Premiere für Deutschland: Dieser Tage beginnen in der Nordsee die Bauarbeiten für den ersten kommerziellen Windpark im heimischen Meer, der ab Sommer Ökostrom liefern will. Die mittelständische Ingenieursfirma Bard Engineering aus Bremen will im laufenden Jahr 40 bis 50 Windturbinen 100 Kilometer nordwestlich von Borkum im Meer verankern.
Bisher steht in deutschen Gewässern nur ein von der Bundesregierung geförderter Pilotwindpark der Energiekonzerne Eon, Vattenfall und EWE, der mit zwölf Turbinen und einer Leistung von 60 Megawatt (MW) deutlich kleiner ist als kommerzielle Projekte.
Vor den britischen Inseln drehen sich dagegen die Flügel von Anlagen mit insgesamt 900 MW in zwölf Parks. Kein anderes Land setzt so stark auf die Offshore-Windenergie wie Großbritannien und konkurriert massiv um Kapital, Rohstoffe und Maschinen. "Die Briten tun alles, um beim Offshore-Wind die Nase vorn zu haben", sagt Norbert Giese, Offshore-Chef des Hamburger Turbinenbauers Repower.
Deutsche Energiekonzerne helfen kräftig mit: Von rund 1000 MW Offshore-Leistung, die der Eon-Konzern betreibt oder baut, befinden sich gut 75 Prozent vor Großbritannien. Aber erst Mitte 2011 werde der Konzern entscheiden, ob Eon sein erstes deutsches Nordseeprojekt verwirklicht, so Ralf Lamsbach von Eon Climate & Renewables.
In Großbritannien werden zwar mit 14 bis 15 Cent je Kilowattstunde Vergütungen wie in Deutschland bezahlt. Doch gibt es dort einige Projekte in Sichtweite zu den Küsten, die schneller realisiert werden können als in deutlich tieferem Wasser geplante deutsche Vorhaben.
Zudem sind Stromkonzerne, zu denen auch Eon und RWE zählen, anders als in Deutschland verpflichtet, einen wachsenden Anteil der Erzeugung mit regenerativen Quellen zu decken. Die britische Regierung hat mehr als 30.000 MW konkrete Projekte angestoßen.
In Deutschland wurden 25 Projekte vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie genehmigt, deren Kapazitäten kaum bei der Hälfte liegen. Weitere 69 Vorhaben warten auf die Bearbeitung bei der laut Branchenexperten "unterpersonalisierten" Behörde.
Wenn die nächste Welle an britischen Offshore-Projekten ab 2012 anläuft, dürfte es auch bei Zulieferern eng werden. So gibt es laut Karl Klös-Hein, Geschäftsführer des mittelständischen Stahlverarbeiters EEW, nur drei Hersteller von Stahlblechen für Offshore-Konstruktionen in Europa, darunter die deutschen Firmen Dillinger Hütte und Salzgitter Stahl.
Deren Jahreskapazitäten lägen aber noch unter dem allein für Großbritanniens Windparks prognostizierten Bedarf. Knappheiten drohen zudem bei Spezialschiffen, die Windturbinen auf dem Meer errichten. Kein Problem für Bard: Die Firma hat schon ein solches Schiff und baut wesentliche Komponenten selbst.
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