Mit der Realisierung eines modernen Stromnetzes in der Nordsee können die Kunden in Deutschland mit mehr Wettbewerb und niedrigeren Strompreisen rechnen. "Durch die Zunahme des Stromangebots und somit des Wettbewerbs werden die Preise für die Verbraucher voraussichtlich günstiger werden, als wenn die Investitionen in die Netze unterblieben", sagte Konstantin Staschus, Geschäftsführer des Verbandes der europäischen Netzbetreiber Entso-e aus Brüssel.
Denn mit den neuen Leitungen könnte vermehrt Strom aus dem Ausland auf dem deutschen Markt angeboten werden. Bisher sind solche Verbindungen zu den Nachbarstaaten eher knapp.
Durch eine Steigerung des Angebots sollen die zu erwartenden höheren Kosten für die Netznutzung laut Staschus mehr als kompensiert werden. Die EU-Kommission erlaubt Unternehmen, ihre Kosten für den Bau neuer Netze auf die Preise umlegen.
Auch wenn das Netz in der Nordsee von den EU-Staaten vor allem als Antwort auf den Ausbau regenerativer Energien betrachtet wird, wird es laut Staschus neben der Energie aus Offshore-Windparks auch Strom aus Kernkraft-, Kohle- und Gaskraftwerken transportieren. In Großbritannien haben Versorger den Bau neuer Atomkraftwerke angekündigt.
Dieser Strom könnte dann auch nach Deutschland kommen. Um dies einzuschränken, fordert die Umweltorganisation Greenpeace einen Vorrang für Öko-Strom - eine solche Regelung gibt es bereits für Deutschland: Elektrizität aus Erneuerbaren hat beim Einspeisen immer Vorrang. "Dass das Netz etwa zum Transport von Atomstrom genutzt wird, kann nur politisch verhindert werden", sagte Greenpeace-Experte Sven Teske der Frankfurter Rundschau.
Bis zur Realisierung des Nordseenetzes werden nach Ansicht von Staschus noch mehr als zehn Jahre vergehen. "Es fehlt noch die Entwicklung der Technik zur Gleichstromschaltung für die Steuerung des Netzes auf See." Bisher gebe es weltweit noch keine vergleichbaren Seenetze. Es müsse sichergestellt werden, dass etwa bei der Beschädigung eines Kabels nicht das ganze System lahm gelegt werde.
In den nächsten fünf Jahren planen die Netzbetreiber Investitionen von zwölf bis 14 Milliarden Euro sowohl für den Aufbau erster Seeverbindungen als auch für Infrastruktur an Land. Dazu zählen Verbindungen zwischen Großbritannien und den Niederlanden sowie Norwegen und Dänemark. In Deutschland umfassen die Pläne die Anbindung der ersten Offshore-Windparks vor den Küsten. Mit einem Zehn-Jahresplan ist das Nordseenetz wesentlich konkreter als ein Mittelmeernetz für das Projekt Desertec, das Solarstrom aus Afrika nach Europa bringen soll.