Jürgen Großmann ist ein guter Gastgeber, darauf hält er viel. Einen Rotwein, wie sonst üblich, wird er Angela Merkel allerdings heute nicht anbieten. Immerhin: Großmann, der Chef des Essener Energieriesen RWE und mit mehr als zwei Metern Körperlänge selbst einer, darf heute der Kanzlerin für dreieinhalb Stunden sein Atomkraftwerk „Emsland“ in Lingen zeigen. Und die Gasturbine nebenan gleich mit. Die Bundeskanzlerin mag Großmann eigentlich, sie „vertraut“ ihm sogar, sagte sie einmal. Doch das hat sich geändert.
Die Atomkonzerne mit Jürgen Großmann an der Spitze und die Kanzlerin, sie haben sich innerhalb kurzer Zeit entfremdet. Die Stromriesen sind entsetzt über das hin und her in der Regierung. Wie viele Jahre die Kraftwerke länger laufen sollen als im Atomausstieg vorgesehen, ob es bei 2,3 Milliarden Euro Abschöpfung pro Jahr bleibt oder noch weitere Kernkraftgewinne einkassiert werden sollen, das ist einen Monat, bevor das groß angekündigte Energiekonzept vorgestellt werden soll, immer noch unklar.
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Aber auch Merkel ist wütend. Großmann hat einmal gesagt: „Wenn ich sauer bin, zeige ich es auch. Aber das ist eine Viertelstunde später wieder vorbei.“ Möglicherweise ist er einem solchen Impuls gefolgt, als er und andere Wirtschaftsbosse per Zeitungsanzeige einen Appell an die Regierung richteten, der für längere Laufzeiten wirbt und ihn kaum verblümten Worten die Regierung zu einer konzernfreundlichen Politik aufforderte: Weniger Steuern, längere Laufzeiten. Merkel sagte dazu, sie reagiere mit einer „totalen Gegenbewegung“ auf derartigen Druck.
Aber so ist der 58-jährige Großmann, Spitzname „Grossi“, nun einmal. Bei Großmann zuhause, erzählt er selbst, gibt es keine Sofas, sondern nur Bänke. Wagemut, der an Frechheit grenzt, das ist seine beste Eigenschaft, und sie hat ihm gleich zwei Karrieren geschenkt: Erst gelang ab 1993 die Sanierung auf eigene Faust des Stahlkonglomerats Georgsmarienhütte aus Niedersachsen. Er kaufte die Hütte für zwei Mark von seinem vorigen Arbeitgeber Klöckner und sanierte sie. Das hat ihn zum Milliardär gemacht. Seitdem ist er unter deutschen Managern so etwas wie ein Popstar, der wilde, große Großmann.
Zu unkonventionell für einen Chefdiplomaten
2007 dann wurde er überraschend auf den Chefposten bei RWE berufen, den er bis 2012 behalten will. Er ist nun wieder Angestellter, wenn auch mit mehr als sieben Millionen Euro pro Jahr einer der bestbezahlten in Deutschland. Das Geld hat er nicht nötig. Doch Großmann liebt die Macht. In der Branche galt er damals als mutige, aber gute Wahl, vor allem Dank guter Verbindungen in die Politik.
Als Chefdiplomat, das hat sich in den vergangen drei Jahren immer wieder gezeigt, taugt er allerdings nur eingeschränkt. Dafür ist er zu unkonventionell und widersprüchlich. Großmann kann sehr einnehmend sein, wenn er jedem, der in seine Nähe kommt, die großen, warmen Hände zur Begrüßung entgegenstreckt. Es wirkt mit ganzer Seele engagiert wie bei keinem anderen Energieboss, wenn er mit unordentlichen Haaren und übers Hemd gestreiftem Protestshirt mit seiner Belegschaft für Kernenergie demonstrieren geht. Betrieblich hat er RWE gut im Griff, die Gewinne stimmen.
Es gibt aber auch den unberechenbaren Großmann, der schlecht als Gravitätspunkt an die Spitze eines Konzerns mit 48 Milliarden Euro Umsatz, drei AKW-Standorten und 70 000 Mitarbeitern passt. In einem Interview sprach er offen darüber, dass er ein kleines Rotweinproblem hatte, das offenbar sogar schon sein Erinnerungsvermögen angriff. Ob Scherz oder nicht: Das befremdet Deutschlands Wirtschaftselite. In der Branche machte man sich im Frühjahr über ihn lustig, als er einer jungen ARD-Reporterin auf die dritte Nachfrage verriet, was eigentlich nach Abmachung keiner sagen sollte: Dass die Energiekonzerne eine Abschöpfung von 45 bis 55 Prozent der Zusatzgewinne von Atomkraftwerken für akzeptabel halten. Großmann, so wünschen sich selbst RWE-Mitarbeiter, sollte öfter einfach nur still sein.
Und manchmal fortschrittlicher. Die Chancen der erneuerbaren Energien hat Großmann nicht voll erkannt. Zwar baute er mit Innogy eine Ökostrom-Tochter auf, die immerhin pro Jahr mehr als eine Milliarde Euro investiert. Die Brücke Atomkraft aber, sagt Großmann, müsse so lang und breit gemacht werden, bis „wir in eine neue Energiewelt eintauchen“. Nein, Ökostrom meint er nicht. Sondern das ferne Ziel Fusionsenergie.
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