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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

04. März 2014

RWE und Co.: Die Energiewende verschlafen

 Von 
RWE-Braunkohlekraftwerk Neurath II.  Foto: dpa

Der Boom beim Ökostrom macht RWE und Co. zu schaffen. Selbst schuld: Die Konzerne haben wertvolle Zeit verstreichen lassen und steuern bis heute nur halbherzig um.

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Ins Armenhaus wird das die vier Herren nicht bringen. Aber als der Vorstand des Stromkonzerns RWE vorige Woche mitteilte, er verzichte in diesem Jahr auf eine halbe Million Euro Gehalt, war das das Signal: Es wird hart, es geht ans Eingemachte. Der Konzern befindet sich tatsächlich in einer „überaus schwierigen Lage“, wie RWE-Boss Peter Terium sagte. Nun verkündete der Top-Manager auf der Bilanzpressekonferenz den historischen Einschnitt: Erstmals seit 60 Jahren macht die Nummer zwei im deutschen Energiemarkt einen Nettoverlust: Satte 2,8 Milliarden Euro fehlen bei dem Essener Unternehmen für 2013 in der Bilanz. Und auch für 2014 rechnet es mit weiteren Einbußen.

Die Zahlen erzeugen Endzeitstimmung. Der RWE-Aktienkurs ist in den letzten sechs Jahren von rund 100 Euro auf ein Viertel gefallen, die Nettoverschuldung stieg von 19 auf 31 Milliarden Euro. Die einst wie geschmiert laufende Profitmaschine, die die Aktionäre – darunter eine Reihe NRW-Großstädte – jahrzehntelang verlässlich mit üppigen Renditen versorgte, stottert gewaltig. Diesmal wird die Ausschüttung gegenüber dem Vorjahr halbiert. Und RWE reagiert auch mit harten Einschnitten beim Personal. Bis Ende 2016 will der Konzern jede zehnte Stelle streichen; insgesamt geht es um rund 6700 Jobs, davon 4700 in Deutschland.

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Die RWE-Krise erscheint wegen der historischen Verlustanzeige, die vor allem durch hohe Wertberichtigungen auf konventionelle Kraftwerke zustande kommt, besonders dramatisch. Aber der Konzern steht nicht alleine so miserabel da. Die Energiewende bedroht das bisherige Geschäftsmodell auch der anderen drei Konzerne aus den „Großen Vier“ im Strommarkt, Eon, EnBW und Vattenfall.

Ökostrom-Boom macht der Branche zu schaffen

Zu schaffen macht der Branche vor allem der Boom bei Ökostrom. Die grünen Energien liefern inzwischen fast ein Viertel der in Deutschland verbrauchten Elektrizität, und sie verdrängen immer öfter konventionelle Kraftwerke aus dem Netz. Viele der Kohle- und Gas-Kraftwerke sind unrentabel, weil sie zu selten laufen und der Großhandels-Strompreis im Keller ist. Sie werden nicht mehr gebraucht. Und Besserung ist nicht in Sicht. In gut zehn Jahren soll der Ökostrom-Anteil nach den Plänen der großen Koalition bis zu 45 Prozent erreichen, 2035 sogar bis zu 60.

Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte. RWE & Co. wollten das nicht wissen. Sie haben in den letzten 15 Jahren schwere strategische Fehler gemacht. Sie ließen sich von der Energiewende überrollen, statt sie konstruktiv mitzugestalten. Das Jahr 2000 hätte für sie der Wendepunkt sein müssen. Damals einigen sich die Konzerne mit der rot-grünen Bundesregierung auf den Atomausstieg, und das Erneuerbare-Energien-Gesetz wurde beschlossen.

Spätestens da war klar: Der deutsche Energiemarkt wird völlig umgebaut. Das Oligopol der vier Konzerne aber glaubte, einfach weitermachen zu können wie bisher. Es verspielte wichtige Jahre. Es setzte weit mehr Energie ein, den Atomausstieg politisch zu kippen und die Energiewende zu bremsen, als ein modernes Stromsystem zu gestalten. Gerade Teriums Vorgänger Jürgen Großmann tat sich hier hervor. Es fielen noch Investitionsentscheidungen für große, inflexible Kohlemeiler, als längst klar war, dass Kapazitäten in diesem Ausmaß in einem Strommarkt mit hohen Anteilen fluktuierender Ökoenergien keinen Sinn mehr machen. Das rächt sich nun.

Der brachiale Sparkurs, den alle vier Konzerne in der Not ausriefen, reicht alleine nicht aus. Das wissen Terium & Co. Die Unternehmen versuchen, neue Geschäftsfelder zu erschließen, etwa mit dezentraler Energieversorgung, die auch Wärme liefert, mit Solarspeicher-Lösungen, Contracting-Angeboten zur effizienten Stromversorgung und Smart-Home-Konzepten. So wie das bisher betrieben wird, reicht der Schwenk nicht aus, um die Verluste aus dem Kraftwerksgeschäft wettzumachen. Tatsächlich wäre der konsequente Umbau zu „Energieeffizienz-Konzernen“ die einzige richtige Strategie.

Terium freilich macht Druck auf die Politik, die ihm aus der Patsche helfen soll: Stichwort „Kapazitätsmarkt“. Das bedeutet, er will Geld dafür, dass der Konzern unrentable Kraftwerke weiter als Reserve gegen Blackouts betriebsbereit hält – entweder vom Steuerzahler oder von den Stromkunden. Das Erpressungspotenzial ist groß. Trotzdem darf die Politik solche, möglicherweise milliardenschweren Hilfen nicht einfach durchwinken. Ohne Bedingungen, etwa an den Umbau der Konzerne, kann es sie schon gar nicht geben.

Auch Teriums Kollege Frank Mastiaux, der Chef von EnBW, hofft in der Krise auf Hilfen für unrentable Kraftwerke. Doch er hat immerhin begriffen, welch fundamentaler Wechsel der Branche bevorsteht. Es gehe um den Umbau der Stromerzeugung „von einer zentralen zu einer dezentralen, fast schon demokratischen Struktur mit hoher Bürgerbeteiligung“. Die Konzerne müssten sich „im Rollenverständnis neu erfinden“, sagte er – „oder wir werden verschwinden“.

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