Wer kennt sie nicht, die etablierten Garden und Vereine, die großen Prunkfremdensitzungen, Bälle, den Rosenmontagsumzug und „Mainz bleibt Mainz“?
Über viele Jahrzehnte ist in der Domstadt eine feste, etablierte Fastnachtsszene gewachsen, hat Stars und Hits hervorgebracht, die auch weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt sind.
Mainz lebt gut von diesem Image, vor allem während der tollen Tage ist das auch ein großer touristischer und wirtschaftlicher Faktor in der Region. Selbst Fußball-Bundesligist Mainz 05 spielt gerne mit dem Sympathieträger-Image eines „Karnevalvereins“.
Doch es gibt noch mehr. Eine andere, ebenso vierfarbbunte und doch alternative Fastnacht, die sich nicht auf den TV-Schirmen und in den großen Sälen abspielt. Jenseits des karnevalistischen Mainstreams ist gerade in den letzten Jahren eine alternative Szene herangewachsen, von der Öffentlichkeit und der medialen Berichterstattung weitgehend unbeachtet. Fastnacht im Untergrund.
Eine der Spielarten der alternativen Fastnacht ist die Kneipensitzung. Das „Hafeneck“ in der Frauenlobstraße, das „Doktor Flotte“ am Kirschgarten, der „Flehlappe“ in der kleinen Quintinsgasse und vor allem die „Kneipe Domsgickel“ in der Grebenstraße – also wortwörtlich im Schatten des Doms – sie alle haben in 2011 mit großem Erfolg Kneipensitzungen veranstaltet.
Fastnacht zum Mitmachen
Das Wesen einer solchen Kneipensitzung unterscheidet sich enorm von den größeren Sitzungen der etablierten Vereine: hier kann, darf und soll jeder mitmachen. Es gibt keine Künstler-Castings, keine gestalterische Beschränkungen, keine Zensur und erst recht keine Gage.
Wer die vier Quadratmeter kleine Bühne im Domsgickel betritt, der tut es entweder aus Liebe zur Fastnacht, aus Gründen der Selbstdarstellung oder weil er vielleicht ein kleines Bisschen zu tief ins Glas geschaut hat.
„Das ist Fastnacht zum Mitmachen“, schwärmt Markus Welter, einer der Betreiber der „Kneipe Domsgickel“. Fast ausschließlich Eigengewächse der Kneipe bestreiten das Abendprogramm, vor allem die Stammgäste sind dazu aufgefordert, Wort- oder Liedbeiträge abzuliefern. Von Gästen für Gäste: Inhaltlicher Schwerpunkt ist natürlich die Kneipe selbst, aber auch „ernsthafte“ politische und Kokolores-Beiträge finden die Gunst des Publikums. Etwa 80 Verkleidete quetschen sich auf die extra aufgestellten Biergarnituren.
Bereits zum fünften Mal fand die Kneipensitzung mit dem sinnigen Namen „Kickeriki“ dieses Jahres statt. Bei aller Anarchie auf der Bühne und im Publikum muss aber trotzdem einer verhältnismäßig nüchtern bleiben und durch den Abend führen. Eine Aufgabe für Matthias Dietz-Lenssen, und das nicht zum ersten Mal. Als promovierter Ethnologe ist er bestens geeignet, Brauchtümer zu bewahren. Mainzer Brauchtümer wie die Kneipenfastnacht, die ihren Ursprung zur Zeit der französischen Besetzung um 1800 hat.
Dietz-Lenssen erklärt den Erfolg der Veranstaltung: „Kneipenfastnacht ist Fastnacht in ihrer alten Form. Urwüchsig, intim, laienhaft. Gerade das Unperfekte macht die Faszination aus.“ Und weitaus günstiger als eine Sitzung im Schloss oder der Rheingoldhalle ist sie auch noch. Der Eintritt beträgt 3 Euro. „Und wir erhöhen für die Kneipensitzung auch die Preise für die Getränke nicht“, betont Welter. „Die Prinzengarde war mal mit einer Abordnung zur Sitzung hier. Verstanden haben sie nichts“, grinst Dietz-Lenssen. Kein Wunder. Prinzengarde ist ja auch Establishment.
Prunksitzungen, Umzüge, Bälle - die Narren feiern Fastnacht, Fassenacht, Fasching und Karneval.

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