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14. Januar 2015

„Amour Fou“: Komm, wir lassen uns erschießen

 Von 
Henriette Vogel (Birte Schnöink) rückt ins Zentrum von Jessica Hausners „Amour Fou“.  Foto: Neue Visionen Filmverleih

„Amour Fou“, Jessica Hausners hinreißende Tragikomödie über die Todessehnsucht des Dichters Heinrich von Kleist und seine Gefährtin Henriette Vogel.

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Wollen Sie mit mir sterben?“ Als Schriftsteller ein Meister hochpräziser Formulierungskunst, erweist sich der Mensch Heinrich von Kleist in Jessica Hausners Film „Amour Fou“ als denkbarer Prosaiker. Seine Mission ist nicht mehr das literarische Schaffen, es ist nur noch die Realisierung des eigenen Sterbens. Auf der Suche nach einer Suizid-Gefährtin kommt er ohne Umschweife zur Sache. „Wenn Sie mich lieben, dann tun Sie mir diesen Gefallen. Mit der Pistole geht es doch sehr schnell. Erst erschieße ich Sie, dann erschieße ich mich.“

Was lässt sich dem von Hauptdarsteller Christian Friedel ohne einen Anflug von Schwermut in der Stimme vorgebrachten Ansinnen wohl entgegnen? Entgeistert, aber denkbar lässig wischt es Sandra Hüller in der Rolle der Cousine Marie von Kleist beiseite. Man kann es ihr kaum verübeln: Auf der Suche nach einer Seelenverwandten hat der Dichter eine Meisterin unerschütterlicher Nüchternheit gefunden. Nach einer willigen Todesgefährtin muss er weiter suchen, aber wie wir aus dem Deutschbuch wissen, wird sie von tragischem Erfolg gekrönt sein.

„Amour Fou“ ist die Chronik dieses angekündigten Todes, doch Szene für Szene ist dieser Film eine einzige Überraschung. Schon in Hausners äußerlich semi-dokumentarischer, inwendig aber abgründig-süffisanter Religions-Satire „Lourdes“ gab es diese unwiderstehliche Mischung aus Humor und Tragik. Es war ein meisterhaft geschriebener Film, aber hier hat sich die gleichermaßen literarisch wie visuell begabte Österreicherin noch einmal übertroffen. Der Abspann des eineinhalbstündigen Films prahlt mit Namen von Experten: Mehrere Historiker, ein Medizingeschichtler und ein Musikwissenschaftler garantierten, dass der äußere Rahmen stimmt. Aber Hausner ist nicht Stanley Kubrick, und sie ist auch nicht Dominik Graf. Sie ist keine Fetischistin des historischen Details. In den präzise ausgestatteten Innenräumen, komplett bis zu den dekorativen Hunden in stummen, aber tragenden Nebenrollen, feiert sie die Freiheit der künstlerischen Erfindung.

Es ist viel geforscht worden in den letzten Jahren zu Kleists Todesgefährtin Henriette Vogel, Hausners eigentlicher Hauptfigur. Das holt Hausner in ihren Film hinein, aber sie dreht doch hier und da selbstbewusst an den Fakten, und genau das ist der Trick.

In einnehmender Zurücknahme gibt Birte Schnoeink in ihrer wunderbaren Darstellung Henriette das Gesicht, das wir uns vorgestellt haben mögen: Die Mutter einer wohlerzogenen Tochter, Ehefrau eines Landrentmeisters wurde als kunstsinnige Gesellschafterin und kluge Hausfrau beschrieben, und tatsächlich: In einer Umgebung stolzer Skepsis gegenüber den Idealen der französischen Aufklärung, die sich in Preußen, da ist man sich sicher, niemals durchsetzen wird, öffnet sie zaghaft das Fenster für die frühe Romantik. So gut es eben geht: Am heimischen Spinett klingt auch Beethoven nicht wirklich wie ein Revolutionär. Sein Lied „Wo die Berge so blau“ aus dem Zyklus „An die ferne Geliebte“ ist das Leitmotiv von Jessica Hausners Film, man hört es am Anfang und am Ende, da singt es die Tochter der Verstorbenen zur Trauerfeier, hoch diszipliniert und gänzlich unberührt von der romantischen Sehnsucht der Verse: „Dort im ruhigen Tal/ schweigen Schmerzen und Qual“.

Die echte Henriette Vogel litt laut Autopsie-Bericht an Gebärmutterkrebs. Im Film ist das nicht so. Doch das macht die Geschichte nicht unbedingt weniger wahr.  Foto: Neue Visionen Filmverleih

In Hausners Erzählung ist Henriette Vogel erst dann bereit, dem bewunderten Dichter in den Tod zu folgen, als ihr eine tödliche Krankheit diagnostiziert wird. Kleist hingegen fürchtet nicht den Tod, sondern das Leben. So muss das Paar erst eine gemeinsame Beziehung zum Tod finden, bevor es sterben kann.

Tatsächlich teilte die historische Henriette Vogel wohl Kleists Todessehnsucht weit mehr, als es Hausners Version nahe legt. Ebenso waren ihre Gefühle für den Dichter wohl viel stärker als in ihrer Geschichte. Doch das hätte dem Konflikt entgegengestanden, den Hausner zu einem mitteilsamen Zeitbild über den zaghaften Einbruch der Romantik in einen mit preußischer Disziplin geführten Alltag des frühen 19. Jahrhunderts erzählt. Aber die Chance der Kunst liegt nun einmal darin, über den Weg der Erfindung zur Wahrheit zu finden.

Laut Autopsie-Bericht litt Henriette Vogel an Gebärmutterkrebs, in Hausners Geschichte wird bei dieser Gelegenheit im Gegenteil kein Geschwür festgestellt. Das macht die Geschichte tragischer, aber nicht unbedingt weniger wahr – denn für den Wunsch zu sterben ist es letztlich unerheblich, ob die Schmerzen, die ihn beflügeln, seelischen oder körperlichen Ursprungs sind.

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Kleist jedenfalls, diesem Getriebenen, den Hausner ironisch, aber dennoch menschlich zeichnet, kommt Henriettes gewachsene Todessehnsucht gerade Recht. Er ist alles andere als ein gewissenloser Verführer, eher ein bedauernswerter Lebensmüder, dem es an Mut fehlt, alleine zu sterben. Dass für das gemeinsame Ziel auch das romantische Liebesideal instrumentalisierbar ist, macht die Sehnsucht nach dem Erhabenen zugleich relativ. Es ist diese tragische aber vielleicht für die deutsche Kulturgeschichte ganz ursächliche Ironie, aus der Hausner diese hinreißende Tragikomödie geschmiedet hat.

Amour Fou. Deutschland, Österreich, Luxemburg 2014. Regie: Jessica Hausner. 96 Min.

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