erdgas, das ab Ende 2011 durch die Pipeline strömen soll, wird durch acht Flugzeugturbinen in die Röhre gepresst - mit einem Druck von 220 Bar beziehungsweise einer Kraft von 9300 Tonnen. Nach zweieinhalb Tagen kommt es in Greifswald immer noch mit einem Druck von 100 Bar an.
Deshalb sind zwischendurch - anders als bei Überlandleitungen - auch keine Verdichterstationen nötig. Von Greifswald aus wird das Gas über zwei Anschluss-Leitungen nach Süddeutschland und Westeuropa weitergeleitet.
Ginge es nach Vogel, könnten die Röhren schon morgen in der Ostsee versenkt werden. So weit seien die Vorbereitungen gediehen. Vier Jahre lang wurde der Meeresboden, auf dem die Trasse verlaufen soll, mit Tauchrobotern, Echoloten, Gradiometern und Kameras untersucht. Erst auf einem zwei Kilometer breiten Abschnitt, dann in einem 15 Meter breiten Korridor, schließlich noch einmal jeweils sieben Meter links und rechts der Pipeline.
Doch auf dem Meeresgrund lauern noch ganz andere Gefahren. In der Ostsee wurden während der Weltkriege 100.000 Seeminen verlegt sowie Granaten, Bomben und chemische Kampfstoffe versenkt. Allein in Russland und Finnland gab es 66 Munitionsfunde, die gesprengt wurden. Der 81 Kilometer lange deutschen Abschnitt blieb ohne Fund. Allerdings mussten die Planer die Insel Bornholm großzügig umgehen, weil dort chemische Munition lagern soll.
Auch die ökologischen Einwände einiger Ostseeanrainer, seien berücksichtigt worden. Dafür musste Nord Stream einige harte Auflagen erfüllen, wie Schwedens Umweltminister Andreas Carlgren kürzlich erklärte. Nicht zuletzt deshalb hat sich der Pipeline-Bau so verzögert. Nun steht dem Baustart nichts mehr im Wege - bis auf den Hering.
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