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Film

19. März 2014

"Baal": Mit Brecht zum Anti-Fernsehen

 Von 
Rainer Werner Fassbinder als Baal (hinten), vorne Sigi Graue als Ekart.  Foto: dpa/Volker Schloendorff/Weltkino Filmverleih

Eine Wiederentdeckung, die Filmgeschichte schreibt: Nach 44 Jahren ist Volker Schlöndorffs "Baal" mit Fassbinder wieder zu sehen.

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„Du bist so hässlich, dass man erschrickt. Aber dann … dann macht es nichts.“ Wem stünde diese Beleidigung, die sich in Ergebenheit auflöst, besser als dem 24-jährigen Rainer Werner Fassbinder, dem „Baal“ in Volker Schlöndorffs lange vergessener Brecht-Verfilmung von 1970? Und wer könnte ihre Selbstaufgabe selbstbewusster ankündigen als die drei Jahre ältere Margarethe von Trotta als Sophie, die der egozentrische Dichter-Nomade schwängern wird? Um sie, nachdem sie sich nicht einfach an seinen Freund Ekart (Sigi Graue) abtreten lässt, buchstäblich am Boden zurückzulassen.

Der gewaltsame Abschied ist eine der stärksten Szenen dieses kleinen Juwels des jungen deutschen Films: In einer langen Einstellung folgt Siegfried Lohmanns Handkamera den dreien über den wild bewachsenen Rand einer Münchner Ausfallstraße. So wie Brecht eine Art Anti-Expressionismus versuchte, ohne diesem Zeitstil ganz den Rücken zu kehren, machte Fassbinder Anti-Theater, ohne die Bühne zu verlassen. Und nun hatte Schlöndorff, damals dreißig und den kommerziell gescheiterten Action-Film „Michael Kohlhaas“ im Rücken, mit den Konventionen des Fernsehspiels ähnliches vor. Denn Klassiker zur besten Sendezeit, die gab es ja damals noch. Nur sollten sie auch klassisch aussehen – als würdiges Studiokulissentheater.

So aber fiel sein Ansatz eines Cinema-verité-Stils mit beiläufig gesprochenen Originaldialogen zwischen alle Stühle: Während unvorbereitete Zuschauer den Film für ein realistisches Sozialdrama hielten, das asoziales Verhalten heroisiere, fühlten Brecht-Fans die Prinzipien des epischen Theaters verraten. Auch wenn der 20-Jährige, als er die erste, von Schlöndorff bevorzugte Fassung schrieb, es noch gar nicht erfunden hatte. Und er in einer strengen Einteilung in 24 nummerierte Kapitel dem Illusionismus des filmischen Mediums entgegentrat.

Es ist ein schöner Zufall, dass „Baal“ gerade diese Woche wieder ins Kino kommt, parallel zu Philip Grönings Film „Die Frau des Polizisten“: Auch in diesem modernen Meisterstück des gegenwärtigen Autorenkinos sorgt eine noch strenger durchdeklinierte Kapitelstruktur für ein Herauslösen der Einzelbilder. Und gibt dadurch gerade auch der dargestellten alltäglichen Gewalt einen distanzierenden Rahmen.

In höchster Instanz verurteilte Brechts Witwe und Erbin Helene Weigel seinerzeit Schlöndorffs „Baal“ – und belegte ihn mit einem Bann, der mehr als vierzig Jahre lang von ihrer Tochter Barbara Brecht-Schall aufrechterhalten wurde. Immer wieder biss Schlöndorff, der den Film selbst produzierte, bei ihr auf Granit. Erst Juliane Lorenz, der Leiterin der Fassbinder-Foundation, gelang es für ihr Restaurierungsvorhaben, das Eis zu brechen.

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Parallel zum Kinostart ist der Film nun preisgünstig bei Zweitausendeins auf DVD erschienen. Man erlebt nicht weniger als ein Schlüsselwerk des jungen deutschen Films – auch wenn man so lange kein Schloss damit öffnen konnte. Dafür aber ist es nie zu spät. Denn was dieser Film erschließt, ist nicht weniger als eine Brücke zwischen zwei oft als gegensätzlich wahrgenommenen Positionen des jungen deutschen Films. Denn steht nicht Schlöndorff mit den späteren Literaturverfilmungen für einen Mainstream-Professionalismus, der der genialischen Expressivität des Fassbinder-Kollektivs zuwiderläuft?

Tatsächlich bewunderte Fassbinder aber gerade die Anmutung des „großen“ Kinos und respektierte Schlöndorff für seinen farbigen Gangsterfilm „Mord und Totschlag“. Umgekehrt strebte Schlöndorff nach dem „Kohlhaas“ nach einer verlorenen Authentizität, die ihm Fassbinders Truppe frei Haus liefern konnte – auch wenn für Hanna Schygulla nur eine Kleinstrolle abfiel und sich Irm Herrmann gar als Produktionssekretärin nützlich machte.

Charismatisch, aber laienhaft agierender Sigi Graue

In der Besetzung des Ekart mit dem charismatischen, aber etwas laienhaft agierenden Sigi Graue, einer Entdeckung Alexander Kluges, übertrieb es Schlöndorff gar ein wenig mit dem Experiment. Dafür sorgte er für perfekten Filmton, der uns Fassbinder nun auch als feinfühligen Interpreten der von Klaus Doldinger vertonten Brecht-Lyrik erleben lässt. Den Fassbinder-Kameramann Dietrich Lohmann ermunterte Schlöndorff wiederum zu seiner späteren expressiven Farbfotografie, die nicht nur für das frühe Farbfernsehen bahnbrechend wurde, sondern im jungen deutschen Film ihresgleichen sucht.

Glücklicherweise verhinderte Schlöndorff eine Überrestaurierung des Materials, das nicht besser aussehen sollte, als es ist. So wurde vermieden, was der öffentlich geförderten Neufassung von „Berlin Alexanderplatz“ zum Verhängnis wurde. Diese ebenfalls von der Fassbinder-Foundation initiierte Restaurierung setzte auf eine dem ursprünglichen 16mm-Material wesensfremde Bildschärfe und verspielte so viel vom sensiblen Umgang Fassbinders mit den Zwischentönen. Es ist bedauerlich, dass „Berlin“ nur noch in dieser Version erhältlich ist.

Nie hat man erfahren, was Helene Weigel genau gegen diese „Baal“-Version hatte. Sollte es allein Fassbinders am jungen Brecht orientierte Selbststilisierung gewesen sein? Thomas Brasch erinnerte sich, dass sie „Lederjacke und Zigarette im Mundwinkel“ nicht gerade als Qualifikation angesehen haben soll. Oder war es Schlöndorffs wohlwollende Interpretation des Rebellen Baal als Anarchisten ohne politische Vision? Wie viele junge Filmemacher liebte Schlöndorff den Expressionismus. Das sieht man seinem Film deutlich an. Die ideologischen Aufladungen späterer Textfassungen machte er dagegen rückgängig.

Dennoch hätte nicht viel gefehlt, und man würde seinen „Baal“ heute nicht als frühes Fassbinder-Dokument feiern, sondern als politisches Zeugnis. Denn zunächst hatte er eine andere Besetzung auserkoren, wenn die nur etwas besser hätte spielen können. Der ideale Baal – für Schlöndorff war das 1969 kein anderer als Daniel Cohn-Bendit.

Baal. Regie: Volker Schlöndorff. D 1970, 87 Min. DVD 9,90 Euro.

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