Energiewende
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10. Februar 2012

Premier Nečas in Berlin: Tschechien baut Atomkraft weiter aus

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Tschechien hält am Ausbau des Meilers Temelín fest. In Zukunft sollen hier acht statt vier über 100 Meter hohe Kühltürme in den Himmel ragen. Foto: rtr/Petr Josek/Archiv

Tschechien beklagt eine massive Überlastung seines Stromnetzes durch Energietransit von Nord- nach Süddeutschland. Gleichzeitig bekräftigt der konservative Regierungschef Nečas die Ausbaupläne für das tschechische AKW Temelín.

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Berlin –  

Für die tschechische Regierung führe kein Weg an der Kernenergie vorbei. Das sagte der tschechische Premierminister Petr Nečas am Freitag auf einer im Rahmen des CDU-Wirtschaftsforums veranstalteten Konferenz zum europäischen Energiemarkt in Berlin. Zwar habe Tschechien noch einigen Nachholbedarf bei der Umsetzung von Energiesparmaßnahmen, trotz Milliardeninvestitionen könnten die verbesserte Wärmedämmung von Gebäuden und die Modernisierung der Industrieanlagen alleine den steigenden Energiebedarf nicht decken, betonte der konservative Politiker.

Tschechien bekenne sich auch zum weiteren Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energiequellen, versicherte Premier Nečas. Die in Tschechien unter grüner Regierungsbeteiligung im Jahr 2007 gestartete großzügige Solarförderung wurde inzwischen aber aus Kostengründen drastisch zurückgefahren, auch der gegenüber grünen Technologien und staatlichen Subventionen aller Art betont skeptische Staatspräsident Václav Klaus hatte die Förderprogramme wiederholt scharf kritisiert.

Trotz aller Anstrengungen sei Tschechien aber auch weiterhin auf die Nutzung der Kernkraft als wichtige Energiequelle angewiesen: "Nur diese Technologie ermöglicht uns, die von der EU gesetzten ambitionierten Ziele zur Reduktion des Kohlendioxid-Ausstoßes zu erreichen", so Nečas. Für eine Übergangszeit sei das Land außerdem auf den Weiterbetrieb der Kohlekraftwerke als Brückentechnologie angewiesen.

Tschechiens konservativer Regierungschef Nečas hält nichts von einem Atomausstieg und will das AKW Temelín ausbauen.
Tschechiens konservativer Regierungschef Nečas hält nichts von einem Atomausstieg und will das AKW Temelín ausbauen.
Foto: dapd/Yves Logghe

AKW Temelín wird ausgebaut

Der tschechische Premierminister betonte, zur Erreichung der Klimaziele führe an der geplanten Erweiterung des südböhmischen Atomkraftwerkes Temelín von zwei auf vier Reaktoren kein Weg vorbei. Umweltschützer in Tschechien und den angrenzenden Ländern Bayern und Oberösterreich kritisieren das Vorhaben seit Langem. Sie beklagen vor allem die mangelhafte Sicherheitsausstattung des nach sowjetischem Muster geplanten und später mit US-amerikanischer Technologie ergänzten Kernkraftwerkes.

Kritisiert wird von den AKW-Gegnern vor allem die nicht den neuesten Anforderungen entsprechende Reaktorschutzhülle, das sogenannte Containment. Tschechiens Regierungschef Nečas versicherte am Freitag in Berlin, beim Ausbau des Atomkraftwerkes würden modernste Standards berücksichtigt, zudem sei Tschechien ein "klimatisch und seismisch äußerst stabiles Gebiet".

Um für den Ausbau des AKW Temelín zu werben, hat Nečas nach eigenen Angaben Bundeskanzlerin Merkel bereits im November eine öffentliches Diskussionsforum in Deutschland angeboten. Die Umweltministerien beider Länder würden jetzt die Details dazu vorbereiten, so Tschechiens Premier am Freitag in Berlin.

Zum deutschen Atomausstieg meinte der konservative tschechische Regierungschef, sein Land respektiere diese Entscheidung und sei überzeugt, dass Deutschland trotz der hohen Kosten und erheblicher Risiken die Energiewende schaffe. Gleichzeitig forderte Nečas Respekt für die Entscheidung seines Landes an der Kernenergie festzuhalten. Ein ausgewogener Energiemix sei wichtig für die Versorgungssicherheit in Europa, deshalb dürfe auf dem europäischen Energiemarkt kein bestimmter Energieträger bevorzugt behandelt werden, fordert Tschechiens Premierminister.

Deutscher Ökostrom überlastet tschechisches Netz

Petr Nečas mahnt außerdem einen zügigen Ausbau des transeuropäischen Stromnetzes an. Zurzeit laufe ein Großteil der in Norddeutschland erzeugten Windenergie über Tschechien zu den Verbrauchern nach Süddeutschland, weil eine leistungsfähige innerdeutsche Stromautobahn fehle. Dies überlaste das tschechische Stromnetz und führe an einzelnen Tagen zu kritischen Situationen, erläuterte der tschechische Premier.

Gleichzeitig lobte Nečas den "intensiven deutsch-tschechischen Dialog in Energiefragen": Man suche sowohl mit der Bundesregierung als auch mit den Landesregierungen Sachsens und Bayerns intensiv nach Lösungen. Auch über eine bessere Verknüpfung des tschechischen und des deutschen Netzes an Ölfernleitungen wolle die tschechische Regierung mit Deutschland verhandeln, bekräftigte Regierungschef Nečas.

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