Viel mehr Betriebe als von der Lobby behauptet lassen sich von Netzentgelten befreien. Die Kleinverbraucher zahlen dafür drauf, voraussichtlich um 0,75 Cent pro Kilowattstunde.
Sonderverbraucher sollen beim Strom entlastet werden, vor allem auch große Industriebetriebe.
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Sonderverbraucher sollen beim Strom entlastet werden, vor allem auch große Industriebetriebe.
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Mit dem eiligen Abwiegeln ist es so eine Sache. Liegt man falsch, wird es später umso peinlicher. Es sieht so aus, als sei genau das der Industrie passiert, die ein Geschenk der Regierungskoalition zunächst kleingeredet hatte.
Vor drei Wochen war bekannt geworden, dass die Strompreise für Kleinverbraucher 2012 kräftig ansteigen – weil im Gegenzug Sonderverbraucher entlastet werden, vor allem auch große Industriebetriebe. Diese Regel hatte Schwarz-Gelb im Sommer fast unbemerkt in einer Verordnung untergebracht. Demnach sollen besonders stromintensive Betriebe schon ab diesem Jahr gar keine Entgelte mehr für die Nutzung des Stromnetzes zahlen. Das Resultat: Der Strompreis für Kleinverbraucher, die Einnahmeausfälle per Umlage ausgleichen müssen, steigt deutlich, voraussichtlich um 0,75 Cent pro Kilowattstunde. Für einen Drei-Personen-Haushalt (3 500 Kilowattstunden Verbrauch) sind das 26 Euro pro Jahr.
Einen Tag, nachdem die Berliner Zeitung darüber berichtet hatte, veröffentlichen die sechs Verbände der energieintensiven Industrie, darunter Chemie-, Stahl- und Metallverband, einen „Fakten-Check“. Die Botschaft: Alles halb so wild. Nur etwa 20 Unternehmen würden von den Netzentgelten befreit.
Unkonventionelle Energiegewinnung
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Unkonventionelle Energiegewinnung
Erdwärme-Kraftwerke, wie dieses im mecklenburgischen Neustadt-Glewe im Kreis Ludwigslust, das 2003 offiziell ans Netz ging, arbeiten mit unterschiedlichen Methoden. Das Geothermie-Kraftwerk nutzt 97 Grad heißes Tiefenwasser aus der Erdkruste und erzeugt jährlich 1.400 Megawattstunden Strom für bis zu 500 Haushalte.
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Auch sogenannte Biogasanlagen ermöglichen es, alternative Energien zu gewinnen. Eines steht in Schwedt in der neuen Anlage des Betreibers Verbio. Die Biogasanlage nahm im März offiziell ihren Betrieb auf. Die Technik wird schon an vielen Stellen genutzt.
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Hier werden nur Reststoffe verwertet. Die Produktionsstätte ist mit einer bestehenden Anlage des Unternehmens zur Bioethanol-Herstellung gekoppelt. Die Biogasanlage kostete nach Unternehmensangaben rund 40 Millionen Euro. und erzeugt rund 30 Megawatt Strom.
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Zu den unkonventionellen Methoden der Energiegewinnung zählen Aufwindkraftwerke. Ihre gigantischen Ausmaße machen sie für Europa wenig geeignet: Bis zu 1000 Meter hoch und 100 Meter breit müssen sie sein. An ihrem Fuß soll ein fast fünf Kilometer großes Glasfeld die von der Sonne im Boden erzeugte Hitze zum Turm in der Mitte leiten und die dort integrierten Turbinen antreiben.
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Mit dieser Technik können 200 Megawatt Strom pro Turm erzeugt werden. Allerdings wohl eher in unbewohnten Wüstenregionen. Eine Anlage kostet bis zu 800 Millionen Euro.
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Eine der ältesten Formen der Energiegewinnung ist Wasserkraft. Das geht jedoch nicht nur durch Staustufen sondern auch mit Gezeitenkraftwerken wie hier in St. Malo (Archivbild). Ebbe und Flut lassen den Wasserstand um bis zu zehn Meter schwanken. Spitzenleistung liegt bei 240 Megawatt.
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Einen ganz anderen Weg beschreiten Druckluftkraftwerke. Weltweit gibt es erst zwei, eins davon in Huntdorf bei Bremen. Es verfügt über eine Leistung von 321 Megawatt.
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Bei Solnova 1 bündeln Spiegel in Form von Parabolrinnen das Sonnenlicht in einem Rohr und heizen das darin zirkulierende Spezialöl, das sogenannte Wärmeträgermedium, auf. Ein anderer Weg besteht darin, das Sonnenlicht von zahlreichen flachen Spiegeln auf einer kleinen Fläche an der Spitze eines oft mehr als 100 Meter hohen Turmes zu bündeln. Vermutlich werden unterschiedliche Technologien im Rahmen des visionären Projekts Desertec zum Einsatz kommen: Das Projekt sieht vor, Strom solarthermischer Kraftwerke aus Nordafrika nach Europa zu übertragen.
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Alternative Energien sind auf dem Vormarsch. Manche sind gerade erst in der Entwicklung, andere längst eingeführt. FR-online.de zeigt die Möglichkeiten der Technik und die Perspektiven auf. Pumpspeicher-Kraftwerke, wie das Hohenwarte II-Kraftwerk in Thüringen, arbeiten mit Wasser. Das seit 1966 laufende Spitzenlastkraftwerk hat eine Leistung von 320 Megawatt Elektroenergie. Zu Zeiten von geringem Elektroenergieverbrauch wird Wasser von einem Unterbecken in das Oberbecken gepumpt, zu Zeiten mit hohem Energiebedarf strömt das Wasser aus dem Oberbecken wieder in das Unterbecken und treibt dabei Turbinen zur Stromerzeugung an.
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Fotostrecken Wirtschaft
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Diese Aussage ist falsch. Laut einer Antwort auf Anfrage der grünen Bundestagsabgeordneten Ingrid Nestle beim Wirtschaftsministerium gibt es einen regelrechten Ansturm auf die Netzentgeltbefreiung. Bis zum 2. Dezember, so der zuständige Staatssekretär Bernhard Heitzer in dem Schreiben, seien 159 Anträge auf eine vollständige Befreiung von den Stromnetzentgelten eingegangen. Schon im August seien 63 gewesen Die Grünen-Politikerin Nestle ist sauer: „Die Industrie versucht, uns mit falschen Zahlen zu manipulieren“, sagte sie.
Anwälte schieben Überstunden
Ein Industrie-Insider bestätigte, dass viele stromintensive Betriebe derzeit größte Anstrengungen unternähmen, um von der Befreiung zu profitieren. Anwälte schöben Überstunden, es würden zum Beispiel Verbrauchsstellen zusammengelegt. Für die Befreiung müssen pro Jahr zehn Millionen Kilowattstunden verbraucht werden – und das ohne größere Schwankungen.
Was der Run auf die Ausnahmeregel die Verbraucher nun genau kostet, lässt sich noch nicht absehen. Das Wirtschaftsministerium schreibt von Entlastungen in Höhe von 231 Millionen Euro. Der Betrag könne aber „noch steigen“. In einem Schreiben des Netzbetreibers 50 Hertz, das dieser Zeitung vorliegt, wird ebenfalls davor gewarnt, dass eine „erhebliche Überschreitung“ des Gesamtvolumens möglich sei. Dann müsse die Umlage für Haushalte neu berechnet werden – also steigen. Erst am 21.12. muss die Abschätzung der Netzbetreiber vorliegen, wie stark die Ausnahmeregel in ihrem Gebiet genutzt wird. Ab dem 1. Januar wird dann schon von den Verbrauchern kassiert.
Für Nestle ist die Undurchschaubarkeit des Industrie-Geschenks ein besonderes Ärgernis. „Wir brauchen eine transparente Diskussion über die Entlastung der der stromintensiven Industrie, keine Mitternachtsdeals mit Lobbygruppen“, sagte sie. „Die Regierung muss ihr dreistes Geschenk an die Höchstverbraucher zurücknehmen.“