Der Ausbau der Windkraftnutzung auf den deutschen Meeren kommt nicht voran. Auch beim größten deutschen Stromerzeuger Eon ist die Realisierung Zukunftsmusik. "Noch sind keine finalen Investitionsentscheidungen gefallen", räumte ein Sprecher des Düsseldorfer Unternehmens ein.
Damit besteht sogar die Möglichkeit, dass der Konzern mittelfristig keines seiner vier genehmigten Projekte in der deutschen Nord- und der Ostsee baut, auch wenn der Sprecher dieses Szenario als unwahrscheinlich bezeichnete.
Eine Entscheidung für oder gegen die Parks solle dieses Jahr fallen. "Wir wollen erst noch mehr Erfahrungen mit unserem Pilotwindpark Alpha-Ventus sammeln", sagte er. Das mit Partnern aus der Energiewirtschaft realisierte und vom Umweltministerium subventionierte Forschungsprojekt produziert seit Herbst vergangenen Jahres in der Nordsee den ersten deutschen Offshore-Windstrom.
Er ist mit 60 Megawatt Leistung allerdings nur ein Viertel so groß wie vergleichbare kommerzielle Parks im Ausland. In dänischen und britischen Gewässern betreibt und baut der Konzern dagegen mehrere kapazitätsstarke Windparks.
Bei der Essener RWE Innogy ist zwar mittlerweile die Entscheidung zum Bau des ersten Hochsee-Windparks nordwestlich von Helgoland gefallen. Anders als in Großbritannien wird RWE aber vor 2013 über dem deutschen Meer keinen Strom erzeugen.
"Innerhalb der Konzerne gibt es zum Ausbau der Windkraft unterschiedliche Positionen und Interessen", sagt Windenergie-Analyst Arndt Krakau von der HSH Nordbank. "Es scheint noch offen, welche Option sie spielen." Denn bei den Verhandlungen über die Gestaltung der Energiepolitik eignen sich die geplanten großen Regenerativ-Kraftwerke ideal als Manövriermasse. Das gilt insbesondere für die Verhandlungen mit der Bundesregierung über die Verlängerung der Laufzeiten für die Atommeiler.
Dazu kommt, dass sich Windstrom vom Meer und Atom- und Kohlestrom auf dem Land künftig ins Gehege kommen können, etwa wenn Kohlekraftwerke bei schwacher Stromnachfrage heruntergefahren werden müssen, weil die erneuerbare Energie bei der Einspeisung in das Stromnetz gesetzlich Vorrang genießt.
Deshalb ist es kein Wunder, dass unter den großen deutschen Konzernen die Karlsruher Energie Baden-Württemberg (EnBW) bei der Offshore-Windkraft die Nase vorn hat. Sie besitzt im Norden, wo der Hochsee-Windstrom an Land kommt, keine konkurrierenden Kraftwerke.
Die Windkraft-Tochter kann ihre Pläne zum Bau zweier Parks in der Ostsee daher zügig voranbringen. Auch Electricité de France (EdF), die EnBW-Muttergesellschaft, unterstütze die Projekte, um im deutschen Norden Fuß zu fassen, heißt es bei EnBW. Ende des Jahres könnte der erste EnBW-Offshorepark in Betrieb gehen.
Als erster von der Strombranche unabhängiger Projektentwickler plant die Emdener Firma Bard mit Unterstützung internationaler Banken noch 2010 den Bau eines Parks 90 Kilometer nordwestlich von Borkum.
Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie genehmigte die ersten Offshore-Projekte in Deutschland 2002. Insgesamt hat es 21 Vorhaben in der Nordsee und drei in der Ostsee gebilligt. Zwei Drittel der Genehmigungen liegen in der Hand großer Energiekonzerne.