Strom aus der Wüste kann laut einer Studie rund um den Erdball einen entscheidenden Beitrag zu einer umweltfreundlichen Energieversorgung leisten. Die Initiative Desertec, die sich bislang auf Europa und Nordafrika konzentriert hat, plant deshalb eine globale Kampagne zum Bau von solarthermischen Anlagen. Ein Fünftel des weltweit benötigten Stroms könnte bis 2050 aus großen Sonnenkraftwerken stammen. Dies geht aus der Studie World Energy (R)Evolution von Greenpeace hervor, die am Montag veröffentlicht wird und der FR bereits in Auszügen vorliegt.
Der Aufsichtsratschef der Desertec-Stiftung, Max Schön, sagte der Frankfurter Rundschau, die Greenpeace-Studie sei eine "wichtige Grundlage für die bevorstehende Anwendung des Desertec-Konzepts in der ganzen Welt". Sie zeige die Machbarkeit und die enormen Potenziale die die Idee berge, Solarstrom aus der Wüste in große Verbrauchszentren zu transportieren. In Europa und Nordafrika hat bereits ein Industriekonsortium, die Desertec Industrial Initiative, die Arbeit aufgenommen, um einen Umsetzungsplan zu erarbeiten.
"Dieses Erfolgsmuster würden wir gerne auch außerhalb Europas auf der ganzen Welt vorantreiben", sagte Schön. Desertec arbeite deshalb daran, sein Netzwerk an Kontaktpersonen und Institutionen auf die globale Ebene zu erweitern. "Wir sondieren momentan, wo es besonders großes Interesse gibt." Ob im Ausland Töchter der in Berlin ansässigen Desertec-Stiftung gegründet würden, sei noch nicht entschieden.
Besonders gefordert sieht sich Desertec in Regionen, wo mehrere Länder kooperieren müssen, um Erfolge zu erzielen. "Die USA und China zum Beispiel sind groß genug, das Desertec-Konzept innerhalb ihrer eigenen Grenzen anzugehen", sagte Schön. Anders sei dies innerhalb Afrikas oder in Südamerika. So könne zum Beispiel Chile gemeinsam mit Nachbarstaaten große Teile des Kontinents mit Strom versorgen.
Deutsche Industrie profitiert
Greenpeace erwartet, dass die Aktivität der Desertec-Initiative Solarthermie-Kraftwerken beim globalen Durchbruch helfen wird: "Die Initiative kann das Thema überall auf die politische Agenda bringen, sie hat eine gewaltige Ausstrahlungskraft. In China, Indien, Australien und auch im südlichen Afrika interessiert man sich schon jetzt für die Wüstenstrom-Idee", sagte Greenpeace-Experte Andree Böhling. "Deutschlands etablierte Solarwärme-Industrie würde stark überproportional von einem solchen globalen Siegeszug profitieren."
Wichtig sei im Mittelmeerraum wie auch bei der globalen Ausweitung insbesondere, die Akzeptanz von Wüstenstromprojekten vor Ort zu fördern. "Die Desertec-Initiative will weltweit darauf hinarbeiten, dass die lokale Bevölkerung durch mehr Jobs, bessere Stromversorgung und ausreichende Wasserversorgung profitiert," sagte Max Schön.
Die Greenpeace-Studie erwartet, dass solarthermische Kraftwerke 2050 der wichtigste kontinuierliche Stromproduzent sein werden. Im "Advanced Scenario", das von einem entschlossenen Umbau der Energie-Infrastruktur ausgeht, mit dem ein befürchteter drastischer Klimawandel verhindert werden könnte, würde lediglich die fluktuierende Windkraft mehr Strom produzieren. Die Kapazität solarthermischer Kraftwerke könne gut 1600 Gigawatt betragen, dass entspricht etwa 2000 großen Kohlekraftwerken.
Die Autoren der Greenpeace-Studie gehen davon aus, dass solarthermische Kraftwerke langfristig für sechs bis zehn Dollarcent pro Kilowattstunde Strom produzieren können - damit würden sogar die erwarteten Kosten für Elektrizität aus Kohle und Gas unterboten. Allerdings kommt die Solarthermie erst langsam in Schwung: 2020 soll sie 2,7 Prozent des gesamten Strombedarfs decken, 2030 8,8 Prozent. Im Jahr 2050 sollen dann 20,5 Prozent erreicht werden können. Die Kosten steigen langsam an, im Jahr 2030 lägen sie bei knapp 300 Milliarden Euro pro Jahr. Die Branche würde dann 850.000 Jobs bieten.
Der Solarthermie kommt dazu eine Schlüsselrolle im Energiemix zu. Wind und die direkte Umwandlung der Sonnenstrahlen in Strom sollen zwar ebenfalls große Beiträge leisten. Doch wenn etwa bei Nacht Flaute herrscht, können sie keinen Strom liefern. Dies soll in weiten Teilen durch die solarthermischen Kraftwerke ausgeglichen werden. Im aussichtsreichsten Konzept erhitzen Sonnenstrahlen eine Flüssigkeit, die in einem zentralen Kraftwerk Wasser zu Dampf erhitzt; der Dampf treibt eine Turbine an, die an einen Strom-Generator angeschlossen ist. Die am Tag erzeugte Hitze lässt sich gut speichern, deshalb können die Kraftwerke nahezu rund um die Uhr arbeiten.
Solarwärme-Kraftwerke sind allerdings nur in Regionen mit sehr starker Sonneneinstrahlung lohnend. Bislang sind nur kleinere Kraftwerke in Spanien und in den USA entstanden. Laut dem Desertec-Konzept für die Region Europa-Nordafrika-Naher-Osten sollen die Anlagen hauptsächlich in Nordafrika und der arabischen Halbinsel entstehen. Der Strom würde dann zum Teil vor Ort verwendet, teils aber auch mit großen Gleichstromleitungen nach Europa gebracht werden.
Aus der Arbeit der Desertec-Stiftung, die vom Club of Rome ins Leben gerufen wurde, ist die Desertec Industrial Initiative hervorgegangen, an der sich schlagkräftige Großkonzerne beteiligen. Vom Jahr 2012 an sollen erste Investitionsprogramme anlaufen.
Nachrichten zu Strom, Wind-, Wasser- und Solarenergie sowie alternativer Energie-Gewinnung.