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Musiktheater: Etwas stimmt nicht

Es ist eine Plattform für Bizarres und Beklopptes - und zugleich für stille Abende. Punkt, Purcell, Bollywood: Das Impulse-Festival zeigt seltsame Formen des Musiktheaters.

HGich.T: Endzeit 2. Foto: Björn Jansen

Der Mann hat sich seltsame Zeichen auf die Stirn tätowiert. Die meisten Worte, die er ins Mikro grölt, sind unverständlich. Um seine Mama geht es, um Kot, schließlich um Künstlerschweine. Hinter ihm flimmern bunte Videobilder, die auch zu einem Bollywoodmusical passen könnten. Doch HGICH.T (Hammer Geil ich Tattoo) aus Hamburg veranstalten eine Punk-Performance. Der Sänger geht durch das Publikum, baggert Frauen an, lässt sich tragen, stürzt ab, prügelt sich mit einem Besucher. Hat dem Geohrfeigten aber vorher was ins Ohr geflüstert, ganz spontan scheint der Gewaltausbruch nicht zu sein. „Das Lied hab ich geschrieben!“ ist einer der verständlichen Sätze. Er brüllt ihn fast vor jedem Song. Ohne einen gewissen Alkoholpegel ist „Endzeit 2“ von HGICH.T schwer zu ertragen. Aber immerhin läuft diese Produktion im Wettbewerb der Impulse 2011.

Ist das noch Theater? Selbst wenn man den Begriff ganz weit fasst? Mischformen zwischen Konzert und Performance gibt es in diesem Jahr einige beim Festival, das bei seiner Gründung vor 20 Jahren als Bestentreffen der Off-Szene gedacht war. Eine Parallelveranstaltung der Freien zum Berliner Theatertreffen. Die künstlerischen Leiter Matthias von Hartz und Tom Stromberg haben eine schrille Showcase-Veranstaltung mit Blick auf internationales Publikum daraus gemacht. Am ersten Wochenende sollen allein 45 Kuratoren aus allen möglichen Ländern da gewesen sein, die vier Vorstellungen pro Tag sahen.

Die Impulse 2011 sind eine Plattform für Bizarres und Beklopptes – und gleichzeitig ein Festival für stille, berührende Abende. Für Performancekollektive mit Mut zum Extremen, nicht für freie Ensembles, die genauso gut Literatur inszenieren wie das Stadttheater. Oft darf und soll das Publikum mitmachen, sich austoben, mit den Performern Spaß haben. Theater wie Kirmes, grell, geil, ein bisschen infantil.

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An She She Pop und ihren Vätern kommt in diesem Jahr kein Festival vorbei, das etwas auf sich hält. Auch bei den Impulsen räumt die unglaublich witzige, schmerzhafte, berührende, schöne, tolle Performance „Testament“ ab. Notorisch meckerige Theaterleute kommen mit nassen Augen aus den Vorstellungen. Neben vielen krassen, kruden, unfertigen Produktionen, die sonst im Wettbewerb sind, wirken She She Pop mit ihrem dramaturgisch perfekt gebauten Abend schon fast wie Altmeister. Die Peter Steins der Dokuperformance.

Den Geist klassischen Off-Theaters versprüht auch die Gruppe Capriconnection. Mit der Schola Cantorum Basiliensis in „Ars moriendi“ verknüpft sie philosophische Diskussionen mit Barockmusik von Henry Purcell. Ein Chor erobert im Lauf des Abends die Bühne, die Leichtigkeit, mit der die Darsteller hochkomplexe Materie rüber bringen, erinnert leise an Marthaler. Musiktheater mit eindeutigem Schwerpunkt auf dem Szenischen.

Doch was „Endzeit 2“ von den Riten eines Punkkonzerts abhebt, ist hier ebenso wenig klar wie beim neuen Programm der kanadischen Sängerin Peaches als special guest. Auch die Wiener Gruppe God’s Entertainment, die vor vier Jahren mit einer Prügelperformance in Fußgängerzonen einen Polizeieinsatz samt Gerichtsverfahren provozierte, veranstaltet diesmal einen fröhlichen und abgrundfreien Mitmachabend.

In „Trans-Europa-Bollywood“ schaut das Publikum erst einmal einem Paar beim Tischtennis zu. Dann schälen sich zwei attraktive nackte Performer aus einem Zuckerbassin, und ein Showmaster spielt mit dem Publikum die Quizshow „Eins, Zwei oder Drei“ nach. Da gibt es keine ironische Pointe, es ist wahrhaftig ein Ratespiel. Per Fake-Flugzeug oder Geisterbahn werden wir dann auf einen indischen Markt im Nebenraum gebeamt. Dort dreht God’s Entertainment einen Bollywoodfilm, studiert mit den Besuchern einen Tanz ein, verteilt Mikros und Kameras aus Pappe. Und schließlich geht es mit Taxis in ein indisches Restaurant, wo wir nochmals alle tanzen. Die vielen Aktionen machen Spaß, wenn man nicht gerade rumstehen muss. Eine schöne Partyidee, aber so etwas wie Sinn sucht man vergebens. Die Performance wird zur Animation, das Theater zur Fete.

Performer scheinen sich darin übertrumpfen zu wollen, keine Haltung mehr zu haben

Bei den Rabtaldirndln dröhnt Rex Gildos „Fiesta Mexicana“ als Dauerschleife aus den Lautsprechern. Die feschen Mädels aus der Steiermark ermuntern männliche Besucher, ihnen mal derb auf den Hintern zu hauen. Doch dann wird aus der Gaudi Theater. Eine Schänke haben die fünf Damen gekauft und Fremdenzimmer eingerichtet. Nun reisen sie mit einem Diavortrag durch Deutschland, um Kunden zu werben. Sie sollten charmant sein, aber die Blicke sind hart, abweisend, genervt.

Bilder toter Tiere werden kurz eingeblendet, dann schnell weggeklickt. Etwas stimmt nicht mit den Dirndln. Sie schlachten und schießen gern, eine muss immer etwas töten, wenn sie spürt, dass sie jemand sexuell begehrt. Eine andere schleift eine tiefgefrorene Ente um das Grundstück herum, sie will es markieren. Die ausgelassene Atmosphäre kippt immer weiter ins Grauen. Die fünf könnten auch eine Familie wie die im Horrorklassiker „Texas Chainsaw Massacre“ sein.

Die Rabtaldirndln gehören zu den Neuentdeckungen der Impulse 2011. Alle fünf stammen vom Land und touren mit ihren schrägen Shows durch die Region rund um Graz. Ein bisschen wie Thomas Bernhards „Theatermacher“ kommt einem das vor, aber viel bodenständiger. Der Abend namens „Aufplatzen“ ist skurril, witzig, bedrohlich, hat klaffende dramaturgische Löcher und abrupte Wendungen. Eben das macht den ruppigen, rauen Charme aus. Am Ende verteilen sie Schnaps, Wurst und Kren, immer noch mit diesen toten, müden Augen. Man traut sich nicht recht, ihnen den Rücken zuzudrehen.

Manche Show besteht nur aus einem einzigen Einfall. In „The Host“ lässt der in den USA geborene Andros Zins-Browne drei Cowboys auf einem ständig seine Gestalt verändernden Luftkissen tanzen. Ironiefrei kämpfen sie gegen das Abrutschen. Die letzten fünf Minuten der Produktion sind irre, der Rest ist Vorbereitung. Deuten kann sich das jeder selbst. Ein Spiel mit Männlichkeitsposen, die Dekonstruktion des Cowboymythos – das steckt alles drin, doch die eigentliche kreative Arbeit macht der Betrachter.

Viele Aufführungen verlagern das Deuten auf die Zuschauer, was schon lange ein Trend des Off-Theaters ist. Keiner will mehr schlau sein. Doch wer die Offenheit zu weit treibt, endet in der Beliebigkeit. Oder im puren Oberflächenkitzel. Manche Performer scheinen sich darin übertrumpfen zu wollen, keine Haltung mehr zu haben, von allen benutzbar zu sein. Wie immer gibt es allerdings auch die Gegenbewegung. Der merkwürdige, irritierende und oft faszinierende Mix aus Punk, Purcell und Bollywood macht viel Spaß. Die Stimmung ist super, die Gratwanderungen zwischen Performance und Party kommt bei einem im Großteil jungen Publikum gut an.

Impulse läuft noch bis 10. Juli in Bochum, Düsseldorf, Köln und Mülheim an der Ruhr. www.festivalimpulse.de

Autor:  Stefan Keim
Datum:  5 | 7 | 2011
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