"Da isser, de Oberclaus“, schmettert der Moderator über den Marktplatz, als er die nahenden Stadthonoratioren erkennt. Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) residiert mit huldvoller Miene auf dem Oberdeck des närrischen Magistratsschiffes und hält das Steuer fest in der Hand. Ein Deck darunter sind die übrigen Stadtväter im Narrenornat damit beschäftigt, Süßes an die Menge zu verteilen. Die liegt zu ihren Füßen und streckt ihnen die Hände entgegen. So finden die Stadtoberen Wohlgefallen am Hanauer Narrenvolk.
Wenige Stunden zuvor, gegen 12 Uhr am Samstag, hatte nur wenig auf die kommenden Ereignisse hingedeutet: Peter Weber vom Hanauer Carnevalszug Verein 1954 telefoniert noch hektisch. Der Motivwagen, eine recht zahme Verballhornung des Projekts Freiheitsplatz, wird angerollt. Drei Tage Arbeitszeit stecken darin. Für die Besatzungen sämtlicher Wagen hat Weber 1200 „Strüßche“ aus Köln sowie ausreichend Kaubonbons und Popcorn organisiert.
Auch eine Dampflok dabei
Prinzenwagen, Magistratsschiff, Elferratswagen und der Damenwagen – alle üppig herausgeputzt – sind Teil der rund 90 Zugnummern, die aus der gesamten Region, von Wölfersheim bis Hainstadt, stammen. Die „Issgemer Jungs“ etwa haben eine ganze Dampflok aufwendig nachgebaut. Im Schornstein ruht sich vor dem Start einer bei Gerstensaft aus. Vom Bauhof entlang der Willy-Brandt-Straße stellen sich die Zugteilnehmer allmählich in zwei versetzten Reihen auf. Die auffällig kostümierten „Kinziggeister“ stimmen kurz „Basket Case“ der US-Punkband „Green Day“ an.
Jetzt geht’s los. In Höhe des City-Centers, gegen 14.11 Uhr, bringt die Wucht ihres Auftritts die feierwütigen Zuschauer umgehend in Wallung. Tanzend und gröhlend säumen sie zu Tausenden dicht gedrängt den Weg der närrischen Prozession. In der Nürnberger Straße mischt sich Stimmungsmusik der Fanfarenzüge und Musikkorps mit aktueller Chartmusik, Helau-Rufen und Böllerschüssen.
Am Marktplatz, dem Zentrum des Treibens, erfahren die Jecken über Lautsprecher auch von der Vakanz des Bundespräsidialamtes: „Der Wulff hat mit viel Popcorn und Kamelle angefange. Und was jetzt?“ Vom närrischen Lindwurm selbst haben zwei Erlenseer mit schwarzer Perücke und in weiten Latzhosen noch nicht viel mitbekommen. Sie üben sich lieber in bierseligem Klamauk, verbrüdern sich mit einem als Wikinger Verkleideten und lassen sich von Umstehenden fotografieren. Seit 20 Jahren machen sie das schon so, sagen sie.
Der sächselnde André Heinig stellt einen Neandertaler dar und ist regelmäßiger Gast des Umzugstreibens. Ein Einheimischer im Afrolook und mit Sonnenbrille will der FR seinen Namen lieber nicht nennen. Die Freundin schreitet energisch ein. Zu jeder fünften Jahreszeit steht er am Straßenrand, seit 26 Jahren: „Subbä Sach!“ Geplant hat er, mit seinen Freunden den Stadtteil Wolfgang aufzumischen und falls möglich noch sämtliche Hanauer Kneipen. Viele der Narren sind sich einig: So turbulent und ausgelassen hat Hanau schon lange nicht mehr Karneval gefeiert.
Wer noch nicht genug hat: Am Faschingsdienstag, 21. Februar, startet um 14.11 Uhr der Umzug durch Großauheim, angeführt vom Irminrat. Danach wird in der Lindenauhalle gefeiert.
Prunksitzungen, Umzüge, Bälle - die Narren feiern Fastnacht, Fassenacht, Fasching und Karneval.

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