Eine Bierkiste haben die Veranstalter bei Thorsten Schweinhardts ersten Fernseh-Auftritt hinter das Podium geschoben. „Weil er so klein und zierlich war“, erinnert sich seine Mutter Hedi. Trotzdem ist er selbstbewusst darauf gestiegen, hat sein Sakko gerade gerückt und ein Stück Papier aus der Tasche gezogen. „Hessen lacht zur Fassenacht“ hieß die Sitzung, die im Hr-Fernsehen übertragen wird. Die Zuschauer hätten ihm nicht viel zugetraut, sagt der 27-Jährige. Doch dann seien ihnen vor Lachen die Tränen über die Wangen gelaufen als er seinen humoristischen Jahresrückblick vorgelesen hat.
Das war in der Fastnachtssaison 2007/2008. Dass er blind ist, hat in diesem Moment keine Rolle gespielt. Die Menschen lachten, das war das Wichtigste. Seitdem ist der Okrifteler als „Blinder Protokoller“ bekannt.
Seine erste Büttenrede hat Schweinhardt 1994 bei einer Geburtstagsfeier vorgetragen. Da war er gerade zehn Jahre alt. Sein Publikum war begeistert, weitere Feste und Sitzungen folgten. Ständig kamen neue Vereine aus dem Rhein-Main-Gebiet hinzu. Zweimal war er bei „Hessen lacht zur Fassenacht“ zu Gast. Der Termin beim Frankfurter Blindenbund ist für ihn Pflicht. Bei bis zu 20 Sitzungen ist er pro Saison.
Schweinhardt ist seit seiner Geburt blind und sieht lediglich feine Unterschiede zwischen hell und dunkel. Nach seinem Abitur an einem Gymnasium für Blinde in Marburg studiert er dort Germanistik. Um für seine Büttenreden zu recherchieren, benötigt er besondere technische Hilfe. Ein spezielles Programm liest ihm Internetseiten und eingescannte Zeitschriftenartikel vor. Mithilfe eines digitalen Organizers kann er sich in Punktschrift Notizen machen. „Ich kann lesen“, sagt er. „Nur eben mit den Fingern.“ So stehen auf seinem Protokoll keine Worte geschrieben, auf dem Zettel sind Punkte aufgedruckt von denen er abliest.
Jedes Jahr nach Weihnachten beginnt er an seiner Rede zu arbeiten. Etwa 15 bis 20 Minuten ist sie lang. Politik ist immer ein großes Thema, ebenso peinliche Prominente und skurrile Medienereignisse. Traurige Themen, wie aktuell die Katastrophe in Fukushima, deutet er nur an. „Ich habe keine Angst vor vielen Leuten zu sprechen. Ich sehe sie ja nicht“, sagt Schweinhardt. Wie die Stimmung im Saal ist, merkt er daran, ob gespannte Stille herrscht oder wuseliges Gerede. Seine Behinderung käme heute kaum noch zur Sprache, sagt er. „Im Vordergrund steht, dass ich Büttenreden halte. Ich möchte nicht als Attraktion auftreten, weil ich blind bin.“
Als Protokoller tritt Thorsten Schweinhardt noch dreimal in Frankfurt auf: Samstag, 18. Februar, 19.31 Uhr, Die Spinner, Saalbau Bornheim, Arnsburgerstr. 24, Eintritt 15 Euro; Hulla-Rumba-Sitzung der Kammeruner, 20.11 Uhr, Saalbau Gallus, Frankenallee 111,und Dienstag 21. Februar, 18 Uhr, Lokal „Zur schönen Müllerin“, Baumweg 12, Eintritt 10 Euro.
Prunksitzungen, Umzüge, Bälle - die Narren feiern Fastnacht, Fassenacht, Fasching und Karneval.

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