2009: Akten-Gau als Wende?
Der Atomkonsens von 2000 hatte den nuklearen Dauerkonflikt in der Bevölkerung entschärft - das räumen hinter vorgehaltener Hand auch Atomlobbyisten ein. Es gab weniger Atomtransporte, denn die abgebrannten Brennstäbe werden in neu gebauten Zwischenlagern an den Kraftwerken selbst abgestellt.
Nur aus der französischen WAA-Atomfabrik in La Hague fuhren regelmäßig Castor-Transporte mit den strahlenden WAA-Altlasten nach Deutschland - ins zentrale Zwischenlager Gorleben, das seit 1984 ganz in der Nähe der Schachtanlage betrieben wird. Hier ging es traditionell heiß her. Auch noch 2001, als der erste Castor-"Sixpack" unter rot-grüner Verantwortung herangefahren wurde. Doch auch dieser Protest erlahmte zusehends. Der Gorleben-Protest wurde müde. Resignation breitete sich aus im Wendland.
Das änderte sich erst wieder, als konservative und liberale Politiker in jüngerer Vergangenheit eine Atom-Renaissance einläuteten - mit längeren AKW-Laufzeiten plus Gorleben-Erkundung. Im Herbst 2008 gab es nach der langen Pause erstmals wieder erbitterte Kämpfe um die Transporte nach Gorleben. Jetzt, im Wahljahr 2009, der vorläufige Höhepunkt: 50 000 Anti-AKW-Demonstranten, die in Berlin den Atomausstieg forderten. Für manche fast eine Zeitreise drei Jahrzehnte zurück, als Ernst Albrecht sein einsames Votum für das "Entsorgungszentrum" in Gorleben gegen alle Bedenken durchsetzen wollte.
Seit die Akten-Manipulationen aus der Kohl-Ära bekannt wurden, bröckelt bei der Union die Front derer, die Gorleben mit der Brechstange durchsetzen wollen. Schließlich könnten peinliche Dinge heraus kommen, wenn ein von SPD und Grünen erwogener Bundestags-Untersuchungsausschuss in der neuen Legislaturperiode die Gorleben-Historie ausleuchtet. Absetzbewegungen sind erkennbar: Als erste CDU-Ministerin sprach sich die baden-württembergische Umweltministerin Tanja Gönner dafür aus, parallel zum Salzstock an der Elbe auch andere Standorte zu untersuchen. Sollte sich Gorleben als ungeeignet erweisen, lasse sich eine Alternative "nicht aus dem Hut zaubern", sagt sie. "Wir müssen uns gut überlegen, ob wir es uns leisten können, am Ende möglicherweise mit leeren Händen dazustehen."
Dass das passieren könnte, halten nicht einmal eingefleischte Befürworter des Gorleben-Weiterbaus für ausgeschlossen. Bisher spreche nichts gegen die Eignung von Gorleben, sagte Holger Bröskamp, der Chef der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS). Die GNS ist eine Tochter der Stromkonzerne, die auch die Castor-Transporte abwickelt und das nukleare Zwischenlager in Gorleben betreibt. Doch Bröskamp weiß auch: "Endgültig nachgewiesen" ist die Eignung "nicht".
Im Bergbau heißt es: Vor der Hacke ist es duster. Und im Falle von Gorleben vielleicht sogar zappenduster.
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