Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

07. Januar 2014

Uran-Abbau: Brasiliens strahlende Zukunft

 Von 
Der Brennstoff der Uran-Mine versorgt Barasiliens Atomkraftwerk in Angra dos Reis.  Foto: dpa

Im Nordosten befindet sich die einzige Uran-Mine Südamerikas. Eine zweite ist in Planung und soll die Gewinnung des radioaktiven Materials versechsfachen. Damit will das Land seine Exportchancen erhöhen.

Drucken per Mail
Rio de Janeiro –  

Aus einer Halde voller Schotter Uran herauslösen – wie muss man sich das als Laie vorstellen? „So wie wenn Sie heißes Wasser auf Kaffeepulver gießen“, antwortet Luiz Alberto Gomiero ungerührt, der Vizedirektor von Lateinamerikas einziger Uran-Mine, „schon haben Sie Ihren Kaffee!“

Ja, so ähnlich ist es: Uranhaltiges Gestein wird auf Haselnussgröße zerkleinert und mit Schwefelsäure übergossen; was da unten herausfließt, nennen die Fachleute hier „licor de urânio“. Dieser Uran-Likör wird chemisch gesäubert und konzentriert, und bis zu dieser Stufe, sagt Gomiero, „sind wir nur ein Steinbruch mit Chemiefabrik“. Die Atomanlage beginne erst danach: Wenn dem verdickten Uran-Likör alle Flüssigkeit entzogen ist und der gelbe Staub entstanden ist, für den sich die Atomindustrie den fröhlichen Namen „yellow cake“ hat einfallen lassen.

Seit Menschengedenken ist Brasiliens Sertão eine Landschaft voll Tod und Tragik, weil mörderische Dürren zeitweise alles Leben auszulöschen drohen. Heute schickt der Staat Wasserwagen, die Not ist gemildert, aber Arbeit in der Landwirtschaft, so wie früher, gibt es immer weniger. Und hier, nahe der Kleinstadt Caetité, zwölf Stunden Busfahrt westlich von Salvador da Bahia, werden die 400 Tonnen Uran erzeugt, die, in Kanada und Frankreich angereichert, genug Brennstoff für Angra 1 und 2 ergeben, Brasiliens bisher einzige Atomkraftwerke.

Der Staatskonzern INB, der die Mine betreibt, bietet rund 560 Jobs, zum Großteil über Fremdfirmen, und wer einen ergattert hat, schwärmt gerne so wie Neuzete dos Santos, Hilfskraft im Labor: „Was würden wir nur machen ohne die INB! Früher sind die Männer zur Zuckerrohrernte nach Südbrasilien gegangen, diese Leidensfahrten haben jetzt endlich ein Ende!“

In Terrassenstufen, über die die Lastwagen heraufkeuchen, senkt sich die Grube Cachoeira 150 Meter in die Tiefe. Bisher wird das Gestein – zwei Millionen Tonnen pro Jahr, ein Zehntel davon enthält Uran – nur im Tagebau gebrochen. Einen Stollen, der sich wie ein Korkenzieher um ein lotrecht abfallendes Vorkommen in die Tiefe winden würde, mag die Aufsichtsbehörde, die Nationale Atomenergie-Kommission CNEN, der Belüftungsprobleme wegen nicht genehmigen.

Sodass in Cachoeira und einer Grube nebenan vorerst nur über Tag abgebaut wird. Die INB steht zwar im Ruf einer miserablen Informationspolitik, aber Gomiero und sein Chef Hilton Mantovani nehmen sich jede Menge Zeit, um die Anlage zu zeigen. Und sie beteuern natürlich, dass sie die Umweltauflagen ebenso strikt befolgen wie die Sicherheitsvorschriften.

Mantovani fallen nur „vier außergewöhnliche, aber nicht gefährliche“ Zwischenfälle seit Beginn der Förderung im Jahr 2000 ein. Es werde viel geredet und übertrieben, und was die Firma auch immer kommuniziere, werde stets verdreht. Für Mantovani zählt nur eins: Weder die CNEC noch die Naturschutzbehörde Ibama hätten der Mine je die Betriebserlaubnis entzogen. Obwohl es mit dem Ibama gelegentlich „schwere Probleme“ gebe, aber nie wegen radioaktiver Strahlung.

Verseuchte Brunnen legen Landwirtschaft lahm

Bei den Ausspülungsprozessen, die den Uran-Likör immer reiner machen, füllen sich riesige Becken mit Abwässern. „Wir können es uns gar nicht leisten, irgendwas in die Natur zu entlassen, dazu ist Wasser viel zu knapp“, sagt Gomiero. Die Becken seien mit Spezialmatten ausgekleidet, die auf einer kompaktierten Tonschicht lagern; da könne gar nichts in den Boden dringen.

Obwohl recycelt wird, müssen pro Stunde zehn bis zwölf Kubikmeter Wasser hinzugefügt werden, also an die 300 pro Tag – viel in einer Gegend, die ein halbes Jahr lang grau in grau in der Hitze brütet, wenn kein Blatt mehr grünt. Unter anderem kommt das Wasser aus 160 Brunnen, die INB nicht nur auf den eigenen 1800 Hektar, sondern in der Nachbarschaft hat bohren lassen.

Wenn man bei Elenilde Alves Cardoso aus dem Küchenfenster schaut, sieht man in der Ferne die grauen Abraumhalden inmitten der Buschlandschaft. Sie ist Gesundheitsberaterin in Riacho de Vaca, und sie ist nicht froh, dass die Mine der Nachbar der 47 Familien dieser Gemeinde ist. Was sie von den Brunnen sagt, hört sich nach Bauernlegen an. Die INB habe wer weiß was versprochen, um auf den fremden Grundstücken bohren zu dürfen, aber nichts gehalten: „Wir wissen nicht mal, ob das Wasser verseucht ist. Manche Brunnen versiegeln sie, ohne uns ein Wort zu sagen“.

„Landwirtschaft gibt es praktisch gar nicht mehr, das Wasser langt einfach nicht“, sagt sie bitter. Aber das war doch immer knapp? – „Schon, aber durch die INB hat sich das so verschärft, dass wir nichts mehr anbauen, selbst das Vieh hungert!“ Der Ort lebt heute praktisch von Renten und Sozialhilfe.

Florisvaldo Cardoso sitzt auf einem seiner Zentnersäcke Maismehl. Daneben steht, unter einem Heiligen-Bild mit Christbaumkugel, seine Honda. „Der Aufkäufer zahlt mir nur 100 Reais“ – rund 30 Euro – „für 50 Kilo, weil er sagt, es sei wegen der Mine schwer abzusetzen“, klagt er, „aber natürlich verschweigt er seinen Kunden, dass das Mehl von hier ist!“

Und so, sagt Florisvaldo, entgehen ihm 50 Reais pro 50 Kilo. „Verkaufen und weggehen kann ich nicht, das Land will ja niemand“, fügt er hinzu, „höchstens die INB, aber die zahlt nur einen Spottpreis“. Mag sein, dass Mantovani sich nur an vier Zwischenfälle erinnert. Ein Bericht, den die Menschenrechtsgruppe Dhesca 2011 erstellen ließ, listet mindestens ein Dutzend weitere auf, und auch nach 2011 ging es munter weiter.

Fünf Millionen Liter Uran-Likör in die Landschaft gelaufen, uranhaltige Flüssigkeit im Riacho de Vaca festgestellt, Matten des Auffangbeckens gerissen, 900 Liter Uran-Likör aus gebrochenem Rohr gelaufen, Betriebsstopp wegen eines Einsturzes in der Mine, Wachmann am Ende einer Zwölf-Stunden-Schicht in ein Auffangbecken gefallen, Arbeiter ohne Schutzmasken, aber mit gelben Nasenlöchern – so lauten die Vorwürfe.

Bevor die INB kam, hat niemand die Krebshäufigkeit ermittelt, sodass es keinen Vergleichswert gibt. Immerhin: Demnächst soll Caetité eine onkologische Spezialklinik bekommen.

Zum Skandal kam es 2008, als Greenpeace aus acht Brunnen Proben zog und in England untersuchen ließ: Eine wies eine siebenmal höhere Urankonzentration auf als der von der Weltgesundheitsorganisation angegebene Höchstwert, eine zweite eine doppelt so hohe. Aber die Aufregung flachte bald ab. Die Bewegung der INB-Gegner vor Ort ist winzig.

Der Bürgermeister von Caetité ist bei der INB angestellt. Ein rühriger Priester, der der Firma auf die Nerven ging, wurde nach Todesdrohungen abgezogen. Caetité liegt fernab von allem. Und die Gesellschaft steht der Atomkraft neutral oder wohlwollend gegenüber, weil sie als der Entwicklung dienend gepriesen wird. Über Nachteile oder Gefahren wird nicht groß diskutiert. Was mit dem Atommüll geschieht, scheint nicht einmal die Experten zu kümmern.

Dabei schickt sich Brasilien an, seine Atomwirtschaft kräftig zu erweitern. Zurzeit wird ein atomgetriebenes U-Boot gebaut. 2018 soll der dritte Reaktor in Angra, 150 Kilometer westlich von Rio de Janeiro, ans Netz gehen, und 2030 will Brasilien weitere vier Meiler gebaut haben. Parallel dazu wird die Uranförderung in den nächsten Jahren gesteigert.

In Caetité will die INB die Produktion verdoppeln, 350 Millionen Dollar werden in die Erschließung einer neuen Mine in Ceará, weiter im Norden, gesteckt. Sodass Brasilien von 2022 nicht wie heute 400, sondern 2400 Tonnen Uran erzeugen wird. Für den Eigenbedarf ist das zu viel – schon seit 2011 sondieren die Brasilianer ihre Exportchancen.

Die Atomwirtschaft in Brasilien ist staatlich

In den Neunzigern war Uran billig, analog zum Öl und weil die Waffenarsenale der Sowjetunion aufgelöst wurden. Zwischen 2000 und 2007 verzehnfachte sich, grob gesagt, der Preis von Yellow Cake. Aber den Brasilianern geht es nicht um das Geschäft mit dem Uran auf relativ geringer Verarbeitungsstufe. Sie wollen es angereichert verkaufen.

Den Produktionszyklus beherrschen sie längst. Bisher sind bloß die Mengen zu klein für die industrielle Produktion; bei höherem Eigenbedarf plus Export sähe das anders aus. Brasilien hat die sechstgrößten Uran-Vorkommen der Welt, aber erst 30 Prozent des Landes wurden prospektiert. Und der Markt ist groß: Zurzeit werden weltweit 77 Atommeiler gebaut.

Die Militärs forcierten in den 70ern das Atomprogramm. Dass Brasilien die Bombe will, unterstellt heute kaum noch jemand. Misstrauen und Kritik weckt jedoch der verfilzte Atomsektor. Während in Europa der Staat die private Atomwirtschaft kontrolliert, ist in Brasilien alles staatlich, mit absurden Folgen: Die CNEN beaufsichtigt die INB und ist zugleich ihr Besitzer. „Völlig überholt“ sei die Atomgesetzgebung, schimpft Minen-Vize Gomiero. Diese „Promiskuität“ wird Brasilien international immer wieder vorgehalten – ein Hindernis, wenn man auf den Weltmarkt will.

Zwei Flugstunden weiter südlich wächst, vor einer tropischen Kulisse von Dschungel und Meeresbuchten, Angra 3 in einem Wald von Kränen empor. Brasilien dritter Meiler wurde in den Achtzigern geplant, dann ging das Geld aus, obwohl Siemens und KWU schon jede Menge Material angeliefert hatten. 13 500 Tonnen davon wurden eingelagert. Seit 2010 wird weitergebaut. Zurzeit ist der Vier-Milliarden-Euro-Meiler, ein modernisiertes Duplikat von Angra 2, zu gut der Hälfte fertig.

„Die Deutschen werden schwer bezahlen müssen für ihren Fehler“, unkt Angra-Chef Othon Luiz Pinheiro; für die Energiewende herrscht hier gar kein Verständnis. Wie alle Offiziellen rechnet Pinheiro, als könnte es gar keine Grenzen des Wachstums geben, den in letzter Zeit um jährlich 4,9 Prozent gestiegenen Stromverbrauch auf die Zukunft hoch. „Saubere Energie für die Entwicklung“, so steht es in der Halle der KWU-Turbine von Angra 2.

Wozu Brasiliens atomare Promiskuität führt, zeigt Angra 2: Der Meiler, 2000 ans Netz gegangen, funktionierte bis vor kurzem ohne Betriebsgenehmigung, unter anderem weil die Pläne für den Not- und Evakuierungsfall gravierende Mängel hatten – es gab über mehr als ein Jahrzehnt hinweg immer nur provisorische Lizenzen.

Die Dauergenehmigung wurde erst erteilt, nachdem der Technologie-Minister 2011 entsetzt merkte, wie prekär die juristische Basis des Atomkraftwerkes war. Der verantwortliche CNEN-Chef wurde gefeuert. Aber die gewundene Küstenstraße, über die die 170 000 Einwohner der Stadt Angra fliehen müssten, ist immer noch so eng und verstopft wie eh und je.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Spezial

Schafft Deutschland die Energiewende - und die Atomkraft ab? Bringen die alternativen Quellen genug Leistung? Und schaffen die Netze die Verteilung? Das Spezial.

Beziehen Sie schon Ökostrom?

Der Atomausstieg soll 2022 Realität werden. Aber schon heute gibt es die Möglichkeit, Ökostrom zu beziehen? Sind Sie schon umgestiegen?

Ja, ich beziehe Ökostrom.
Weiß nicht, ich beziehe grundsätzlich den günstigsten Strom.
Weiß nicht, ist mir auch egal.
Nein, ich halte Ökostrom für den falschen Weg.
Der Atomausstieg
Nachgefragt

Schon 1946 wurde das erste Mal darüber nachgedacht, welches Symbol für die neue Energieform steht. Wir haben nachgefragt.

Anzeige

Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Atommüll-Endlager
Schacht Konrad - Das ehemalige Erzlager soll 2019 den Betrieb als Endlager für Atommüll aufnehmen. Geplant ist, 90 Prozent des gesamten Volumens der radioaktiven Abfälle in Deutschland zu lagern.

Der Bau des Endlagers für Atommüll wird voraussichtlich erst 2019 fertig. Es drohen Zusatzkosten von bis zu einer Milliarde Euro. Zur Grafik...