Kaum ist er Innenminister geworden, weil ein Parteifreund sich mit fremden Federn schmückte, macht sich Hans-Peter Friedrich daran, anderen die Federn auszurupfen. „Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt“, sagte Friedrich auf seiner ersten Pressekonferenz. Dieser Satz ist empirisch falsch, was den Minister allerdings wenig stören wird, denn er wird weithin auf die Zustimmung derer treffen, die daran Anstoß genommen haben, dass Bundespräsident Wulff feststellte, der Islam sei ein Teil Deutschlands.
Was muss eine Tradition vorweisen, um zu Deutschland zu gehören? Wie lange muss sie in die Vergangenheit reichen, um Teil auch der CSU-„Historie“ zu werden – ein Wort, das soviel weihevoller ist, als bloß „Geschichte“? Die meisten Muslime sind, damals heftig angeworben, in den sechziger Jahren mit dem Wirtschaftswunder gekommen (was gäbe es deutscheres als das?) und haben es mit ihrer Arbeit möglich gemacht. Die erste Moschee entstand, für muslimische Kriegsgefangene, 1915 und die erste offizielle Körperschaft, der „Verein zur Unterstützung russisch-mohammedanischer Studenten e.V.“, wurde drei Jahre später gegründet. Damit ist die offizielle Präsenz des Islam in Deutschland nur fünfundzwanzig Jahre jünger als die des Fußballs.
Da es aber keinem Politiker im Traum einfallen würde zu argumentieren, der Fußball sei kein Teil Deutschlands, können wir die Gründung des „Bundes der deutschen Fußballspieler“ (1890) als terminus ante quo festsetzen, der Moment vor dem Geschichte mit Sicherheit Teil der Historie ist. Glücklicherweise ist damit der Nationalsozialismus wohl ausgenommen, denn der ist noch viel rezenter und wurde ohnehin von einem Österreicher betrieben.
Es ist wohl nicht nötig, das armselige Geschichtsbild des neuen Innenministers weiter zu untersuchen, schließlich ist klar, was damit gemeint ist, dass nämlich der Islam, gemäß seinem populistischen Bild als unreformierbare Religion von Schleierträgerinnen, Selbstmordattentätern und Ehrenmördern, nicht Teil eines anständigen Deutschlands sein kann. Der Innenminister eines Landes, das Lebensmittelpunkt von vier Millionen Muslimen ist, knapp die Hälfte davon deutsche Staatsbürger, erklärt einen wichtigen Pol ihrer Identität für fremd und nicht integrierbar.
Die eigentliche Tragödie an dieser dumpfen Ausgrenzung ist aber die gängig gewordene Ausspielung „christlich-jüdischer Werte“ gegen „den Islam“, die im Namen einer deutschen Leitkultur zwei historische Trugbilder aufeinanderhetzt. „Den Islam“ gibt es ebensowenig wie „das Christentum“, denn beide haben im Gegensatz zum Fußball kein einheitliches Regelwerk und keine Schiedsrichter, sondern weit divergierende Traditionen und Auslegungen. Die Berufung auf „jüdisch-christliche Werte“ sollen ein Bild von Nächstenliebe und ethischem Universalismus beschwören, auch wenn die heiligen Schriften beider Religionen in der Vergangenheit (ihrer „Historie“) zur Rechtfertigung grausamer Verbrechen, ethnischer Säuberungen und vielfacher Morde verwendet wurden, die extremistische Mullahs heute aussehen lassen wie Chorknaben.
Unsere Werte gehen auf die Aufklärung zurück
Philipp Blom (Hamburg, 1970) ist Historiker und Schriftsteller und lebt in Wien. Sein Buch „Böse Philosophen – Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung“ erscheint am 7. März im Carl Hanser Verlag, München.
Dabei wird systematisch verdrängt, dass die Werte unserer gegenwärtigen Gesellschaften weder christlich noch jüdisch oder überhaupt religiös sind, sondern auf die Aufklärung zurückgehen. Trotz aller ökumenischer Bemühungen nehmen monotheistische Überlieferungen zwangsläufig eine Offenbarungswahrheit für sich in Anspruch, neben der andere Kandidaten bestenfalls als Irrlehren und schlimmstenfalls als böse Verstocktheit dastehen. Der in dieser Logik implizite Wettbewerb um Erlösung und Verdammnis kann zwar rhetorisch und theologisch abgeschwächt werden, taugt aber niemals zum Aushandeln von Prinzipien und Werten einer integrativen Gesellschaft, die für sich in Anspruch nehmen kann, wirklich tolerant zu sein.
Zu debattieren, ob Islam, Christentum, Judentum, Fußball oder Origami Teil von Deutschland sind, verfehlt das Ziel, gemeinsam Werte auszuhandeln, die auch in einer sich wandelnden Gesellschaft robust und konsensfähig sind. Die millionenfache Migration aus weniger wohlhabenden Ländern ist längst politische Wirklichkeit und demographische Notwendigkeit, und sie wird weiterhin Menschen nach Europa bringen, deren Traditionen und Ansichten nicht notwendig europäisch sind und ein Gerangel um die Interpretationshoheit religiöser Moralvorstellungen kann deshalb nicht konstruktiv sein, weil sich jede Teilnehmerin jederzeit auf die eigene Offenbarung zurückziehen kann. Das taugt, wie Hans-Peter Friedrich weiß, zum Stimmenfang, nicht aber zum Schaffen von Gemeinsamkeit.
Die einzige Alternative zu diesem Handgemenge ist, religiöse Meinungen im öffentlichen Diskurs nicht mehr über andere Meinungen zu privilegieren, eine Position, die schon vor zweihundertfünfzig Jahren von Aufklärern wie Diderot vertreten wurde. Ihr Denken konnte zur Grundlage eines neuen Weltverständnisses werden, weil es seinen Gesellschaftsentwurf auf menschliche Konstanten wie dem Streben nach Glück und Genuss, Empathie und Vernunft aufbaute und nicht in metaphysischen Traditionen verankerte. Es galt, die Welt ohne Gott zu denken. Erst dadurch werden empirische Wissenschaft und universelle Menschenrechte möglich.
Die Prinzipien der Aufklärung haben sich über zwei Jahrhunderte als tragfähig bewährt, weil sie gemeinsame Denkräume und intellektuelle Möglichkeiten jenseits partikularer Überlieferungen auftun. Dagegen standen und stehen nicht nur religiöse Dogmen, sondern auch die theologischen Denkreflexe, die in unseren Gesellschaften quasi per Osmose aufgenommen werden. Wir alle denken in theologischen Mustern, wenn wir die Zukunft alternativ als paradiesische Erfüllung oder apokalyptische Katastrophe beschreiben, wenn wir die christliche Idee der Sünde gegen ihre säkulare Entsprechung, nämlich die der Schuld, eintauschen, wenn wir den christlichen Körperhass weiterführen, indem wir uns mit Diäten peinigen und in unseren Filmen (der dominanten Form des identitätsstiftenden Geschichtenerzählens) zwar nackte Körper als obszön ansehen, nicht aber Grausamkeit und Gewalt.
Identitäten sind wandelbar
Unsere kulturelle und gesellschaftliche Gegenwart wird immer noch von solchen unreflektiert religiösen Denkreflexen bestimmt. Nach 1989, nach dem Zusammenbruch der großen (und selbst durchaus religiösen) Ideologien drohen in unseren satten Gesellschaften die anstrengenden aber luziden Prinzipien der Aufklärung verdrängt zu werden von einer fauleren, bequemeren Denkweise, deren theologische Strukturen oft verborgen bleiben. Umgeben von einem Wohlstand ohne historische Entsprechung werden wir nur noch selten mit der Notwendigkeit seiner Prinzipien konfrontiert. Wir lassen uns in den weichen Sessel religiöser Instinkte fallen ohne zu begreifen, worauf wir da eigentlich sitzen.Dabei benötigt eine wirklich integrative Gesellschaft nichts so sehr, wie einen säkularen Konsens jenseits religiöser Vereinnahmungen und Behauptungen, eine Trennung von Kirche und Staat, die auch bedeutet, dass ein neuer, wohl durch Parteiraison gekürter Innenminister seine Meinungen zur deutschen „Historie“ für sich behält, wenn er sich keine qualifizierte Meinung zu ihnen leisten kann.
Es ist schlimm genug, dass der Integrationsverantwortliche im Kabinett sich nicht damit abfindet, dass deutsche Identitäten wandelbar und reicher sein können, als es sich seine Partei erträumt. Noch schlimmer ist, dass er nichts Eiligeres zu tun hat, als Millionen von Bürgern auszugrenzen und zu beleidigen, indem er die Debatte um zukunftsfähige Werte in den Sumpf der Offenbarungslehren zieht. Am schlimmsten aber ist vielleicht, daß der Baron und falsche Doktor, dessen Rehabilitierung die Kanzlerin schon wenige Tage nach seinem erzwungenen Rücktritt betreibt, augenscheinlich nicht nur der politische Sympathieträger, sondern auch die intellektuelle Lichtfigur seiner Partei ist.