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Umweltexperte Flasbarth zur Atomkraft: "Deutschland kann in sechs Jahren aussteigen"

Ein Ende der Atomkraft bis 2017 ist möglich, davon ist Umweltamtschef Jochen Flasbarth überzeugt. Sehr viel höhere Strompreise seien dabei aber nicht zu erwarten. Ein Gespräch mit dem Energie-Experten.

"Auch ohne die acht AKW gibt es auf dem deutschen Strommarkt genügend Kapazitäten", versichert Jochen Flasbarth. Foto: ddp

Umfragen zeigen: Eine große Mehrheit der Bundesbürger will einen schnellen Atomausstieg. Übertriebene German Angst?

Nein, sie reagieren vernünftig. Viele Bürger erkennen, dass es mit den erneuerbaren Energien und mehr Energieeffizienz gute Alternativen zur Atomkraft gibt − und dass sie gut für unser Land sind. Wir müssen uns von gefährlichen Energieformen trennen und in die Alternativen investieren.

In anderen Ländern wächst zwar auch die Skepsis, aber sie kämen nicht auf die Idee, einen Schnellausstieg zu planen.

Das liegt unter anderem an der starken atomkritischen Tradition, die es bei uns seit den 70er Jahren gibt. Sie hat auch dazu geführt, dass in Deutschland die erneuerbaren Energien am weitesten entwickelt sind. Die Menschen sehen, dass man umsteigen kann – und zwar mit positiven Effekten für Wirtschaft und Arbeitsplätze. Auch Frankreich hat hohe Potenziale für Ökostrom. Mit 80 Prozent Atomanteil ist es aber so abhängig von Kernkraft, dass vielen dort die Fantasie für den Umstieg fehlt.

Kein Blackout zu befürchten

Bei uns sind derzeit im Moratorium acht alte AKW abgeschaltet. Sollten sie denn endgültig vom Netz gehen?

Sie können abgeschaltet bleiben. Wir müssen keinen Blackout befürchten.

Zur Person
Ein Blackout ist nicht zu befürchten, sagt Umweltamtschef Jochen Flasbarth.

Jochen Flasbarth wurde 2009 vom damaligen Umwelt- minister Sigmar Gabriel (SPD) zum Präsidenten des Umweltbundesamts berufen.

Der 49-Jährige engagierte sich seit den 70er Jahren in verschiedenen Umweltorganisationen. Von 1992 bis 2003 war er Präsident des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu). Anschließend avancierte der Diplom-Volkswirt zum Abteilungsleiter Naturschutz im Umweltministerium.

Auch nicht im Winter, wenn der Strombedarf hoch ist?

Nein. Im deutschen Strommarkt gibt es so große Kapazitäten, dass selbst bei höchstem Bedarf auch ohne die acht AKW noch genügend Kapazitäten da sind. Wir haben das genau analysiert. Den Spitzenbedarf in den letzten zehn Jahren hatten wir in den strengen Wintern 2002 und 2010 − mit rund 80 Gigawatt. Zur Verfügung stehen aber auch ohne die acht Anlagen 90,5 Gigawatt Leistung. Der Puffer reicht allemal.

Dann müssen alte Kohlekraftwerke wieder ans Netz, die einen hohen CO2-Ausstoß haben. Es ist wie Teufel oder Beelzebub...

Das kommt immer, ist aber falsch. Dass der Klimaschutz kippt, ist ein Märchen. Der CO2-Ausstoß steigt nicht, weil durch den EU-Emissionshandel eine feste Obergrenze vorgegeben ist. Die Energieversorger müssen allerdings mehr CO2-Zertifikate kaufen, wenn sie mehr Kohle- und Gaskraftwerke laufen lassen. Die Zertifikate sind heute noch relativ billig. Ihr Preis wird dadurch leicht steigen. Aber das ist kein Fehler, denn so steigt auch der Anreiz für die Unternehmen, schneller zu energiesparenden Technologien zu wechseln.

Kritiker sagen: Wir schalten ab und beziehen dafür Strom aus Schrottmeilern wie Temelin in Tschechien oder Fessenheim in Frankreich...

Wir müssen das nicht tun. Unsere eigenen Kapazitäten reichen. In einem liberalisierten Markt gilt aber die Regel: Strom wird dort gekauft, wo er am billigsten ist. Wenn man keinen Atomstrom im Netz haben will, muss man eine europäische Ausstiegsdebatte führen. Fukushima lehrt doch: Würde ein solcher Super-GAU in Europa geschehen, wären Nachbarländer mit betroffen.

Wärmesanierung forcieren

Wie schnell könnten wir aussteigen? Im rot-grünen Atomkonsens war 2022 angepeilt.

Wir können es bis zum Jahr 2017 schaffen.

Nicht allein mit Erneuerbaren.

Stimmt. Es sind derzeit bereits eine ganze Reihe Kohle- und Gaskraftwerke im Bau, die die Kapazitäten sukzessive übernehmen können. Die neun AKW, die derzeit noch Strom liefern, können dadurch nach und nach abgeschaltet werden. Um ganz auf der sicheren Seite zu sein, könnte es notwendig sein, einige zusätzliche Gaskraftwerk zu bauen. Das ist bis 2017 zu schaffen.

Keine Sorge, dass der Gaspreis dann stark steigt?

Nein. Wir können viel Erdgas einsparen, wenn gleichzeitig die Wärmesanierung forciert wird. Das müssen wir zum Klimaschutz sowieso tun. Da ist die Politik gefragt. Unter dem Strich müsste der Verbrauch dann nicht steigen

Was bedeutet der Ausstieg denn für den Strompreis?

Ich erwarte keine großen Preisveränderungen. Die Abschaltung der acht alten AKW hat die Preise bisher kaum steigen lassen. Sollten die Stromversorger die Preise anheben, müsste man sich die Argumente, die sie dafür anführen, genau anschauen.

"Wir brauchen einen Dialog"

Der Ökostromanteil könnte laut Umweltbundesamt bis 2020 bereits nahe 40 Prozent liegen. Die Widerstände gegen neue Stromtrassen und Speicherseen sind aber groß. Was tun?

Es geht nicht par ordre de mufti. Wir brauchen einen intensiven Dialog, damit klar wird, was geschehen muss, und eine gute, sensible Planung für Netz- und Speicherausbau. Ich setze große Hoffnungen in die Umwelt- und Naturschutzverbände. Sie haben den Atomausstieg und die Energiewende immer gefordert. Sie müssen nun auch mitwirken, wenn es um die Umsetzung geht.

Politiker fordern eine Planungsbeschleunigung.

Das ist gut, wenn es um den Vorlauf der Planung geht. Wenn damit gemeint ist, die Beteiligungsrechte der Bürger zu kappen, kann ich davor nur warnen. Das würde nicht zur Beschleunigung, sondern zur Verzögerung und zu weniger Akzeptanz führen.

Interview: Joachim Wille

Datum:  11 | 4 | 2011
Kommentare:  22
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