Unter den Fußsohlen der Energieriesen: Die Regierung hat alle Schalter so umgelegt, dass die großen vier Konzerne profitieren und der Mittelstand weniger Chancen hat
Kernkraftwerk Grohnde an der Weser.
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Frankfurt a.M. –
Henrik Bumiller hat schon mit dem Schlimmsten gerechnet, aber die schwarz-gelbe Energiepolitik hat ihn doch noch kalt erwischt: "Das es so hart kommt, hat mich überrascht. " Bumiller ist Chef eines mittelständischen Solarunternehmens. Bumiller Neue Energien projektiert vor allem in Berlin und Umgebung Photovoltaikanlagen, der Chef ist oft selbst noch auf Dächern unterwegs.
Er fürchtet nun, dass es angesichts der geringen Rolle, die die Bundesregierung laut dem neuen Energiekonzept dem Solarstrom zubilligt, Auswirkungen aufs Geschäft. "Das wird früher oder später durchschlagen, die Vergütung wird noch weiter gesenkt", sagt er. "Es geht nur darum, den Atomkonzernen ihre Profite zu sichern."
Bumillers Firma wäre für Rot-Grün und auch den SPD-Umweltminister Sigmar Gabriel in der großen Koalition ein Aushängeschild gewesen. Eine Politik, die Spuren hinterlassen hat: Für Windparks sind in Deutschland in der Regel mittelständische Firmen die Investoren, bei Solaranlagen sogar oft die Bürger selbst. Die großen Stromkonzerne blieben außen vor und mussten zusehen, wie ihnen Jahr für Jahr mehr als ein Prozent des Strommarktes abhanden kam – allein durch die Erneuerbaren. Doch nach knapp zehn Jahren wird in Deutschland der Aufbruch in eine bürgernähere Energieversorgung von der Regierung beendet. Fast alle Hebel sind von der schwarz-gelben Koalition in ihre Richtung umgelegt worden.
Am prägnantesten ist die Laufzeitverlängerung von acht bis 14 Jahren für die deutschen Kernmeiler. Nach einer Berechnung des Arrhenius Instituts für Energie- und Klimapolitik für diese Zeitung belaufen sich die Zusatzeinnahmen durch die Meiler auf rund 85 Milliarden Euro. Doch ob das eintrifft und wie viel davon abgeschöpft wird, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Das hängt vom Strompreisniveau der Zukunft ab: Ist es hoch, steigen die Einnahmen für die Kernmeiler und die Abschöpfungsquote sinkt. Fakt bleibt aber: Mit mehreren dutzend Milliarden Euro Zusatzeinnahmen dürfen Eon, RWE, Vattenfall und EnBW in den kommenden Jahrzehnten rechnen.
Deutsche AKW und Atommülllager
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Deutsche AKW und Atommülllager
Wird als Endlager geprüft: Gorleben - Der niedersächsische Salzstock wird derzeit für den Zweck der Endlagerung von wärmeentwickelnden radioaktiven Abfällen, also abgebrannte Brennelemente aus Kernkraftwerken und Rückständen aus der Wiederaufarbeitung, untersucht. Frühestens 2035 soll der Betrieb aufgenommen werden.
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Stillgelegt: Morsleben, in Sachsen-Anhalt liegend, war von 1981 bis 1998 als "Endlager" für schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Betrieb. Im Zuge der derzeitigen Stilllegung werden rund vier Millionen Kubikmeter Salzbeton über Rohrleitungen in das Lager gepumpt.
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Schacht Konrad - Das ehemalige Erzlager soll 2019 den Betrieb als Endlager für Atommüll aufnehmen. Geplant ist, 90 Prozent des gesamten Volumens der radioaktiven Abfälle in Deutschland zu lagern.
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Endlagerfrage: Wohin mit dem ganzen Atommüll? - Wenn sich die Bundesregierung auf ein oder mehrere Atom-Endlager einigen kann, besteht immer noch das Transportproblem für den strahlenden Müll. Anders als derzeit üblich per Castortransport ist diese logistische Leistung wohl nicht denkbar.
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Stilllegung von Isar I für 2011 geplant: Zehn Kilometer von Landshut und siebzig von München entfernt liegt das Kraftwerk Isar I und II. Während Isar II störungsfrei blieb, ist Isar I ein Sorgenkind: 1981 wurde der Meiler ein Jahr wegen Austauschs mangelhafter Rohrleitungen stillgelegt; 1988 beschädigten Knallgasexplosionen wichtige Ventile; 1991 erfolgt die Schnellabschaltung nach dem Ausfall von vier Umwälzpumpen.
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Erhöhtes Krebsrisiko: Die Atomkraftwerke Gundremmingen B und C sollen 2016 bzw. 2017 vom Netz genommen werden. Ernsthafte Störfälle sind bislang nicht bekannt geworden. In einem Umkreis von 15 Kilometern um das Kraftwerk lässt sich allerdings ein erhöhtes Aufkommen von Krebserkrankungen bei Kindern feststellen.
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Stuttgarter Stromlieferant: Im Jahr 1988 erbaut, soll Neckarwestheim II bis 2021 Strom produzieren. 2004 kam es zu einem Störfall, als eine geringe Menge Radioaktivität in den Neckar gelangte. Heilbronn liegt zehn, Stuttgart 25 Kilometer vom AKW entfernt.
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Auslaufmodell: Neckarwestheim I - Rechnerisch sollte der Meiler 2009 vom Netz gehen. Mit dem Mittel der Reststromübertragung läuft Neckarwestheim I noch bis zum Herbst 2010. Dann muss die Bundesregierung eine Entscheidung über die Stilllegung fällen.
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Das AKW Philippsburg liefert voraussichtlich bis 2012 (Philippsburg I) bzw. 2014 (Philippsburg II) Strom. Seit 1979/1981 sind die Reaktoren I und II in Betrieb. 1981 kam es in Philippsburg I zu einem mehr als einjährigen Stillstand wegen des Austauschs mangelhafter Rohrleitungen. 2002 und 2004 wurde radioaktiv verseuchtes Wasser freigesetzt.
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Eines von fünf bayrischen Atomkraftwerken: Grafenrheinfeld ist bislang störungsfrei geblieben. Die rechnerische Laufzeit endet im Jahr 2014.
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Laufzeit bis 2013: Biblis B - Auch der zweite hessische Meiler, seit 1976 in Betrieb, sollte 2010 vom Netz gehen. Die Reststromübertragung macht eine Laufzeit bis 2013 wahrscheinlich. 1995 trat radioaktiver Wasserdampf durch einen Riss aus; 1997 fielen zwei der vier Nebenkühlwasserpumpen aus.
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Streitfall Biblis A: Der hessische Meiler, der seit 1974 in Betrieb ist, sollte 2010 stillgelegt werden. Doch die Landesregierung und der Betreiber RWE planen eine Verlängerung der Laufzeit, indem zunächst Betriebsstunden von anderen AKW auf das Kraftwerk übertragen werden sollen.
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Laufzeit bis 2019: AKW Grohnde - Nur ein Jahr nach seiner Inbetriebnahme stellte sich 1985 bei einer Revision heraus, dass das Notkühlsystem des AKWs Grohnde nicht einsatzfähig war, weil eine der vier Pumpen Gas statt Wasser enthielt.
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Noch zehn Jahre am Netz: AKW Emsland - Ende der achtziger Jahre erbaut, hat das AKW Emsland noch eine Laufzeit bis 2020. Bislang sind keine ernsthaften Störfälle bekannt geworden.
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Kandidat für die Stilllegung: Das niedersächsische Atomkraftwerk Unterweser, Baujahr 1978, wird wohl Jahr 2012 vom Netz gehen. Ein schwerer Störfall ereignete sich 1998, als der Reaktor nach einer Reparatur mit gesperrten Sicherheitsventilen an einer Hauptdampfleitung in Betrieb ging.
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Diskussion über Leukämieerkrankungen: Das AKW Krümmel, fünfzig Kilometer von Hamburg entfernt, hat eine lange Historie schwerer Störungen. 1987 werden nach Knallgasexplosionen Beschädigungen an wichtigen Sicherheitsventilen festgestellt. 1989 beginnt die Diskussion um Häufung von Leukämieerkrankungen in der Umgebung des Kraftwerks. 1993 wird Krümmel für mehr als ein Jahr abgeschaltet, nachdem Risse in sicherheitsrelevanten Anlageteilen entdeckt wurden. 2007 brennt eine Trafostation. Die Laufzeit endet 2017.
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Musterschüler: Trotz Massendemonstrationen in den siebziger und achtziger Jahren kann das AKW Brokdorf heute als Vorbild für deutsche Atommeilern gelten. Schwerere Störfälle wurden nicht bekannt. Seit 1986 in Betrieb, darf der Meiler noch bis 2019 am Netz bleiben.
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Steht am häufigsten still: Brunsbüttel - Das Kraftwerk hat wegen Störfällen die längsten Stillstandzeiten von allen Kraftwerken in Deutschland. 1978 entwich radioaktiver Dampf in die Atmosphäre. 2001 zerstörte eine Knallgas-Explosion ein Rohr in der Nähe des Reaktordruckbehälters. Ein Sicherheitsventil verhindert einen schweren Zwischenfall.
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Atomkraft trägt rund ein Viertel zum Energiebedarf in Deutschland bei. Doch der radioaktive Abfall muss irgendwo untergebracht werden. FR-online zeigt die Meiler und Endlager in Deutschland, welche Störfälle es gab und wo endgelagert werden soll. Hier ein Castorbehälter, mit einer Wärmekamera fotografiert.
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Wie Endlagerung scheitern kann: Asse II - Die Schachtanlage bei Wolfenbüttel ist als Atommüll-Endlager völlig ungeeignet: Grundwasser läuft ein, radioaktive Behälter schlagen leck, eine Evakuierung ist erforderlich. Die Behörden versuchen derzeit, eine Kontamination des Lebensraumes um Asse II zu verhindern.
Fotostrecken Wirtschaft
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Doch es geht nicht nur um Geld. Die deutschen Atommeiler lassen sich zwar recht flexibel bis auf gut die Hälfte ihrer Leistung drosseln. Doch darunter geht nichts mehr. Öko-Strom-Quellen wie die Solaranlagen, die Henrik Bumiller auf Dächern installiert, liefern aber nicht auf Bestellung Strom, sondern dann, wenn die äußeren Bedingungen günstig sind. Der Konflikt mit den Kernkraftwerken ist so programmiert.
Im Energiekonzept wird deshalb schon vorsichtig an der Demontage des Vorrangs der Erneuerbaren gearbeitet – damit würde allerdings die wichtigste Investitionsgrundlage für die Betreiber zerstört. So heißt es, das Erneuerbare-Energien-Gesetz, dass die Abnahme des Öko-Stroms regelt, solle "stärker am Markt orientiert werden". Und: Es werde geprüft, inwieweit Änderungen am bisherigen System notwendig seien.
Aber sogar weitere Ausbau der Erneuerbaren soll sich an der Großindustrie orientieren. Windkraft an Land und Photovoltaik spielen in den Energieszenarien der Regierung keine nennenswerte Rolle. Vor allem ab 2030 werden ihnen kaum Potenziale zugerechnet – und damit vor allem die Förderung der Photovoltaik auch langfristig zu einem deutschen Irrweg erklärt.
Zusätzliches Geld für Offshore-Windkraft
Stattdessen soll der Windkraft auf hoher See unter die Arme gegriffen werden. Die ist jetzt schon mit rund 15 Cent pro Kilowattstunde Strom, die bezahlt werden müssen, sehr teuer. Doch es soll noch zusätzlich Geld fließen: Fünf Milliarden Euro an günstigen Krediten für die ersten zehn Projekte sollen bereitgestellt werden. Bei RWE etwa sind Hochsee-Windräder mit vier Gigawatt Leistung vor den deutschen Küsten in Planung, die erste Windfarm soll schon 2013 fertig sein. Auch EnBW hat ein großes Projekt in Planung. Kein Wunder: Bei den Milliardenprojekten können die Konzerne ihre Erfahrung mit Großanlagen und ihre überlegene, durch die Laufzeitverlängerung gestärkte Finanzmacht voll ausspielen.
Drittes Beispiel für die Förderpolitik für Großkonzerne durch die Regierung: Die Abscheidung und anschließende Verpressung unter die Erde von Kohlendioxid. Die Regierung unterstützt das Vorhaben und will große Speicher erkunden. Durch die "CCS" genannte Technik böten sich sogar "zukunftsträchtige Exportchancen". Tatsache ist aber: Vor allem den vier großen profitieren von der Technik, denn die extrem klimaschädlichen Braunkohlekraftwerke sind fast ausschließlich in der Hand von RWE, Vattenfall und Eon.
Und schließlich setzt die Bundesregierung massiv auf (Öko-)Stromimporte aus dem Ausland – eine Strategie, die aus dem Lehrbuch der großen Energiekonzerne abgeschrieben sein könnte, die europaweite Effizienzkriterien einfordern. Und tatsächlich beteiligen sich die vier Konzerne besonders häufig dort an Öko-Strom-Projekten in Europa, wo hohe Erträge zu erwarten sind. Eon und RWE sind zum Beispiel massiv in die Windkrafterzeugung vor Großbritannien eingestiegen und in Spanien in die Sonnenstromerzeugung.
Nutzen die großen vier die Steilvorlage der Regierung? Bei RWE wird hoch und heilig versprochen, nicht noch einmal die Fehler der Vergangenheit zu machen. "Wir haben lange das Potenzial der Erneuerbaren verkannt", sagt ein Sprecher. "RWE ist spät gestartet und geht jetzt mit großen Schritten voran." Die Wahrscheinlichkeit, dass der neue deutsche Energiemittelstand unter die Füße des selbsternannten guten "Energieriesen" kommt, ist allerdings beträchtlich.