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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

08. Februar 2016

Solarenergie und Windkraft : Erneuerbare boomen - außer in Europa

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Ein weites Feld: Blick auf das vergangene Woche eröffnete Solarkraftwerk Noor im Süden von Marokko, nahe der Stadt Ouarzazate.  Foto: afp

Öl und Gas sind billiger geworden, doch die Erneuerbaren Energien hält das nicht auf - Dank China sind die Investitionen in Wind-und Solaranlagen auf einem neuen Rekordhoch. Nur Europa hinkt hinterher.

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Das soll Strahlkraft haben: Am Rande der Sahara in Marokko produziert jetzt ein gigantisches Solarkraftwerk Strom für 350 000 Menschen. Drei weitere Anlagen sollen beim Projekt Noor in den nächsten Jahren hinzukommen. Der Wüstenstrom ist ein Beispiel für den globalen Siegeszug der Erneuerbaren. Sinkende Kosten werden nach Ansicht von Experten den globalen Boom weiter antreiben.

Die Investitionen in erneuerbare Energien haben im vergangenen Jahr einen neuen Rekord erreicht. Laut einer Studie des Finanzdienstes Bloomberg wurden weltweit 329 Milliarden Dollar (295 Milliarden Euro) in Solar-, Wind- und Biomasseprojekte gesteckt – das war mehr als in alle neuen konventionellen Kraftwerke zusammen. Aus Sicht des Bloomberg-Energieexperten Michael Liebreich ist dabei bemerkenswert, dass der Rekord trotz widriger Umstände erreicht wurde – der wichtigste ist der Preisverfall bei den fossilen Energieträgern Kohle, Gas und Öl, der die konventionelle Stromerzeugung eigentlich hätte befeuern müssen.

KfW fördert Noor

Deutschland ist nach Angaben der staatlichen Bankengruppe maßgeblich an der Finanzierung des riesigen Solarparks Noor beteiligt, dessen erster Teil jetzt in Marokko eröffnet wurde. Zu den geplanten Gesamtkosten von etwa 2,2 Milliarden Euro trage die KfW als Kreditgeber 864 Millionen Euro bei.

Die Unterstützung erfolgt im Auftrag des Entwicklungsministeriums und des Bundesumweltministeriums innerhalb der Internationalen Klimaschutzinitiative (IKI).

Stattdessen setzt allen voran China immer stärker auf saubere Energieerzeugung, gut ein Drittel der weltweiten Investitionen wurde in der Volksrepublik getätigt – während in Europa, dem früheren Kraftzentrum der Erneuerbaren, die Aufwendungen um 18 Prozent zurückgingen. Doch das Minus auf dem alten Kontinent wird durch Schwellenländer mehr als kompensiert. In Staaten wie Chile, Mexiko, Südafrika und eben auch in Marokko wurden die Investitionen teilweise vervielfacht. Dahinter steckt ein einfacher Mechanismus: Vor allem in der Photovoltaik vollzieht sich ein rasanter technologischer Fortschritt, der die Solaranlagen immer billiger und damit auch erschwinglicher für ärmere Länder macht.

Windräder sind schnell aufgestellt

Aus Sicht von Liebreich liegt ein weiterer Faktor für den Ökostrom-Boom in den Bauzeiten der Anlagen. Um ein Kohlekraft- oder gar ein Atomkraftwerk zu planen und zu bauen, vergehen in der Regel einige Jahre, manchmal Jahrzehnte. Neue Windräder sind hingegen schnell aufgestellt und Solaranlagen flugs installiert. Das ist gerade in schnell wachsenden Ökonomien enorm wichtig, da dort die Nachfrage nach Strom oft in großen Sprüngen wächst.

Dass sich rund um den Ökostrom lukrative Geschäftsmodelle entwickeln, ist auch bei Finanzinvestoren und bei Risikokapitalgebern angekommen. Die haben nach den Daten von Bloomberg 2015 rund 6,1 Milliarden Dollar in die neuen Energien gepumpt, das war gut ein Viertel mehr als im Vorjahr. Für Liebreich ist es jedenfalls sehr schwer vorstellbar, dass sich der Trend zu Erneuerbaren noch einmal umdrehen könnte – insbesondere im Licht der Klimaschutzvereinbarung von Paris, die die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen will.

Auch für den Berliner Thinktank Agora Energiewende ist die Richtung der Energiewirtschaft gen CO2-neutrale Stromerzeugung klar. Die Kosten sind dabei das stärkste Argument. Hierzulande können Solarparks bereits für deutlich weniger als neun Cent pro Kilowattstunde liefern – dies lässt sich aus den jüngsten Ausschreibungen für die sogenannten Freiflächenanlagen schließen. Eine Studie des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme im Auftrag von Agora kommt zu dem Schluss, dass sich in den nächsten zehn Jahren die Erzeugungskosten für Photovoltaik-Strom in Mittel- und Südeuropa in jedem Fall weiter verringern werden – auf vier bis sechs Cent. Noch deutlich weniger wird in der Branche für Länder erwartet, die wie Marokko näher am Äquator liegen. Solarenergie werde viel schneller billig, als die meisten Experten erwartet hätten, sagt Patrick Graichen, Direktor der Agora Energiewende.

Und auch die Windkraft wird immer günstiger. In Deutschland sind es bei Standorten an Land sechs bis neun Cent pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: Strom aus neuen Kohle- und Gaskraftwerken kostet bis zu zehn Cent. Mit elf Cent und mehr muss für die elektrische Energie aus einem neuen Atomkraftwerk gerechnet werden. Graichens Schlussfolgerung: Planungen für Stromerzeugungssysteme müssten weltweit überarbeitet werden.

Das dürfte derzeit auch in Nordafrika geschehen. Wobei das marokkanische Wüstenstrom-Projekt Vorbild für Ägypten oder Tunesien sein soll. Für beide Länder habe man bereits Machbarkeitsstudien für große Solarkraftwerke erstellt, sagte Wolfgang Reuß von der staatlichen Bankengruppe KfW dem Evangelischen Pressedienst – die KfW gehört mit günstigen Krediten zu den Finanziers des Noor-Vorhabens, das nach Fertigstellung einmal 1,3 Millionen Menschen versorgen soll. Allerdings fragt es sich zunehmend, welches Verfahren das Richtige ist – hier kommt wiederum der technische Fortschritt nebst Kostensenkung zum Tragen. Noor arbeitet solarthermisch: Parabolspiegel erhitzen Rohre, in denen heißes Öl fließt, das Wasserdampf erzeugt, der wiederum Turbinen antreibt. Laut dem Fachblatt PV Magazine kostet ein Watt Leistung bei Noor etwa sechs Dollar an Investitionen. Solarparks mit Photovoltaik lassen sich inzwischen schon für zwei Dollar pro Watt errichten.

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