Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Energiewende
Nachrichten zur Energiewende

11. Januar 2012

Wärme-Effizienz: Die Energiewende scheitert im Heizungskeller

 Von Jakob Schlandt
Der Energiebedarf der deutschen Heizungen ist gewaltig.  Foto: dapd

Der Einsatz von Öko-Energie in Gebäuden stagniert, auch die Wärmesanierung kommt nicht voran. Für die unwillige Bundesregierung bahnt sich ein Desaster an.

Drucken per Mail

Der Einsatz von Öko-Energie in Gebäuden stagniert, auch die Wärmesanierung kommt nicht voran. Für die unwillige Bundesregierung bahnt sich ein Desaster an.

Wer an die Energiewende denkt, hat meist eines vor Augen: Windräder statt Atom-Meiler. Auch in der Politik scheint sich fast jede Diskussion um Elektrizität zu drehen. Außer Acht gelassen wird dagegen sehr oft, wie gewaltig der Energieverbrauch ist, um Deutschlands Häuser warm zu halten. 40 Prozent der Energie wird für die Klimatisierung von Gebäuden verbraucht, so entsteht ein Drittel der Kohlendioxid-Emissionen. Und: Die Vermeidung einer Tonne Kohlendioxid bei der Stromerzeugung kostet im Vergleich dazu ein Vielfaches. Dämmplatten, Solarthermie und Wärmepumpen sind also weit effektivere Klimaschützer als Windrad, Photovoltaikanlage und Elektro-Flitzer.

Doch die Bundesregierung vernachlässigt den Wärmemarkt sträflich. Vorhaben versanden oder werden im Streit um die Finanzierung zerrieben. Die grüne Wärme-Wende ist deshalb in Gefahr. Die Ambitionen der Regierung sind dabei nicht das Problem. Denn sie hat sich drei vernünftige Ziele gesetzt: Bis 2020 sollen 14 Prozent der Wärmeenergie aus erneuerbaren Quellen stammen. Der Wärmebedarf soll bis dahin um 20 Prozent sinken (wobei das Vergleichsjahr nicht genannt wird). Und schließlich soll die Sanierungsrate bereits gebauter Häuser von derzeit einem auf zwei Prozent steigen. 2050 soll dann quasi die gesamte Wärmeversorgung mit Öko-Quellen gedeckt werden.

Dafür fehlt es allerdings an Taten. Im Augenblick sind statt Fortschritten sogar Rückschläge zu vermelden. Der Frankfurter Rundschau liegt eine aktuelle Erhebung des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE) vor, nach der der Anteil erneuerbarer Energien am Wärmemarkt zuletzt leicht gesunken ist. Er lag demnach 2011 bei 10,1 Prozent. 2010 waren es noch 10,2 Prozent. 2009 wurden 9,2 Prozent erreicht. Offenbar ist die Zahl der grünen Wärmequellen zuletzt kaum gestiegen, der Wärmebedarf insgesamt aber schon.

Nun reicht es Verbraucherschützern, Umweltverbänden und der Öko-Energie-Lobby. Mit dramatischen Appellen fordern sie die Regierung auf, die Energiewende endlich auch im Wärmebereich einzuleiten. Björn Klusmann, Geschäftsführer des BEE, sagt: „Am Wärmemarkt bahnt sich ein Desaster an. Wenn die Bundesregierung das Thema nicht schleunigst zur Chefsache erklärt, dann droht die Energiewende daran zu scheitern.“

Millionen Akteure auf dem Wärmemarkt

Der Präsident des Naturschutzbundes Nabu, Olaf Tschimpke, sagt: „Die angebliche Energiewende der Bundesregierung geht am Wärmemarkt völlig vorbei.“ Dabei ist der der Schüssel für das Erreichen der Klimaschutzziele. Beim Nabu hieß es weiter, das „jetzige Chaos der politischen Steuerung“ führe dazu, dass die Klima- und Energieziele bei den Gebäuden definitiv verfehlt würden, eine Studie des Verbandes untermauere dies. Und auch Holger Krawinkel, Energieexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (VZBV), sagt: „Die Politik scheint derzeit nicht in der Lage zu sein, die nötige Wende am Wärmemarkt einzuleiten.“

Woran hapert es konkret? Der Wärmemarkt ist hochkomplex, weil er von Millionen Akteuren, vom Häuslebauer bis zum Heizungsfachmann, bestimmt wird. Einfluss nehmen kann die Bundesregierung darauf vor allem mit dem Erneuerbare-Energien-Wärme-Gesetz. Das von Norbert Röttgen (CDU) geleitete Bundesumweltministerium sollte eigentlich bis Ende vergangenen Jahres einen Bericht darüber vorlegen und Vorschläge machen, wie der Markt endlich in Gang kommen kann. Doch bislang heißt es: Fehlanzeige. Das Dokument ist offenbar noch nicht einmal an die anderen beteiligten Ministerien weitergereicht. Wann es im Kabinett landet, das der Veröffentlichung zustimmen muss, ist offen.

Drei Wege sind in dem Papier laut Ministeriumskreisen ausgearbeitet, um der Erzeugung grüner Wärme auf die Sprünge zu helfen. Zum einen könnte es mehr Vorschriften geben, da bislang nur in Neubauten erneuerbare Energien zum Einsatz kommen müssen. Das Ministerium denkt aber auch über weitere ordnungsrechtliche Eingriffe nach – beispielsweise beim Gesetz über Emmissionsgrenzen. Das würde eine Absenkung er Feinstaubgrenzwerte für Öfen, Kamine und für Zentralheizungen bedeuten. Solche verpflichtenden Maßnahmen sind bei den Hausbesitzer-Verbänden jedoch äußerst unbeliebt.

Zweite diskutierte Möglichkeit: Die Förderprämien für erneuerbare Wärme werden erhöht, etwa der staatliche Zuschlag, wenn eine Holzpellet-Heizung eingebaut wird. Das aber wird der Finanzminister nicht gerne hören, aus dessen Kasse das Markt-Anreiz-Programm finanziert wird. 2010 hatten Haushaltskürzungen die Förderung zum Erliegen gebracht und das Vertrauen der Investoren zerstört.

1 von 2
Nächste Seite »

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Spezial

Schafft Deutschland die Energiewende - und die Atomkraft ab? Bringen die alternativen Quellen genug Leistung? Und schaffen die Netze die Verteilung? Das Spezial.

Beziehen Sie schon Ökostrom?

Der Atomausstieg soll 2022 Realität werden. Aber schon heute gibt es die Möglichkeit, Ökostrom zu beziehen? Sind Sie schon umgestiegen?

Ja, ich beziehe Ökostrom.
Weiß nicht, ich beziehe grundsätzlich den günstigsten Strom.
Weiß nicht, ist mir auch egal.
Nein, ich halte Ökostrom für den falschen Weg.
Der Atomausstieg
Nachgefragt

Schon 1946 wurde das erste Mal darüber nachgedacht, welches Symbol für die neue Energieform steht. Wir haben nachgefragt.

Anzeige

Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Atommüll-Endlager
Schacht Konrad - Das ehemalige Erzlager soll 2019 den Betrieb als Endlager für Atommüll aufnehmen. Geplant ist, 90 Prozent des gesamten Volumens der radioaktiven Abfälle in Deutschland zu lagern.

Der Bau des Endlagers für Atommüll wird voraussichtlich erst 2019 fertig. Es drohen Zusatzkosten von bis zu einer Milliarde Euro. Zur Grafik...