Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König, spricht im FR-Interview über die Situation im Atomlager Asse. "Nach dem heutigen Wissensstand ist die Rückholung der Fässer die beste Lösung."
Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König, spricht im FR-Interview über die Situation im Atomlager Asse. "Nach dem heutigen Wissensstand ist die Rückholung der Fässer die beste Lösung."
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Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König, spricht im FR-Interview über die Situation im Atomlager Asse. "Nach dem heutigen Wissensstand ist die Rückholung der Fässer die beste Lösung."
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Ihr Amt hält die schnelle Bergung der 126000 Atommüllfässer für die sicherste Lösung zur Sanierung der Asse. Sind die anderen Optionen damit vom Tisch?
Nach dem heutigen Wissensstand ist die Rückholung der Fässer die beste Lösung, aber das Ergebnis muss erstens nun öffentlich diskutiert werden - mit den Expertengremien und im Begleitkreis Asse, in dem etwa die Politiker aus der Region und Umweltverbände sitzen. Ohne Zustimmung der Bevölkerung gibt es keine Lösung. Zweitens wird mit der Öffnung von Abfallkammern und der Untersuchung der Gebinde versucht, bestehende Unsicherheiten zu klären.
Ihre Bewertung bedeutet doch eine klare Vorfestlegung.
Was heißt Vorfestlegung? Wir haben alle vorhandenen Informationen in das Ergebnis des Optionenvergleichs einfließen lassen. Es sollte eine strategische Richtung klar werden, um auf dieser Basis den Sicherheitsnachweis für die Asse-Stilllegung führen zu können. Das ist geschehen.
Atommüll-Lager Asse - Probleme ohne Ende
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Atommüll-Lager Asse - Probleme ohne Ende
Es war das erste unterirdische Atommüll-Endlager weltweit - und ist seit Jahrzehnten marode: Im ehemaligen Salzbergwerk Asse in der Nähe des niedersächsischen Wolfenbüttel lagert radioaktiver Abfall.
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In der Asse haben sie, wie es offiziell heißt, einen Laugen-Notstand. Durch die Decken sickert Flüssigkeit ein. Mit Schläuchen, Folien und 1000-Liter-Fässern wird die Lauge aufgesammelt und nach draußen geschafft. Sümpfe wie dieser in 750 Metern Tiefe enthalten Magnesiumchloridlauge. 2009 hat sich die Menge verdreifacht.
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Aktivisten machen immer wieder auf das ungelöste Entsorgungsproblem aufmerksam - auch und vor allem das marode Endlager bietet ihnen dafür eine Kulisse.
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Die interne Bewertung, die Grube sei als Atom-Grab "nur beschränkt" geeignet, fiel unter den Tisch. Unbeachtet blieben auch Warnungen der Praktiker vor Ort. Verbürgt ist die Aussage eines erfahrenen Obersteigers: "Wir kämpfen doch schon seit Jahren gegen das Wasser." Das marode Bergwerk löst immer wieder Proteste aus.
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Für rund 600.000 Mark wechselte die Grube 1965 den Besitzer. Die Rechner im für die Finanzen zuständigen Forschungsministerium hielten das für ein Schnäppchen. Das Kernforschungszentrum Karlsruhe, ebenfalls in Staatsbesitz, wollte damals Atommüll los werden. Eine Halle für das strahlende Zeug hätte 1,6 Millionen Mark gekostet.
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Rund 126.000 Fässer wurden hier zwischen 1967 und 1978 deponiert. Was genau in den Gewölben lagert, ist bis heute unklar.
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Umweltminister Sigmar Gabriel hat das Bergwerk Asse als "löcherig wie einen Schweizer Käse" bezeichnet. Die Löcher erklären sich aus der Geschichte der Grube. 13 Abbau-Etagen in Tiefen von 490 bis 750 Metern, aus denen seit 1899 Kali-Dünger und feines Steinsalz - der Hausfrau damals als Asse Sonnensalz bekannt - heraus geholt wurden.
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Im Salzbergwerk Asse 2 (der Schacht Asse 1 anderthalb Kilometer entfernt war zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgegeben worden) wurde von 1906 bis 1964 Steinsalz abgebaut.
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Decken und Wände werden in Salzbergwerken nicht abgestützt - das salzhaltige Gestein, das das Grubengewölbe bildet, kann sich selbst tragen.
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Mit der Zeit gibt es allerdings nach - im Lager Asse um bis zu 15 Zentimeter jedes Jahr.
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Das Einlagern in Salzstöcken schien Politik und Wissenschaft seit den 60er Jahren eine gangbare Möglichkeit, sich des radioaktiven Mülls aus deutschen Kernkraftwerken zu entledigen.
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Ende der 70er Jahre wurde die Asse zum Forschungsbergwerk erklärt.
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Geologen und Ingenieure untersuchten, ob sich die Salzstöcke als Endlagerstandort für Atommüll eignen, der stark Wärme ausstrahlt.
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Das Salz, so war der Plan, sollte den radioaktiven Müll dauerhaft einschließen. Die Behälter, die mit der Zeit durchrosten, dienten nur dem Transport.
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In rund 750 Metern Tiefe lagert kontaminierte Natriumchlorid-Lauge.
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Auch eine halbe Tonne hochgiftiges Arsen, das wie Quecksilber und Blei üblicherweise in radioaktiven Abfällen enthalten ist, findet sich im Bergwerk.
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Ein Mitarbeiter misst die Radioaktivität vor einer zugemauerten Kammer. Die Einsturzgefahr des Lagers beschäftigte auch einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss.
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Immer neue Pannen werden in Asse bekannt.
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Der langjährige Betreiber, das Helmholtz-Zentrum München, wurde vom Umweltminister Sigmar Gabriel - hier bei einer Asse-Besichtigung - entmachtet. Jetzt verwaltet die Atommüll-Ruine das Bundesamt für Strahlenschutz.
Seit 2009 informiert das Bundesamt für Strahlenschutz auch Bürger in einem Infozentrum an der Asse. Neben dem Müll aus Karlsruhe wurde auch Nuklear-Abfall aus Medizin und Industrie in Asse eingelagert.
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Anfang des Jahres 2009 rechnete man noch mit einer Einsturzgefahr der Decken in Asse im Jahr 2014 - inzwischen ist die Decke bereits auf 500 Metern eingestürzt.
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Abgesperrter Stollenbereich des Bergwerks (Archivfoto vom Januar 2009). Die endgültige Schließung des Lagers wurde mehrfach verschoben. Derzeit ist 2020 im Gespräch.
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Längst ist klar: Atommüll kann in der Asse nicht dauerhaft trocken gelagert werden. Seit 1978 dringen in über 600 Meter Tiefe täglich rund zwölf Kubikmeter Wasser ein. Überlegt wird, das Bergwerk zu fluten - dies allerdings birgt die Gefahr, dass radioaktives Material gelöst wird und mit der Zeit durch das Gestein nach außen tritt.
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Schutz von oben: Die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, wacht in den Tiefen der Asse über die gefährlichen Hinterlassenschaften.
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1993 zog die Politik die Notbremse: Die Forschungsarbeiten wurden abgebrochen. Um die Frage, ob der gelagerte Atommüll aus dem Bergwerk geholt oder dort sicher abgeschlossen wird, entbrannte politischer Streit.
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Inzwischen kämpfen Bürger, Umweltschützer und Kommunalpolitiker gegen den strahlenden Müll in Asse. Jetzt wird nach neuen Wegen aus dem Debakel gesucht. Sicher ist derweil, dass die Asse den Steuerzahler viel Geld kosten wird.
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Asse - das ist ein altes Bergwerk, in dem Salz abgebaut wurde. Inzwischen ist es Lagerstätte für Atommüll und nebenbei noch Produktionsstätte für Lauge. Denn immer mehr Wasser sickert in die Anlage.
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Schuldenkrise
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Es wird darüber diskutiert, die Atomfässer in Schacht Konrad bei Salzgitter zu schaffen, der für solchen Abfall vorgesehen ist. Ihre Empfehlung?
Dabei handelt es sich nicht um eine Empfehlung des Optionenvergleichs. Dieser bezieht sich ausschließlich auf die Asse. Klar ist: Die rückgeholten Abfälle müssen letztlich in einem genehmigten Endlager gelagert werden.
Bis wann soll die endgültige Entscheidung über die Art der Stilllegung denn fallen
Ich wage keine Prognose. Im ersten Quartal 2010 sollen die Diskussionen mit der Region, mit der Entsorgungs- und mit der Strahlenschutzkommission des Bundes geführt werden. Danach fällt auf fachlicher Ebene das abschließende Ergebnis. Wir sind unter einem enormen Zeitdruck, weil das Asse-Bergwerk instabil ist.
Was kann die Untersuchung der Abfallkammern bringen?
Wir vermuten: Die Fässer sind verbeult, undicht, zerfressen. Aber wir müssen einen konkreten Einblick bekommen, wie kaputt sie wirklich sind und wie hoch die Strahlenbelastung ist, wenn man damit hantiert. Die entscheidende Frage ist: Sind die Kammern so stabil und bleibt der Wassereintritt so beherrschbar, dass man die Fässer mit ferngesteuerten Werkzeugen bergen kann? Falls nicht, stiege die radiologische Gefahr für die Arbeiter.
Das heißt: möglich, dass die Rückholung dann nicht vertretbar ist?
Gibt es neue Erkenntnisse, die dem widersprechen, müssen wir als Asse-Betreiber die Strategie auch wieder in Frage stellen. Bei einer Altlast wie der Asse gibt es keinen Punkt, an dem man sagen kann: So sieht die Entscheidung aus und diese ist unumstößlich. Man muss die Situation immer wieder neu bewerten und hinterfragen.
Sie veranschlagen zehn Jahre für die Bergung der Fässer. Könnte es nicht sein, dass das Bergwerk früher instabil wird?
Das ist leider nicht auszuschließen. Es kann dramatische Veränderungen im Berg geben. Allerdings versuchen wir, die Stabilität der Asse zu verbessern. Wir verfüllen bereits Kammern zusätzlich mit Spezialbeton und analysieren den Wasserzufluss , um ihn besser beherrschen zu können. Wir versuchen, uns Zeit zu kaufen, um die Stilllegung möglichst mit mehr Ruhe durchführen zu können.
Wie sieht das Notfall-Konzept aus, das greifen muss, wenn die Wassereinbrüche schnell größer werden und ein Einsturz droht? Ähnelt das nicht sehr dem Konzept der Asse-Flutung mit Salzlösung, das Ihr Amt nicht favorisiert?
In einem Notfall müssen alle möglichen Maßnahmen genutzt werden, mit denen die Sicherheit verbessert werden kann. Dazu können auch einzelne Komponenten des alten Flutungskonzepts gehören. Falls es so dramatisch würde, dass die Asse absäuft, würden wir vorher versuchen, technische Barrieren zu schaffen, die den Austritt von Radioaktivität hemmen - zum Beispiel die Abfälle einbetonieren.
Die Asse-Sanierung wird auf 2,5 Milliarden Euro geschätzt. Oder wird es noch teurer?
Das haben wir noch nicht untersucht. Die Erfahrung mit der Sanierung im alten DDR-Lager Morsleben zeigt aber, dass so etwas schnell in die Milliardensummen geht.
Nach jetzigem Stand muss der Steuerzahler das alles finanzieren, obwohl ein Großteil des radioaktiven Asse-Inventars ursprünglich aus Atomkraftwerken kommt. Müssten die Stromkonzerne sich nicht beteiligen?
Juristisch ist die Sache klar: Sie können nicht nachträglich zur Finanzierung herangezogen werden. Die Bundesregierung hat sich aber zum Ziel gesetzt, von ihnen Beiträge zur Asse-Stilllegung zu bekommen. Das wird sicher Thema bei den Verhandlungen mit den Stromkonzernen sein.