Am Montagvormittag fahren vom Hauptbahnhof aus diverse Sonderzüge zum Rosenmontagszug nach Mainz. Die Darmstädter Narrenschaft wirkt vorbereitet. Eines der wichtigsten Fastnachtsaccessoires ist die Plastiktüte. Sie birgt den Proviant für einen langen Tag in Mainz an der frischen Luft: Kräppel, Wasser, Energydrinks und Alkohol. Auch die vier Pinguine, die eben daherwatscheln, haben Plastiktüten dabei. Um acht am Morgen haben sie sich getroffen, „Kräppel, Sekt, Bierchen und ein paar Kleine“ gefrühstückt. „Obst war auch dabei – hallo!“, sagt der zweite Pinguin von rechts. „Eine Banane!“
Die vier sind Rosenmontagszugveteranen, der harte Kern einer rund 15-köpfigen Gruppe, deren Ränder in den vergangenen Jahren berufsbedingt abgebröckelt sind. Sie fuhren als Hühner, Elvisse, Pippis, Baumeister-Bobs, Hasen oder Ghost-Busters in die nahe Fassenachtsmetropole am Rhein. Und heute eben als Pinguine. Die auf die Schuhe geschnallten knallgelben Wasservogelfüße helfen beim naturnahen Gang.
Käfer, Katzen und Kannibalen
Inzwischen füllt sich der Hauptbahnhof. Mit Katzen, Scheichs, Eisbären, Kängurus, Kannibalen oder Alm-Öhis. Etliche streben noch zum Supermarkt. Wegen der Plastiktüte. Die Aufgabe eines Crashtest-Dummys – gelber Ganzkörper-Anzug mit schwarz-weißen Markierungskreisen – erschließt sich sofort: Er wird von seinen Kumpels ordentlich herumgeschubst.
„Find ich sehr gut“, beurteilt Nick – noch in Zivil – das Outfit. „Auf jeden Fall“, bestätigt Mo, der eine weiße Mütze trägt, ein blaues T-Shirt, eine Hula-Kette und im Gesicht ein bisschen blauen Glitter. Ist er David Beckham? „Schlumpf“ antwortet er. Nick wird sich erst in Mainz verwandeln. In einen Piloten. Die Ausrüstung steckt in seiner Tasche.
„Schon immer“ fahren die beiden nach Mainz zum Rosenmontagszug, was in diesem Fall fünf Jahre bedeutet. Wie die Pinguine entwickeln auch sie einen gewissen Ehrgeiz, jedes Jahr in neuen Kostümen aufzutreten. „Sonst wird es ja langweilig“, sagt Mo und setzt beim Blick auf die vorbeieilenden Piraten, Bauarbeiter und Müllmänner hinzu: „Die werden auch immer jünger.“ „Oder wir immer älter“, kontert Nick.
Eine gemischte Truppe Erdbeeren und Marienkäfer macht sich auf den Weg zum Bahnsteig. Mit dabei, schwarz-gelb gestreift, eine ... Biene? Wespe? „Hummel!“, sagt Sina entrüstet. Ups. Wer kann denn ahnen, dass Hummeln auch so dünn sein können.
Die Marienkäfer punkten mit ihren Flügeln. Die Erdbeeren mit ihren Fingernägeln: Jeder einzelne eine liebevoll gestaltete Frucht, sensationell. Das Lackieren habe nicht lange gedauert, sagt Claudia. Nur das Trocknen.
Auch diese Mädels haben Plastiktüten dabei, sind aber im Gegensatz zu vielen anderen noch nüchtern. Ihr Frühstück blieb alkoholfrei. „Wir haben uns eine gute Grundlage geschaffen“, sagt die dünnste aller Hummeln. Und dann kommt auch schon der Zug.
Gerhard Schwabes Uniform beeindruckt: blaue Hose, blaue Jacke, rote Krawatte, rote Kappe mit Schild und Kordel, auf der der Schriftzug „Service“ eingestickt ist – Donnerwetter, da legt jemand sehr viel Wert auf Authentizität. „Ja“, sagt er, „das war eine mords Anstrengung – wie sich das gehört, wenn man im Dienst ist.“ Ach, der Bahn-Mitarbeiter ist echt! Hätte man sich eigentlich gleich denken können: keine Plastiktüte. (rwb.)
Prunksitzungen, Umzüge, Bälle - die Narren feiern Fastnacht, Fassenacht, Fasching und Karneval.

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