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Stromnetz: Röttgen warnt vor Kollaps

Immer mehr Häuslebauer speisen Strom ins Netz - doch für die Verwaltung der wechselnden Strommengen bräuchte es neue "Stromautobahnen". Bundesumweltminister Norbert Röttgen fürchtet, dass die vorhandenen Netze schon an ihre Grenzen stoßen.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen sorgt sich um das deutsche Stromnetz.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen sorgt sich angesichts der schwankenden Ökostrom-Einspeisung um die Stabilität der Stromleitungen. «Wir sind in einigen Regionen in Grenzbereichen der Netzstabilität», sagte der CDU-Politiker. «Erneuerbare brauchen Netze», sagte Röttgen. Die Netze seien aber bisher nicht ausreichend konstruiert für die wechselhafte Ökostrom-Einspeisung, die in letzten Jahren massiv zugenommen hat.

Um den Windstrom von der Küste in den Süden zu bekommen und um den überall in Deutschland produzierten Sonnenstrom einzuspeisen, sind neue Stromautobahnen, aber auch intelligente Netze nötig. Sie müssen flexibler als heute auf die schwankende Einspeisung und den sich täglich verändernden Stromverbrauch reagieren.

        

Die Stromnetzte  sind vom  Solarboom überfordert.
Die Stromnetzte sind vom Solarboom überfordert.
Foto: dpa

Kanzlerin Angela Merkel betont, die Widerstände vielerorts gegen neue Hochspannungsleitungen gefährdeten den geplanten massiven Ausbau der Öko-Energien. Viele lokale Bürgerinitiativen stellen sich derzeit quer beim Netzausbau. Sie befürchten ein erhöhtes Alzheimer- und Krebsrisiko durch die Magnetfelder bei Hochspannungsleitungen und Schäden für die Natur.

Überlastung durch Sonnenstrom

Neben deutlichen Strompreis-Steigerungen könnte die boomende Solarenergie Überlastungen in den deutschen Stromnetzen verursachen. Der Chef der Deutschen Energie-Agentur (Dena), Stephan Kohler, sagte der Frankfurter Rundschau: „Wir bekommen durch die Photovoltaik ein Riesenproblem in den Netzen, das bisher kaum beachtet wurde: Sie stehen vor der Überlastung durch Sonnenstrom.

Der Ausbau muss deshalb schnell drastisch eingeschränkt werden.“ Dieses Jahr werden Solaranlagen mit 9,5 Gigawatt Leistung installiert, kommendes Jahr soll es ebenso viel werden. Dies erwarten die Netzbetreiber, die gestern offiziell bekanntgaben, dass die Umlage für Ökostrom 2011 von derzeit zwei auf 3,53 Cent pro Kilowattstunde steigt.

Marktforscher erwarten ebenfalls einen Neubau neuer Solaranlagen von je knapp zehn Gigawatt in diesem und kommenden Jahr. 2009 waren es noch knapp vier Gigawatt.Damit wären Ende 2011 Photovoltaik-Anlagen mit insgesamt knapp 30 Gigawatt Leistung am Netz, die laut Kohler an sonnigen Sommertagen zur Mittagszeit rund 25 Gigawatt Strom erzeugen können. Das entspricht 30 großen Kohlemeilern.

Der Bedarf liegt aber laut Kohler an Wochenenden nur bei gut 30 Gigawatt. „Bei Erreichen der zeitweise fast vollständigen Abdeckung der Last durch Sonnen-Strom ist ein weiterer Ausbau der Photovoltaik nicht mehr sinnvoll – weil Netze und Speicher in Deutschland noch nicht ausreichend auf die stark schwankenden Solarstrommengen eingestellt sind“, sagte Kohler. Bei der Geschwindigkeit des derzeitigen Ausbaus wird schon Ende 2013 eine Kapazität von knapp 50 Gigawatt erreicht. „Das wäre katastrophal und nicht mehr beherrschbar für die Netze“, so Kohler.

Deckel für Solarförderung

Er plädiert deshalb dafür, den Ausbau sofort drastisch einzuschränken. „Ich halte einen Deckel für den Photovoltaik-Ausbau von einem Gigawatt pro Jahr für sinnvoll. Dann erreichen wir die gerade noch verträgliche Marke von 30 Gigawatt Solarstrom im Jahr 2020.“ Dies verschaffe ausreichend Zeit, Speicher und Netze so auszubauen, dass sie auf hohe Photovoltaikmengen eingestellt seien. „Auch die Kosten des Photovoltaikausbaus machen mir Sorge“, sagte Kohler.

Der Deutsche Mieterbund sorgt sich indes vor allem um diesen Punkt. „Wir brauchen dringend einen Deckel für die Solarförderung“, forderte Sprecher Ulrich Ropertz. „Die Besitzer von Ein- und Zweifamilien-Häusern bauen sich Solaranlagen aufs Dach, für die sie hohe Renditen kassieren. Den Großteil der Belastungen tragen die Bewohner von Mehrfamilienhäusern, die diese Möglichkeit gar nicht haben“, sagte Ropertz. Der Umbau der deutschen Energieversorgung zu mehr Klimaverträglichkeit sei zwar richtig, so der Sprecher. „Aber er müsste stärker durch Steuern finanziert werden.“ Während derzeit alle Stromverbraucher gleichermaßen zur Kasse geben würden, sei das Steueraufkommen sozial gerechter verteilt. Auch das Wirtschaftsinstitut DIW sprach sich gestern erstmals für eine Deckelung der Förderung aus.

Bund will nichts ändern

Die Bundesregierung plant derzeit nicht, etwas an der mengenmäßig unbegrenzten Photovoltaikförderung zu ändern. Neue Anlagen sollen ab dem Jahreswechsel wie vorgesehen 13 Prozent weniger Vergütung erhalten – was den Ausbau aber aufgrund fallender Kosten der Hersteller nach Erwartung aller Marktbeobachter nicht bremsen wird. Erst Anfang 2012 soll das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) überarbeitet werden. Umweltminister Norbert Röttgen ließ nicht erkennen an einer außerplanmäßigen Senkung interessiert zu sein, sagte aber: „Je stärker ihr Marktanteil wächst, desto mehr muss die Förderung sinken.“ Er betonte die positiven Effekte der Förderung: Die Branche biete 340.000 Arbeitsplätze und mache Deutschland unabhängiger von Brennstoffimporten. Zudem seien die Erneuerbaren Energien von hohem strategischem Wert.

Einschließlich Mehrwertsteuer verursacht die 2011 steigende EEG-Umlage für einen Haushalt mit 3500 Kilowattstunden Verbrauch pro Jahr Mehrkosten in Höhe von gut 60 Euro – falls der Stromlieferant die Kosten weitergibt. Mit der sogenannten EEG-Umlage wird finanziert, dass Anlagenbetreiber ihren Öko-Strom zu hohen, garantierten Tarifen ins Netz einspeisen dürfen.

Autor:  Jakob Schlandt
Datum:  15 | 10 | 2010
Kommentare:  51
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