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Umwelt-Sachverständiger Hey: "Atomkraft als Verhinderungstechnik"

Längere Laufzeiten für Atommeiler, wie Schwarz-Gelb sie plant, bremsen die erneuerbaren Energien. Das sagt der Generalsekretär des Sachverständigenrats für Umweltfragen, Christian Hey, auf FR-online.de.

Das älteste Atomkraftwerk Deutschlands im südhessischen Biblis.
Das älteste Atomkraftwerk Deutschlands im südhessischen Biblis.
Foto: ddp

Schwarz-Gelb plant längere Laufzeiten für die Atomkraftwerke. Die Rede ist von einer Brückentechnologie, bis die erneuerbaren Energien die Versorgung übernehmen können, die heute rund 17 Prozent des Stroms liefern. Ist das ein gutes Konzept?

Nein, das ist kein gutes Konzept. Damit verstrickt sich die neue Koalition in unauflösbare Widersprüche. Es ist einfach zu spät, das Rad der Geschichte zurück drehen zu wollen. Der geplante Ausbau der erneuerbaren Energien, die bereits im Bau befindlichen Kohlekraftwerke und dann noch die Laufzeitverlängerungen der Atomkraftwerke passen einfach nicht zusammen.

Im Jahr 2020 werden erst rund 30 Prozent Ökostrom erreicht sein. Nötig sind dann noch satte 70 Prozent konventioneller Strom.

Richtig. Aber mit dem dringend notwendigen Ausbau von Wind- und Solarenergie sinkt der Bedarf an Grundlastkraftwerken ganz erheblich, die sich nicht flexibel an das stark schwankende Ökostrom-Angebot anpassen können. Zu viele dieser großen Atom- und Kohle-Kraftwerksblöcke behindern den Ausbau der Erneuerbaren regelrecht.

Aber die Stromkonzerne sowie CDU/CSU und FDP warnen vor einer Stromlücke, die im nächsten Jahrzehnt auftreten könnte. Wollen Sie in Kauf nehmen, dass wir mehr Blackouts bekommen?

Nein, natürlich nicht. Mit mehr Atomstrom droht sogar ein Überangebot an Elektrizität. Da der Atomausstieg galt, ist in den vergangenen Jahren kräftig in neue Kapazitäten investiert worden. Momentan sind zehn Kohlekraftwerke im Bau, weitere sechs sind in Planung. Gleichzeitig wachsen die erneuerbaren Energien exponenziell. Wenn nun der Atomstromanteil dauerhaft gleich bleibt, steuern wir auf ein Überangebot in der Grundlast zu. Dann stellt sich die Frage: Wer muss zurückstecken? Einige Konzerne wollen offensichtlich, dass das die Erneuerbaren sind. Dann wäre die Atomkraft aber keine Brückentechnologie, sondern eine Verhinderungstechnologie.

Besonders die FDP will die Förderung der erneuerbaren Energie senken. Droht nicht wirklich die Gefahr einer Über-Subventionierung, etwa beim Solarstrom?

Die Effektivität der Förderung wird turnusmäßig überprüft; ihre Höhe kann gegebenenfalls auch nach unten angepasst werden. Man muss aber wissen: Das Erneuerbare Energien-Gesetz hat enorme Technologieverbesserungen und Kostensenkungen ausgelöst. Jetzt die Investoren zu verunsichern, würde die Ausbau-Dynamik bremsen.

Zurück zum Thema Atomkraft. Wenn die AKW durch fossile Kraftwerke ersetzt werden, steigt der CO2-Ausstoß. Das können Sie nicht bestreiten.

Derzeit wird der Atomstrom aber nicht durch Kohlekraftwerke ersetzt, sondern durch Ökostrom. Das ist auch für die Zukunft die richtige Strategie. Wenn man jetzt in neue Kohlekraftwerke einsteigt, prägt dies den Strommix für Jahrzehnte, weil die großen Blöcke 40 Jahre am Netz bleiben. Neue Klima-Studien besagen, dass die Industrieländer bis 2050 fast CO2-frei sein müssen. Das verträgt sich nicht mit einem hohen Kohle-Sockel.

Trotzdem: Die Stromlücke

ist leicht zuschließen. In den 2020er Jahren werden wir 25 bis 40 Prozent erneuerbare Energien haben, bis 2030 sind 50 Prozent leicht möglich. In der übernächsten Dekade können wir also nur noch Grundlast-Kraftwerke mit einer Kapazität von 25 bis 30 Gigawatt vertragen. Derzeit liefern die Atomkraftwerke 21,5 Gigawatt, die aktuell im Bau befindlichen Kohle-Blöcke werden zusätzliche zwölf Gigawatt bringen, nimmt man die geplanten Anlagen hinzu, sind es sogar 20 Gigawatt. Zusammen mit dem noch nicht erneuerungsbedürftigen Bestand an Kohlekraftwerken ergibt das Strom aus Grundlast-Kraftwerken im Überfluss.

Aber der viele Ökostrom fließt nicht kontinuierlich.

Das ist richtig. Deswegen muss auch der Kraftwerkspark flexibler werden und die Regelzonen für den Strom müssen wesentlich erweitert werden. Statt eines starren Angebots durch große Kraftwerksblöcke brauchen wir zum Beispiel flexible Gaskraftwerke oder einen verbesserten Verbund mit Skandinavien. Dort gibt es viele Kapazitäten in Pumpspeicherkraftwerken, die das überschüssige Stromangebot speichern können oder Strom kurzfristig erzeugen können, wenn die Windräder einmal still stehen.

Ist die Strategie, mehr Erdgas zu verbrennen, denn nicht ebenfalls gefährlich? Es steigert die Abhängigkeit etwa von Russland.

Nein, denn der Erdgas-Einsatz insgesamt muss nicht steigen. Der Verbrauch von Gas zu Heizzwecken sinkt ohnehin durch die laufende Wärmesanierung von Gebäuden. Außerdem sollten die Gas-Kraftwerke, wo immer möglich, mit Kraft-Wärme-Kopplung gebaut werden, also mit gleichzeitiger Nutzung der Abwärme. Das ersetzt Erdgas-Nutzung in Häusern und in der Industrie.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: die Rolle der umstrittenen CO2-Abscheidung.

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Datum:  5 | 10 | 2009
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