Für den einen ist es Deutschlands größtes Stück verspargelte Landschaft – für den neuen „Baedecker“ ist es von nun an ein empfehlenswertes Reiseziel: Deutschlands größter Windpark auf der Nauener Platte im Brandenburgischen Havelland.
Ausgerechnet Deutschlands wohl renommiertester Reiseführer, dessen Kernzielgruppe eher gutbürgerliche Ü-50-Reisende als hippe Alternativtouristen, liegt seit kurzem als grüne Sonderausgabe in den Buchhandlungen: „Deutschland – erneuerbare Energien entdecken“, heißt der Band, der äußerlich im traditionellen Blau-Rot daherkommt.
Innen aber wird Deutschland von seiner ganz neuen Seite gezeigt: Die Offshore-Windparks an der Küste, die regenerativ versorgte Wanderhütte im Karwendelgebirge, das Rundum-Ökoviertel von Freiburg. Mehr als 160 „Energieziele“, so der Verlag, hat der freie Umwelt- und Energiejournalist Martin Frey zusammengetragen – aus einer Auswahl von 500 Orten, an denen Deutschland sich aus erneuerbaren Energien versorgt. „An jeder Station kann man entspannen und gleichzeitig viel über die Zukunft der Energieversorgung lernen“, sagt er. „Mit den Reisetipps möchte ich die Menschen für Wind- und Solarenergie begeistern – sie sind nicht nur was für Technikfans sondern haben auch viele Kultur- und Freizeiterlebnisse zu bieten.“
Sieben Tourenvorschläge im Baedeker führen auf den Spuren von Sonne, Wind, Biomasse, Wasserkraft und Geothermie quer durch Deutschland. Angereichert ist der Führer nicht nur mit einer ethisch-ökologischen Kurzeinführung aus der Feder des CDU-Umweltgurus Klaus Töpfer – sondern auch mit Fakten, Infografiken und Promi-Testimonials über die Vorzüge von Wind-, Wasser- und Solarkraft.
Dass das ziemlich nach Werbung für eine aufstrebende und reichlich subventionierte Wirtschaftsbranche klingt, ist kein Zufall: Der Reiseführer ist in Kooperation mit der Agentur für erneuerbare Energien entstanden – der Lobbygruppe der Ökostrom-Branche. „Es war eine Gratwanderung für uns“, sagt Andreas Kilch, „Verkaufsleiter der Sonderpublikation“, wie er sich konsequenterweise nennt. Einerseits wolle man den großen Namen Baedeker nicht für schnöde Werbung hergeben. „Aber das Thema schien uns doch so wichtig und von so breitem Interesse, dass wir in diesem Fall diese Kooperation eingegangen sind.“ Er verspricht, dass der Öko-Führer „völlig neutral und gar nicht werblich“ geschrieben sei. Die ganze Kompetenz der Baedeker-Reiseautoren sei in die Beschreibungen der Landschaft und der Erholungsmöglichkeiten geflossen. Der Verkauf im Buchhandel sei auch „außerordentlich gut angelaufen“, sagt Kilch.
So ganz scheint der Baedecker-Verlag dem Projekt aber doch nicht getraut zu haben: Von der Erstauflage von 14 000 Exemplaren sind 10 000 an die Unternehmen der Erneuerbaren-Branche gegangen, die sie sich dadurch an der Finanzierung beteiligt haben – und die das Büchlein nun als Werbemittel einsetzen.
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