War das die Renaissance der Anti-AKW-Bewegung?
Durchaus. Es war eine Mobilisierung wie zuletzt in den 80er Jahren, und es haben sogar deutlich mehr Menschen teilgenommen, als die Organisatoren erwarteten. Zuletzt hatten vor allem noch die Castor-Transporte Widerstand hervorgerufen, diesmal ging es wieder um die Atomkraft insgesamt.
Was unterscheidet die heutigen Proteste von denen in früheren Jahrzehnten - in Brokdorf, Gorleben, Wackersdorf?
Zum Beispiel die die Aktionsformen. Es gab viel mehr Lockerheit, weniger Aggressionen als in den 70er, 80er Jahren. Zudem ist der Protest breiter verankert. Die AKW-Gegner erfahren kräftige Unterstützung von etablierten Parteien und Gewerkschaften. Beim Beginn der Anti-AKW-Bewegung in den 70er Jahren war die SPD noch voll auf Atomkurs, und die Grünen gab es noch gar nicht. Bemerkenswert ist auch die sehr professionelle Medienarbeit, mit der die Atomgegner ihre Anliegen öffentlich machen.
Gestartet wurde der aktuelle Protest von den Veteranen der Anti-AKW-Bewegung. Wie verankert ist er bei den Jüngeren?
Erstaunlich stark. Die ganz Jungen waren da - und die Grauköpfe. Weniger vertreten war die mittlere Generation. Bei den ganz Jungen hat sich das das Thema Umwelt und Energie, unter anderem durch die Schulen, inzwischen so stark durchgesetzt, dass sie sich von solch einer Aktion angesprochen fühlen. Die 50-, 60-Jährigen wiederum machten mit, weil sie für ihre alten Ideale einstehen wollten. Diese Generation hatte über Rot-Grün den Ausstieg durchgesetzt und kämpft nun dagegen, dass Schwarz-Gelb das rückgängig macht.
Schwarz-Gelb ist mit der Ansage gewählt worden, die AKW-Laufzeiten zu verlängern. Kann die Regierung den nun aufflammenden Widerstand ignorieren?
Nein. Sobald sie eine deutliche Laufzeitverlängerung beschließt, muss sie mit wirklich heftigem Wiederstand rechnen. Nach den Erfahrungen vom Samstag könnte daraus wieder ein großer gesellschaftlicher Konflikt werden. Man kann der Regierung nur raten, dies in ihren Entscheidungen mit zu bedenken.
Mit einem Festhalten am Ausstieg ließe sich die Anti-AKW-Szene wohl befrieden. Aber wie sieht es bei der Endlagersuche aus?
Der Widerstand in Gorleben ist zäh, wie man in den letzten 30 Jahren gesehen hat. Bundesregierung und Stromkonzerne sind hier in einem Dilemma. Wenn sie in Gorleben, wie jetzt geplant, einfach weitermachen, stacheln sie den Protest dort stark an. Geben sie den Standort auf, würde dies für sie einen großen Gesichtsverlust bedeuten. Sie haben ja immer gesagt: Gorleben ist prinzipiell geeignet. An anderen Standorten schlüge ihnen der Verdacht, unseriös zu arbeiten, ebenso entgegen.
Interview: Joachim Wille