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Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

16. Februar 2012

Stromnetz: Händler manipulieren den Strommarkt

 Von Jakob Schlandt
 Foto: Getty Images/Vetta

Mit illegalen Geschäften brachten Händler das Stromnetz bis vor wenigen Tagen fast zum Zusammenbruch. Das war offenbar Vorsatz, wie Insider dieser Zeitung berichten.

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Die Stromhändler

Einkauf: Etwa 1000 Stromhändler in Deutschland sind autorisiert, direkte Geschäfte am Strommarkt zu machen. Das sind die sogenannten Bilanzkreisverantwortlichen. Sie arbeiten für Großverbraucher und vor allem Stromvertriebsgesellschaften, die wiederum Privatkunden und Gewerbe beliefern. Sie müssen immer so viel Strom aus Kraftwerken einkaufen, wie ihre Kunden brauchen – auf die Viertelstunde genau. So bleibt das System im Gleichgewicht.

Prognosen: Die Händler prognostizieren den Verbrauch ihrer Kunden mit Erfahrungswerten – zum Beispiel, wie viel Strom ein durchschnittlicher Haushalt bei einer bestimmten Temperatur verbraucht. Dabei kommt es hie und da zu kleinen Fehlern, die leicht ausgeglichen werden. Doch zuletzt „verrechneten“ sich die Händler mit Absicht und gaben den Verbrauch ihrer Kunden zu niedrig an – um Geld zu sparen. So kam das System nahe an den Kollaps.

Der deutsche Strommarkt wurde bis vor wenigen Tagen durch gefährliche Handelsgeschäfte in die Nähe eines Zusammenbruchs gebracht. Aus Profitgier haben Stromhändler in der jüngsten Kälteperiode massiv und illegal auf Notreserven zugegriffen, statt reguläre Kraftwerke zu nutzen. Dieser Zeitung liegt ein Brandbrief der Bundesnetzagentur vor, den die Aufsichtsbehörde am Montag an die verantwortlichen Händler verschickt hat, weil es zu gefährlichen Defiziten im Stromnetz kam.

Darin heißt es, das deutsche Stromnetz habe seit dem 6. Februar zu unterschiedlichen Tageszeiten „erhebliche, über mehrere Stunden andauernde Unterdeckungen verzeichnet“. Deshalb sei „im Störungsfall teilweise keine Regelleistung verfügbar gewesen“. Die Lage bereite der Netzagentur „erhebliche Besorgnis“. Die Regelleistung ist der letzte Schutzwall des Systems. Sie wird vorgehalten, um in Sekunden Ausfälle zu kompensieren.

Aus Sicht der Bundesnetzagentur sind dafür die obersten Stromhändler verantwortlich, die sogenannten Bilanzkreisverantwortlichen, die zum Beispiel für Stromhändler und auch Industrieunternehmen Elektrizität einkaufen. Eigentlich sind sie rechtlich verpflichtet, stets soviel Strom aus Kraftwerken einzukaufen wie ihre Kunden verbrauchen. Doch das taten sie laut Bundesnetzagentur massenhaft nicht, sondern verursachten mit Lastprognosefehlern den Verbrauch fast der gesamten Regelleistung.

Das war offenbar Vorsatz. Mehrere Insider aus der Branche, berichteten der Frankfurter Rundschau, dass es um Profitmaximierung ging. Der Hintergrund: In den kalten Tagen wurde Strom in Europa knapp. Die extreme Kälte trieb vor allem den Stromexport nach Frankreich nach oben, wo es viele Elektro-Radiatoren gibt. Der deutsche Kraftwerkspark ist nach dem Abschalten der alten Atommeiler vor knapp einem Jahr zwar noch ausreichend groß, doch es gibt keinen riesigen Puffer mehr wie früher.

Dramatische Strompreisschwankungen

Die Folge war, dass es ab dem 6. Februar zu dramatischen Schwankungen des Strompreises kam. Am 7. Februar mussten laut den Daten der Strombörse EEX zum Beispiel zwischen neun und zehn Uhr 380 Euro pro Megawattstunde bezahlt werden – etwa das siebenfache der üblichen Großhandelspreise.

Die Händler wollten vermeiden, so hohe Preise zu bezahlen – und griffen zu einem illegalen, aber nur schwer nachweisbaren Trick. Sie schraubten systematisch die Prognose über den Stromverbrauch ihrer Kunden nach unten und lieferten entsprechend weniger. So vermieden sie massenhaft, den gerade sehr teuren Strom zukaufen zu müssen.

Der fehlende Strom musste dann aus der eigentlich für Notfälle gedachten Regelleistung aufgefüllt werden, um einen sofortigen Blackout abzuwenden. Der Preis der Regelleistung ist weitgehend fix. In normalen Zeiten ist er zwar teurer. Doch angesichts des Ausnahmezustands war er zeitweise viel billiger als Börsenstrom: Etwa 100 Euro pro Megawattstunde werden den Händlern für die Regelleistung im Nachhinein in Rechnung gestellt.. Die gewaltigen, absichtlichen „Lastprognosefehler“ betrugen zeitweise mehrere Tausend Megawatt.

Reservekraftwerke mussten in Betrieb genommen werden

Politisch besonders brisant ist, dass offenbar nur wegen der Fehlprognosen der Händler die Reservekraftwerke in Mannheim und Österreich in Betrieb genommen werden mussten, die aufgrund des Teil-Atomausstiegs für diesen Winter vorgehalten werden. Das hatte jene bestärkt, die auf Grund des Atomausstiegs um die Versorgungssicherheit in Deutschland fürchten.

Der Präsident der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, bestätigte das Versenden des Briefs und sagte dieser Zeitung, der Sachverhalt werde nun mit Hochdruck aufgeklärt. Dass die Händler aus Profitgier so gehandelt hätten, sei derzeit nicht bewiesen. „Wir werden genau untersuchen, wie es zu der außergewöhnlichen Situation im Stromnetz gekommen ist und anschließend darüber berichten.“

Bei den Vertretern von Stromkunden ist dagegen der Ärger schon jetzt groß. Beim Verband VIK, der die industriellen Stromverbraucher vertritt, hieß es: „Es kann nicht sein, dass mit der Regelenergie gespielt wird und dadurch möglicherweise Stromausfälle provoziert werden“, sagte ein Sprecher.

Auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) ist empört. Energieexperte Holger Krawinkel sagte: „Nicht der Atomausstieg gefährdet die Versorgungssicherheit, sondern die Gier der Marktteilnehmer.“ Die marktwirtschaftliche Organisation des Strommarkts gerate durch solche Geschäfte immer mehr in Zweifel.

Behördliches Aufsichtsverfahren möglich

Die Bundesnetzagentur droht den Händlern nun mit scharfen Konsequenzen. Bei Fehlverhalten sei ein „behördliches Aufsichtsverfahren“ möglich. Auch ein Krisentreffen mit dem Wirtschaftsministerium hat es bereits gegeben.

Offenbar wird überlegt, mit welchen Regeln das Spekulieren auf günstige Regelenergie verhindert werden kann. Möglich wäre zum Beispiel, die Regelenergie immer mindestens so teuer wie den Börsenstrompreis zu machen. Dann wäre mit dem Rückgriff auf die Notreserven kein Geschäft mehr zu machen.

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