kalaydo.de Anzeigen

Strahlenschützer König: "Fässer wohl verbeult und zerfressen"

Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König, spricht im FR-Interview über die Situation im Atomlager Asse. "Nach dem heutigen Wissensstand ist die Rückholung der Fässer die beste Lösung."

Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz,  Wolfram König, spricht im FR-Interview über die Situation im Atomlager Asse. Nach dem heutigen Wissensstand ist die Rückholung der Fässer die beste Lösung.
Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König, spricht im FR-Interview über die Situation im Atomlager Asse. "Nach dem heutigen Wissensstand ist die Rückholung der Fässer die beste Lösung."
Foto: dpa

Ihr Amt hält die schnelle Bergung der 126000 Atommüllfässer für die sicherste Lösung zur Sanierung der Asse. Sind die anderen Optionen damit vom Tisch?

Nach dem heutigen Wissensstand ist die Rückholung der Fässer die beste Lösung, aber das Ergebnis muss erstens nun öffentlich diskutiert werden - mit den Expertengremien und im Begleitkreis Asse, in dem etwa die Politiker aus der Region und Umweltverbände sitzen. Ohne Zustimmung der Bevölkerung gibt es keine Lösung. Zweitens wird mit der Öffnung von Abfallkammern und der Untersuchung der Gebinde versucht, bestehende Unsicherheiten zu klären.

Ihre Bewertung bedeutet doch eine klare Vorfestlegung.

Was heißt Vorfestlegung? Wir haben alle vorhandenen Informationen in das Ergebnis des Optionenvergleichs einfließen lassen. Es sollte eine strategische Richtung klar werden, um auf dieser Basis den Sicherheitsnachweis für die Asse-Stilllegung führen zu können. Das ist geschehen.

Atommüll-Lager Asse - Probleme ohne Ende

Bildergalerie ( 27 Bilder )

Es wird darüber diskutiert, die Atomfässer in Schacht Konrad bei Salzgitter zu schaffen, der für solchen Abfall vorgesehen ist. Ihre Empfehlung?

Dabei handelt es sich nicht um eine Empfehlung des Optionenvergleichs. Dieser bezieht sich ausschließlich auf die Asse. Klar ist: Die rückgeholten Abfälle müssen letztlich in einem genehmigten Endlager gelagert werden.

Bis wann soll die endgültige Entscheidung über die Art der Stilllegung denn fallen

?

Ich wage keine Prognose. Im ersten Quartal 2010 sollen die Diskussionen mit der Region, mit der Entsorgungs- und mit der Strahlenschutzkommission des Bundes geführt werden. Danach fällt auf fachlicher Ebene das abschließende Ergebnis. Wir sind unter einem enormen Zeitdruck, weil das Asse-Bergwerk instabil ist.

Was kann die Untersuchung der Abfallkammern bringen?

Wir vermuten: Die Fässer sind verbeult, undicht, zerfressen. Aber wir müssen einen konkreten Einblick bekommen, wie kaputt sie wirklich sind und wie hoch die Strahlenbelastung ist, wenn man damit hantiert. Die entscheidende Frage ist: Sind die Kammern so stabil und bleibt der Wassereintritt so beherrschbar, dass man die Fässer mit ferngesteuerten Werkzeugen bergen kann? Falls nicht, stiege die radiologische Gefahr für die Arbeiter.

Das heißt: möglich, dass die Rückholung dann nicht vertretbar ist?

Gibt es neue Erkenntnisse, die dem widersprechen, müssen wir als Asse-Betreiber die Strategie auch wieder in Frage stellen. Bei einer Altlast wie der Asse gibt es keinen Punkt, an dem man sagen kann: So sieht die Entscheidung aus und diese ist unumstößlich. Man muss die Situation immer wieder neu bewerten und hinterfragen.

Sie veranschlagen zehn Jahre für die Bergung der Fässer. Könnte es nicht sein, dass das Bergwerk früher instabil wird?

Das ist leider nicht auszuschließen. Es kann dramatische Veränderungen im Berg geben. Allerdings versuchen wir, die Stabilität der Asse zu verbessern. Wir verfüllen bereits Kammern zusätzlich mit Spezialbeton und analysieren den Wasserzufluss , um ihn besser beherrschen zu können. Wir versuchen, uns Zeit zu kaufen, um die Stilllegung möglichst mit mehr Ruhe durchführen zu können.

Wie sieht das Notfall-Konzept aus, das greifen muss, wenn die Wassereinbrüche schnell größer werden und ein Einsturz droht? Ähnelt das nicht sehr dem Konzept der Asse-Flutung mit Salzlösung, das Ihr Amt nicht favorisiert?

In einem Notfall müssen alle möglichen Maßnahmen genutzt werden, mit denen die Sicherheit verbessert werden kann. Dazu können auch einzelne Komponenten des alten Flutungskonzepts gehören. Falls es so dramatisch würde, dass die Asse absäuft, würden wir vorher versuchen, technische Barrieren zu schaffen, die den Austritt von Radioaktivität hemmen - zum Beispiel die Abfälle einbetonieren.

Die Asse-Sanierung wird auf 2,5 Milliarden Euro geschätzt. Oder wird es noch teurer?

Das haben wir noch nicht untersucht. Die Erfahrung mit der Sanierung im alten DDR-Lager Morsleben zeigt aber, dass so etwas schnell in die Milliardensummen geht.

Nach jetzigem Stand muss der Steuerzahler das alles finanzieren, obwohl ein Großteil des radioaktiven Asse-Inventars ursprünglich aus Atomkraftwerken kommt. Müssten die Stromkonzerne sich nicht beteiligen?

Juristisch ist die Sache klar: Sie können nicht nachträglich zur Finanzierung herangezogen werden. Die Bundesregierung hat sich aber zum Ziel gesetzt, von ihnen Beiträge zur Asse-Stilllegung zu bekommen. Das wird sicher Thema bei den Verhandlungen mit den Stromkonzernen sein.

Interview: Joachim Wille

Datum:  16 | 1 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Spezial

Atomkraft, nein danke. Aber was dann? Die FR liefert Infos und Tipps, wie die private Energiewende gelingt.

Der Atomausstieg
Kommentar zur Solarförderung 
Nicht immer geht der Wechsel des Stromanbieters glatt.
Wechsel des Anbieters 
Die kommunalen Versorger wollen die angeschlagenen Stromriesen herausfordern. Foto: Federico Gambarini
Stadtwerke attackieren Stromkonzerne 
Eine Demonstrationsanlage der Solon AG: Jetzt hängt das ganze Unternehmen in der Luft.
Solarindustrie 
Nachgefragt

Schon 1946 wurde das erste Mal darüber nachgedacht, welches Symbol für die neue Energieform steht. Wir haben nachgefragt.

Atommüll-Endlager
Schacht Konrad - Das ehemalige Erzlager soll 2019 den Betrieb als Endlager für Atommüll aufnehmen. Geplant ist, 90 Prozent des gesamten Volumens der radioaktiven Abfälle in Deutschland zu lagern.

Der Bau des Endlagers für Atommüll wird voraussichtlich erst 2019 fertig. Es drohen Zusatzkosten von bis zu einer Milliarde Euro. Zur Grafik...

 Mehr...