Jetzt wird’s ernst: Nach zwei Entwürfen, die erst durch Anmerkungen der Stromnetz-Betreiber und dann durch Verbesserungswünsche der Bürger ergänzt wurden, liegt nun der große Ausbau-Plan für das deutsche Stromnetz in Zeiten der Energiewende vor. Und siehe: Der Ausbau fällt kleiner aus als gedacht. Dafür muss er nun auch wirklich schnell kommen.
Das liegt zum einen daran, dass die Bundesnetzagentur – die den Plan am Montag dem zuständigen Bundeswirtschaftsminister übergab – Prioritäten setzte. Damit die wirklich dringend benötigten Trassen möglichst schnell gebaut sind, legte sie etliche weniger dringliche vorerst auf Eis. Zudem soll auf Neubauten von Leitungsprojekten verzichtet werden, wo eine Renovierung der vorhandenen möglich ist. Das betrifft 2900 Kilometer bestehender Trassen.
So sind von den 74 Bauvorhaben aus dem vorherigen Entwurf nun nur noch 51 Trassen im amtlichen Netzentwicklungsplan übrig. Der Bedarf in dem Papier schrumpft damit bis 2022 von rund 3800 auf 2800 Kilometer.
Ausbaubedarf: Da vor allem Süddeutschland verstärkt auf Atomkraft gesetzt hatte, muss nach der Abschaltung der ältesten Reaktoren vor allem der Strom aus den Windparks in Nord- und Ostsee in den Süden gebracht werden. Für vordringlich hält die zuständige Aufsichtsbehörde nun offiziell drei Nord-Süd-Trassen mit insgesamt 2800 km neuen Leitungen.
Bürgerbeteiligung: Schon bei der Planung konnten Bürger mitreden – im Internet und in Regionalkonferenzen. Künftig ist der Stand der Planungen einsehbar unter www.netzausbau.de.
Neu gebaut werden sollen vor allem drei Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen (HGÜ), die bis 2022 den im Norden erzeugten Windstrom möglichst verlustfrei in die Ballungs- und Industriezentren im Südwesten des Landes bringen sollen. Auch hier wurde ein zunächst geplanter Korridor auf Eis gelegt. Der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, betonte, seine Behörde habe nur die Ausbauvorhaben bestätigt, die „nach strengen Kriterien auch unter den veränderten energiewirtschaftlichen Bedingungen unverzichtbar sind“.
Umweltverbände hatten Homann bereits seit langem Panikmache vorgeworfen, da er stets einen Mangel an 3800 Kilometern Stromleitungen beschworen hatte. Die Deutsche Umwelthilfe kritisierte, die Planungen verfolgten die Maxime „so viel Netz wie möglich, statt so viel Netz wie nötig“. Auch der Umweltverband BUND kritisierte die Pläne als völlig überzogen und drängte auf Nachbesserungen.
„Nun besteht Klarheit darüber, welche Projekte im Übertragungsnetz realisiert werden“, schloss Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) die Debatte bei der Übergabe des Bedarfsplans. Sein Ministerium werde den Bedarf noch 2012 ins Gesetz schreiben.
Die vier Übertragungsnetzbetreiber hatten bereits im August ihre Pläne für den Trassenausbau vorgelegt. Daran hatte sich eine umfangreiche Öffentlichkeitsbeteiligung angeschlossen. Mehr als 3300 Stellungnahmen von Bürgern und Verbänden gingen bei der Netzagentur ein. Sie hofft, Proteste gegen den Netzausbau in Grenzen zu halten, weil sie die Bürger früher als gesetzlich vorgeschrieben eingebunden hatte. Wie berechtigt die Hoffnung war, wird sich zeigen, wenn nach der Verabschiedung des Gesetzes die konkreten Trassen in die Deutschlandkarte eingetragen werden.
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