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Ernährung
Wie gelingt eine ausgewogene Ernährung? Welche Lebensmittel sind gesund? Infos zu gesundem Essen und Trinken, zu Diäten und zum Abnehmen

11. Februar 2014

Vegane Ernährung: Die Wirtschaft entdeckt den Veganer

 Von Arne Löffel
Es muss nicht immer Fleisch sein.  Foto: ddp

Immer mehr Menschen verzichten auf tierische Produkte. Firmen und Ein-Mann-Betriebe entdecken sie als Konsumenten. Ihre Produkte sind kreativ – und teuer.

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WIESBADEN –  

Josefa Bucher ist eine Frau mittleren Alters. Trotz ihres schon silbergrauen Haares wirkt sie aber sportlich und frisch, schon fast zierlich. Sie lächelt über die Theke ihres Standes hinweg, auf der diverse Tüten aufgebaut sind. „Josefas Moringahaus“ ist da zu lesen. Hinter ihr prangt ein Plakat, das sie als Trägerin eines veganen Innovationspreises auszeichnet. Verliehen wurde ihr der Preis von der Veganen Gesellschaft Deutschland (VGD). Ihr Vorsitzender ist Christian Vagedes, dessen Unterschrift auch auf den Plakaten prangt. „Den VGD-Preis habe ich für meine Smoothie-Würfel bekommen“, sagt Josefa und setzt hinzu: „Die sind mit Moringa.“

Mit was? „Moringa ist ein Baum. Dessen Blattgrün enthält alles, was man zum Leben braucht.“ Alles? „Ja. Außer Vitamin B12. Deshalb nennt man ihn auch den Wunderbaum.“ In der Tat sind die Inhaltsstoffe im Vergleich zu bekannterem Obst und Gemüse beeindruckend: Eine Orange zum Beispiel enthält pro 100 Gramm essbaren Materials rund 30 Milligramm Vitamin C, Moringa stolze 220 Milligramm. 100 Gramm Kuhmilch enthalten 120 Milligramm Kalzium, Moringa enthält 440 Milligramm. Und so weiter. Deshalb seien Smoothies aus Moringa-Blattgrün der Verkaufsschlager in „Josefas Moringahaus“ in Mönchengladbach.

Von dort stammen – neben Tee, Kapseln, Pulver und Öl – auch „Josefas Grüne Smoothie-Würfel“, die sie auf der „VeggieWorld“ in Wiesbaden zeigt.

Josefa macht aus dem Blattgrün des in der deutschen Botanik „Meerrettichbaum“ genannten Gewächses einen Smoothie, trocknet diesen Brei, schneidet ihn in Würfelchen und verpackt diese in Tüten aus Recycling-Papier. 18 Würfel für 16,75 Euro. Die könne man einfach so essen oder mit 400 Millilitern Wasser aufgießen und verquirlen. „Ein Würfel kostet 93 Cent, das ist billiger als ne Cola“, sagt Josefa. Kleine Unschärfen werden in Kauf genommen: Ein Liter Cola kostet um die 60 Cent, ein Liter Würfel-Smoothie-Aufguss 2,33 Euro, ist also fast viermal so teuer wie Cola. Aber gesund ist’s mit Sicherheit. Und als Trockenprodukt auch sehr handlich.

Dass mit der gesunden Lebensweise der eine oder andere Euro zu verdienen ist, ist kein Geheimnis mehr. „Der Umsatz der gesamten Branche hat sich in den vergangenen vier Jahren verdreifacht“, sagt Stephanie Stragies, Pressesprecherin beim Vegetarierbund Deutschland (Vebu). Laut Vebu leben derzeit sieben Millionen Menschen in Deutschland völlig fleischfrei. Nach einer Untersuchung der Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg sind das fünfzehnmal so viele Menschen wie noch 1983, also vor gut 30 Jahren.

Davon lebt eine sechsstellige Zahl vegan, nutzt also gar keine tierischen Produkte wie Eier, Milch, Wolle oder Leder mehr. Längst hat die Lebensmittelindustrie die Veganer als Zielgruppe entdeckt: Lag im Jahr 2011 der Umsatz mit veganen Produkten noch bei rund 194 Millionen Euro, stieg der Umsatz im Jahr 2012 auf rund 232 Millionen Euro, was einem Plus von fast einem Fünftel entspricht. Im Vergleich zum gesamten Lebensmittelmarkt ist das aber noch immer wenig. Der ist mehr als 100 Milliarden Euro groß.

Im ganz normalen Supermarkt

„Hauptgrund dafür, vegetarisch oder vegan zu leben, ist laut einer von uns durchgeführten Studie nach wie vor das Mitleid mit den Tieren und der Protest gegen die Massentierhaltung“, sagt Stragies. Auch für sie selbst sei das Mitleid der Grund für den Verzicht. „Fleisch hat mir immer geschmeckt“, betont sie. Und da es nicht nur ihr so geht, erfreuen sich unter Veganern die Fleischersatz-Produkte allergrößter Beliebtheit.

Mittlerweile sind diese „veganen Teilfertigprodukte“ nicht mehr nur in Reformhäusern und Naturkostläden, sondern auch im ganz normalen Supermarkt zu haben. „Die Verbreitung in herkömmlichen Supermärkten ist auch Indiz dafür, dass die vegane Lebensweise kein Schattendasein mehr fristet, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist“, sagt Stragies. Sie selbst lebt flexigan. „Das bedeutet, dass ich manchmal Milchprodukte konsumiere“, räumt sie ein. Dann sei das Mitleid mit der betrübt dreinschauenden Oma und ihrem milchhaltigen Weihnachtsgebäck einfach größer als der politische Grundsatz.

Der Vebu möchte nun erreichen, dass vegane Lebensmittel einheitlich und rechtsverbindlich mit einem Siegel gekennzeichnet werden. Ein Label des Vebu gibt es bereits, das sei aber nicht flächendeckend. „Wir zertifizieren derzeit mehr als 600 Produkte von 90 Anbietern“, sagt Stragies. Wichtig sei in den kommenden Jahren zudem die „Veguation“, also die Erziehung der Menschen zur nachhaltigen Lebensweise. Noch mehr Veganer? Das dürfte den Hersteller von Fleischersatz und anderen Gadgets gefallen.

Denn wer wirklich vegan leben will, der muss auch zuhause aufrüsten. Ein Smoothie zum Beispiel ist nämlich mehr als nur gequirltes Obst, zerhacktes Gemüse und püriertes Blattwerk. Ein Smoothie ist nur dann ein echter Smoothie, wenn die Naturkost auf brachiale Maschinenpower trifft. „Ein normaler Hausmixer hat 3000 Umdrehungen. Aber erst bei mindestens 28.000 Umdrehungen werden die Zellwände aufgebrochen und die Antioxidantien freigesetzt“, sagt Paul Wollersheim, Geschäftsführer von „Bianco“.

Das klingt martialisch, hochtechnisiert und irgendwie nach Science Fiction. 444 Euro kostet sein günstigster Mixer, der Bianco-Mercedes ist für 649 Euro zu haben. Auch „Bianco“ ist als besonders innovativer Betrieb von der Veganen Gesellschaft Deutschland ausgezeichnet worden. Für das Design, nicht für die Technik, habe er die Auszeichnung erhalten, erklärt Wollersheim.

Der Mixer-Meister verteilt am Stand eine seiner liebsten Smoothie-Variationen. Er lässt zwei Frauen vom Smoothie-Eis probieren, dann sollen sie die Geschmacksrichtung erraten. „Hm. Rote Beete?“, tippt die eine. Wollersheim verzieht schmerzlich das Gesicht. Seine Auflösung ist allerdings nur unwesentlich charmanter: „Kopfsalat mit Heidelbeeren“. In der Tat schmeckt das Wassereis ein bisschen nach Chlorophyll, aber gar nicht mal so schlecht. „Das esse ich jeden Tag zum Frühstück“, verrät Wollersheim. „Das hält jung.“

Wie alt er wohl sei, der graumelierte Herr? „47“, antwortet er und zeigt für einen ganz kurzen Moment so was wie Unsicherheit. Ist aber gleich vorbei, als er über die Vorteile des Smoothies an sich spricht: Der Mensch, das evolutionsgeplagte Ding, habe im Zuge derselben die Fähigkeit zum richtigen Kauen verloren und deshalb müsse das Essen mit 28.000 Touren püriert werden, damit wir nicht vom Magen-Darm-Trakt her erkranken. Wirklich beeindruckt sind die Rate-Damen aber nicht von den medizinischen Ausführungen. Dafür aber von dem Hinweis, dass im Stößel des Hochleistungsmixers sogar ein Thermometer versteckt ist.

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Ja, ich werde öfter als bisher auf Fleisch verzichten.
Ja, ich werde weniger im Supermarkt und mehr beim Metzger meines Vertrauens einkaufen.
Nein, warum denn - Pferdefleisch an sich ist ja ungefährlich.
Nein, die aktuellen Vorfälle sind nur medial aufgebauscht.
Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie ich reagieren soll.