So heftig die Proteststürme gegen die Atomkraft draußen im Land auch wüten, drinnen, im Auge des Orkans, ist es ganz ruhig und still. Wer im südhessischen Biblis wohnt, lebt mit dem Kraftwerk. Wer damit nicht leben will, zieht weg oder gar nicht erst hier her.
Die auf den ersten Blick unscheinbare Kleinstadt hat für ihre Bewohner einiges zu bieten: Kommunales Kino, Jugendclub, drei Dorfgemeinschaftshäuser, drei Sportstadien, einige Kindergärten, Tennis- und Golfplatz. Vielen der 9000 Einwohner sind die Blöcke A und B ein vertrauter Anblick seit Kindertagen. "Unsere Generation ist damit groß geworden", sagt Liselotte Blume-Denise.
Die 42-jährige Mutter ist seit 2008 Vorsitzende des örtlichen Wirtschafts- und Verkehrsvereins, der in Biblis knapp 200 Geschäftsleute vertritt. Die Gründung des Vereins, einer von mehr als 60 in Biblis, reicht zurück in die 1950er Jahre, in jene Zeit also, als die Gurken- und Konservenindustrie noch wirtschaftlich wichtig war. Das Gurkenfest feiert die Gemeinde noch heute, auch wenn die Atomkraft inzwischen der alles dominierende Arbeitgeber ist.
Im Gegensatz zum Gurkenzeitalter birgt die Atomtechnik freilich weit größere Gefahren: Biblis, das Sicherheitsrisiko, Biblis, der "Schrottreaktor", Biblis der "Pannenmeiler"; das Aufzählen sogenannter Fehler, Pannen, Schlampereien füllt lange Listen und treibt Menschen auf die Straße. Nicht so in Biblis: "Hier haben nur sehr wenig Menschen Angst vor der Atomkraft", sagt die Vereinsvorsitzende.
Ja, es werde natürlich auch über die Folgen der ungelösten Endlagerung des Atommülls diskutiert, da gebe es "schon Kritik". Doch das Vertrauen in den Arbeitgeber sei immens. Jeder habe einen in der Familie, der im Kraftwerk sei. Die Leute arbeiteten dort bestimmt nicht, wenn es so gefährlich wäre. "Selbst die Roten", sagt sie, "sind bei uns pro Kraftwerk."
Josef Fiedler, 59, ist so ein "Roter". Als Fraktionschef führt er die mit acht Sitzen stärkste Oppositionskraft im Parlament an, einen strikten Anti-Atom-Kurs wie auf Bundes- und Landesebene steuern die Sozialdemokraten hier aber nicht. "Weitmehrheitlich" habe man einer Laufzeitverlängerung zugestimmt, sagt Fiedler. Gut, irgendwann sei man so weit, dass Atomstrom überflüssig würde und Erneuerbare Energien die Lücke füllten.
Die ungeklärte Frage, was mit dem Atommüll passiert, beschäftige ihn ebenfalls. "So lange es kein Endlager gibt, steht der Kram bei uns rum." Doch Biblis bedeute auf der anderen Seite Beschäftigung. "Das können wir nicht ignorieren." Die Alternative? Neue Firmen, die vernünftig Gewerbesteuer zahlten. "Nützt doch nichts, wenn über Jahre nichts rüberkommt."
Die schrittweise Abschaltung der Atomkraftwerke in Deutschland ist seit 2000 beschlossene Sache, doch vor allem in der CDU wird aktuell über längere Laufzeiten gestritten. Biblis A, dem 36 Jahre alten Veteran der deutschen Atomindustrie, droht in diesem Herbst das Aus, Block B drei Jahre später.
In Biblis kommt dieses Durcheinander nicht gut an - zumal das Kraftwerk auch Unternehmen ist mit einem Betriebsrat, der für den Erhalt der Jobs streitet. "Wir werden von der Politik in die Arbeitslosigkeit getrieben, obwohl unsere Jobs wirtschaftlich sind", sagt Reinhold Gispert.
Der 49-Jährige arbeitet seit 30 Jahren im Kraftwerk. Als gelernter Physiklaborant wechselte er 1980 nach Biblis. Nach seiner Qualifikation zum Techniker, Fachrichtung Physik, war er Sachbearbeiter im Strahlenschutz. Seit zehn Jahren ist er Vorsitzender des Betriebsrats.
"Kämpfen und Kümmern" gehören zu seinen Aufgaben - um den Erhalt der Arbeitsplätze, um die berufliche Zukunft der Beschäftigten. Nein, an den aktuellen politischen Spekulationen will sich Gispert nicht beteiligen. Natürlich weiß er, dass bei einem Aus für das Kraftwerk viele hoch qualifizierte und hoch spezialisierte Jobs auf der Kippe stehen, für die sich so schnell wohl keine Alternative finden dürfte. "Wir sind wirtschaftlich, wir sind sicher, wir wollen, bitte schön, Geld verdienen und nicht in die Arbeitslosigkeit reingehen." Die Politik müsse sich der Verantwortung stellen, betont Gispert: "Wer A sagt, muss auch B sagen." A meint den Ausstieg, B die Zeit danach.
Doch einen Plan B hat niemand in der Schublade, auch nicht die parteilose Bürgermeisterin Hildegard Cornelius-Gaus. Das Kraftwerk sichert allein 1000 Arbeitsplätze und mehr als 1000 weitere Jobs bei rund 70 Firmen in der Region. Während der Revision kommen für etliche Wochen bis zu 1500 hinzu.
Bäcker, Metzger, Supermärkte, sie alle reiben sich angesichts der Umsätze die Hände. Aber auch die Vermieter von Privatzimmern verdienen mit. "Ein Aus für Biblis bedeutet einen massiven Arbeitsplatzverlust, Einbruch der Steuereinnahmen, jährlich Kaufkraftverluste in Millionenhöhe", sagt die Bürgermeisterin. Solche Verluste seien weder von der Gemeinde noch vom Land zu verkraften. "Wir haben ja in Biblis nicht einmal ein Industriegebiet."
Der Arbeitsplatz der Bürgermeisterin ist keine zwei Kilometer vom Kraftwerk entfernt. Im ersten Stock des Rathauses, im weitläufigen Foyer, hängt eine Luftbildaufnahme des Kraftwerks. Die Gemeinde zeigt nicht ohne Stolz, wem sie sich verbunden fühlt. Politik und Kraftwerk umarmen sich nicht, aber man begegnet sich auch nicht mit spitzen Fingern", beschreibt eine RWE-Sprecherin das besondere Verhältnis.
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